Erfolgsdruck
Ich
sitze am Schreibtisch und will etwas zu Papier bringen. Einen Roman will
ich schreiben, aber nicht einfach nur einen Roman, sondern ein Bestseller,
der sich hervorragend verkauft, durch den ich einige Berühmtheit erlange,
über den einmal gesagt werden wird, dieses Buch muss man gelesen haben.
Er soll alles bisher dagewesene an Originalität und Unnachahmlichkeit
übertreffen und mich in eine Reihe stellen mit Grass, Walser, Süskind,
vielleicht sogar Kafka oder Hesse. Mein Buch soll die großen Werke
der deutschen Literatur an Ideenreichtum und niedagewesenem Wortwitz noch
übertreffen, und mir die Wege in Talkshows und den bildlichen Literaturolymp
öffnen. Millionen Leser und Leserinnen warten bestimmt schon jetzt gespannt
auf mein Meisterwerk, den nächsten Meilenstein der Literaturgeschichte,
ohne es zu wissen. Ich darf sie nicht enttäuschen. Ich werde vielleicht
noch einige Zeit brauchen, um mein ziel endlich zu erreichen, aber ich werde
es schaffen. Ich werde die nation durch meine Gedanken und Ansichten wachrütteln
und den Menschen mit meiner Meinung neue Denkanstöße geben. Ich
werde es schaffen, eines der wenigen Mitglieder der Gesellschaft zu werden,
auf deren Wort man hört, an deren Rat man sich hält, deren Überzeugungen
man sich anschließt.
Viele begeisterte Leser werden mit mir sprechen und mir erzählen,
wie sehr sie mein Werk berührt hat, viele ernstzunehmende Kritiker werden
mir mein literarisches Talent und meine Überzeugungskraft bestätigen,
und viele Zeitungen werden über die neue Weltanschauung berichten, die
meinen Roman publik gemacht haben wird. Selten hat ein Schriftsteller ein
Buch geschrieben, das so auf die Leser gewirkt hat, die Gesellschaft so sehr
berührt und beeinflusst hat wie meines, wird man im Fernsehen verkünden.
Und überhaupt hätte es noch nie einen Menschen gegeben, der so
klug, so wortgewant, so interessant, so mitreißend und so herausragend
schreiben könnte wie ich werden mir meine Freunde bestätigen.
Doch im Moment sitze ich noch hier am Schreibtisch, und mir
fällt einfach nichts ein. Na ja, dann kann ich ja bevor ich berühmt
werde eben noch den Müll runterbringen...
Christian Dolle