Bruderliebe
Na super! Die Sonne schien,der
Himmel war bilderbuchblau, es war schon fast richtig warm, es war dererste
schöne Tag des Jahres, und Marc musste hier den Babysitter spielen!Echt
klasse! Alle seine Freunde trafen sich jetzt wahrscheinlich irgendwoin der
Stadt um etwas zu unternehmen, und was machte er? Er trottete mitseinem allerliebsten
Brüderchen zum Spielplatz. Zum Spielplatz! Alsob ein Fünfjähriger
sich noch für einen Spielplatz begeisternkönnte. Aber Danny machte
das vermutlich sowieso nur um ihn zu ärgern,weil er wahrscheinlich genau
wusste, wie peinlich es Marc war, zwischen allden jungen Müttern auf
der Bank zu sitzen und seinen Bruder begeistertzu loben, wenn er sich getraut
hatte, allein auf dem Bauch die Rutsche herunterzurutschen.Der Kleine war
eine echte Landplage! Nein, mit seiner Mutter oder seinemVater, Marcs Stiefvater
wollte er nicht auf den Spielplatz. Es musste unbedingtMarc mitkommen. Und
auch sonst ließ Danny seinem großen Bruderkeine ruhige Minute.
Ständig war ihm langweilig und er quengelte solangebis Marc schließlich
mit ihm spielen musste. Und das dann möglichstden ganzen Tag lang! Als
ob Marc nichts besseres zu tun hatte als am Computerdrei Stunden lang Memory
mit Danny zu spielen und dabei auch noch absichtlichzu verlieren. Aber seine
Eltern waren ja zu beschäftigt um sich denganzen Tag um Danny zu kümmern,
und außerdem war Marc ja schließlichder ältere, konnte ja
wohl man etwas zurückstecken und sich auchmal ab und zu um seinen Bruder
kümmern. Wieso eigentlich? Er hatte nieeinen Bruder gewollt. Und er
hatte auch nie gewollt, dass seine Mutter soschnell nach dem Tod seines Vaters
wieder heiratete und einen neuen Ladeneröffnete und überhaupt...
Aber ihn fragte ja keiner.
Gelangweilt, frustriert und irgendwie ziemlich sauer trottete Marc also mit
Danny durch die Straßen und war nur froh, dass niemand den er kannte
ihnen entgegen kam. Auf dem Spielplatz angekommen fiel ihm nochmal ein Stein
von Herzen als er nämlich sah, dass sie die einzigen dort waren. Erstens
verlor Danny dann vielleicht eher die Lust und wollte wieder nach Hause,so
dass Marc sich doch noch mit seinen Freunden treffen konnte, und zweitens
entging er so den nervigen Diskussionen der Mütter über die absolut
überragenden Fähigkeiten ihrer Sprößlinge und dem ständigen
Loben, wie nett es doch von ihm sei, sich so rührend um seinen Bruder
zu kümmern.
"Hey Marc, kommst du mit auf die Wippe?", rief Danny und rannte auch schon
begeistert los. Och nö, das musste ja nun wirklich nicht sein! Aberwenn
jetzt ablehnte, würde danny sich zu Hause beschweren und daraufhatte
Marc einfach keinen Bock. Also hockte er sich wenig begeistert zu seinemBruder
auf das Spielgerät und begann zu wippen. Danny lachte, freutesich und
quietschte geradezu vor Vergnügen.
"Höher, höher Marc", rief Danny immer wieder. Na gut, er hattees
nicht anders gewollt. Marc drückte die Wippe an seiner Seite immerheftiger
nach unten, und Danny flog am anderen Ende immer noch ein Stückhöher
und landete dann unsanft auf seinem Allerwertesten. So konnteMarc wenigstens
ein bißchen seine Wut an seinem Bruder auslassen. Nurdummerweise schien
es Danny auch noch zu gefallen, dass er sich mit allerKraft an der Wippe
festkrallen musste um nicht hinunterzufliegen und manchmalziemlich übel
auf seinem Sitz landete. So verging Marc schon bald dieLust an dem Spiel,
und er beschloss, sich erstmal Zigaretten zu holen. Wenner sich schon langweilen
musste, dann wollte er wenigstens nebenbei rauchendürfen. Danny schärfte
er nur ein, er sei in fünf Minutenwieder da.
"Ach, Danny, und geh bitte nicht wieder allein auf die Seilbahn...", rief
er seinem Bruder noch im Weggehen zu, obwohl er selbstverständlich wusste,
dass diese Ermahnung sowieso zwecklos war. Na ja, vielleicht knallte Danny
ja wenigstens runter, brach sich ein Bein, und er musste deshalb dann soschnell
nicht wieder herkommen. Marc verließ also den Spielplatz, überquert
die Straße und stand auch schon vor dem nächsten Zigarettenautomaten.
Er kramte aus seiner Hosentasche ein Fünfmarkstück hervor und warf
es in den Schlitz. Dann drückte er auf den Knopf seiner Marke, und es
passierte natürlich gar nichts. Warum sollte es auch? Warum sollte an
einem so schönen Tag wie heute denn wenigstens etwas so laufen wie er
sich das vorstellte? Und der Geldrückgabe-Knopf funktionierte natürlich
auch nicht. Echt super! Voller Wut, auf dieses beschissene Scheißding
und überhaupt alles, schlug Marc gegen den Automaten. Nichts passierte.
Marcs Wut flammte jetzt richtig auf, und er schlug mit voller Kraft auf den
Zigarettenautomaten ein als ob er dadurch irgendetwas ändern könnte.
"Na, ist das Ding mal wieder kaputt?" Marc drehte sich um und erkannte Marie.
Marie war in seiner Klasse und sein heimlicher Schwarm, obwohl er bishereigentlich
noch nie mehr als ein, zwei Worte ihr geredet hatte. Erstattetesowas wie
"ja, muss wohl", und versuchte dann ein Lächeln aufzusetzen.Marie lächelte
auch, kramte dann aus ihrer Jackentasche eine Zigarettehervor und bot sie
ihm an. Dankend nahm er an, ließ sich von ihr Feuergeben und beruhigte
sich dann beim Rauchen etwas.
"Sag mal, wohnst du hier in der Nähe? ", fragte Marc, etwas besseres
fiel ihm auf die Schnelle einfach nicht ein. Noch bevor Marie antworten konnte,
wurde die Aufmerksamkeit der beiden auf die andere Straßenseite gelenkt.
Dort ging nämlich ein Mann mit seinem Hund am Zaun des Spielplatzesspazieren,
es war einer dieser großen Kampfhunde, aber mit den Rassenkannte Marc
sich da nicht so aus. Auf jeden Fall knurrte und bellte der Hunddie ganze
Zeit ziemlich wütend, zog wie wild an der Leine, und geradein dem Moment
als Marc und Marie sich zu dem Mann umdrehten, riß dasTier sich plötzlich
los und raste wütend bellend auf den Spielplatz.
DANNY!schoss es Marc durch den Kopf und so schnell wie noch nie zuvor inseinem
Leben drehte er sich auf dem Absatz um und rannte über die Straße
zurück zu seinem Bruder. Sekunden später erreichte er den Spielplatz
und sah ein Bild, das er wahrscheinlich nie wieder vergessen würde.Danny
hing wie ein nasser Sack und lauthals schreiend und weinend an derSeilbahn,
der Hund direkt darunter, kläfftend, sabbernd und ziemlichmordlustig
sprang er immer wieder hoch und versuchte, nach Danny zu schnappen.Ohne nachzudenken,
schnappte Marc sich einen Ast, der da im Gebüschlag, und stürzte
dann mit wildem Gebrüll auf den Köters los.Er versetzte dem Tier
einen ziemlich harten Schlag und zog damit natürlichdie Aufmerksamkeit
auf sich. Jetzt ging das wild gewordene Tier auf ihn los,sprang ihn an, und
Marc versuchte sich mit seinem Knüppel so gut wiemöglich zu wehren.
Den ersten Angriff konnte er noch abhalten, aberder Hund war einfach stärker.
Beim zweiten Sprung riß das Gewichtdes Tieres ihn zu Boden, und Marc
schrie auf als sich der kräftige Kieferder Bestie in seinen Unterarm
grub. Er wollte sich losreißen, aberder wesentlich stärkere Kampfhund
ließ ihm einfach keine Chance.Immer tiefer gruben sich die Zähne
in seinen Arm und Marc war füreinen Moment unfähig, sich zu wehren.
Doch dann flammte neue Kraft inihm auf, und er trat mit voller Wucht auf
das Tier ein, während er mitder freien Hand versuchte, die Kehle des
Hundes zu fassen zu bekommen. Füreinen kurzen Moment sah es so aus als
würde das Tier von ihm ablassen,doch dann verbiss es sich in Marcs Seite,
was noch schmerzhafter war alsder Arm. Marc spürte wie dieses monströse
Gebiß sich immerweiter in seinen Körper bohrte und sah, wie er
ziemlich stark blutete.Aber gerade das Blut machte den Hund noch wütender
und er fiel in blinderWut noch gieriger über sein Opfer her. Marc versuchte
zwar immer noch,sich zu wehren, aber das hatte jetzt kaum noch Zweck. Er
hoffte und betetenur noch, dass bald Hilfe eintreffen würde. Dann konnte
er plötzlicheinen kurzen Blick auf Danny erhaschen und sah, wie sein
kleiner Bruder vonder Seilbahn kletterte. Aber auch der mordgierige Hund
hatte dies gesehen,lockte seinen Biss und wollte offensichtlich auf Danny
los. Mit einer blitzschnellenBewegung, die lähmenden Schmerzen unterdrückend,
bekam Marc dasHalsband des Tieres zu fassen und hoffte nur, er könne
dieses Monsterlange genug festhalten. Der Hund hetzte in Dannys Richtung
davon und zogMarc einfach hinter sich her. Marcs Schmerzen wurden dadurch
unerträglichund er wusste, er könnte sich nicht mehr lange festhalten.
"Danny", keuchte er, "kletter auf die Rutsche!", mehr brachte er nicht mehr
heraus. Es schien Ewigkeiten zu dauern bis der Junge auf Marcs Anweisungreagirte,
aber dann lief er so schnell er eben konnte doch zur Rutsche herüber.
Der Kampfhund bremste jetzt aber einmal kurz ab, schnappte nach Marcs Gesicht
und hinterließ wieder eine tiefe Bisswunde, so dass der in einfachnicht
mehr halten konnte. Dann stürmte er wie wahnsinnig hinter Dannyher,
sprang an der Leiter der Rutsche hoch, bekam aber zum Glück nurnoch
den Schuh des Jungen zu fassen. In kürzester Zeit hatte er DannysTurnschuh
zu einem undefinierbaren Etwas zerrissen, dann ließ er davonab und
hetzte wieder in Marcs Richtung. Der hatte sich inzwischen mühsamso
gut es ging aufgerappelt und suchte nun seinerseits nach einer Fluchtmöglichkeit.
Das Spielgerät, das ihm am nächsten war war der Kletterturm. Er
wußte nicht, aber es vor dem Monster schaffen würde, aber musste
es versuchen. Mit letzten Kraftreserven rannte er auf die Leiter zu und hatte
sie auch schon fast erreicht als er den tobenden Hund hinter sich hörte.
Durch eine Sprung versuchte er sich nach oben zu retten, aber es war zu spät.
Diesmal spürte er die kräftigen Zähne in seinem Oberschenkel,
und dann stürzte auch schon von der Leiter wieder herunter, weil sein
linker Arm aufgrund der Bisswunde einfach nicht mehr so wollte wie er. Wieder
fiel der Köter wie ein blutrünstiges Monster über ihn her,
aber diesmal war einfach zu schwach, sich zu wehren. Er wusste nicht mehr
wo sich der Kiefer des Tieres jetzt in seinen Körper grub, er spürte
nur noch die schrecklichen Schmerzen und hatte den Geschmack seines eigenen
Blutes auf der Zunge.
Doch dann hörte er plötzlich einen lauten Knall und alles war vorbei.
Ein Polizist hatte auf den Hund geschossen, und das Tier sank leblos zu Boden.
Sofort waren weitere Polizisten und Sanitäter um Marc herum, redeten
beruhigend auf ihn ein und legten ihn auf eine Trage. Marc entdeckte denHundebesitzer
und auch Marie. Sie hatte Tränen in den Augen und ergriffjetzt seine
Hand. Aber Marc hatte noch einen Gedanken. "Danny, wo ist Danny?",flüstert
er, zum Sprechen fehlte ihm jegliche Kraft. "Hier, er ist hierbei mir", sagte
Marie, "es geht ihm gut." Unter schier unglaublichen Schmerzendrehte Marc
seinen Kopf etwas und entdeckte seinen Bruder. Ein Sanitäterhatte ihm
eine Wolldecke um die Schultern gelegt, er schien einen leichtenSchock zu
haben, aber wenigstens war er wohl auf. Das war die Hauptsache.Marc blickte
seinem Bruder in die Augen und wollte noch etwas sagen, dochdann wurde ihm
schwarz vor Augen und er spürte gar nichts mehr.