Abraham
Obwohl es schon spät war, saß Abraham immer noch mit Brian am
Computer und arbeitete. Schon ein paar Mal hatte Brian ein Gähnen nicht
unterdrücken können, doch Abraham ermahnte ihn immer wieder, er
wolle heute noch mit den Tests fertig werden. Er war eben von ganzem Herzen
Wissenschaftler und konnte es nicht leiden, eine Arbeit auf morgen zu verschieben.
Brian nannte ihn oft ein richtiges Arbeitstier, aber er selbst hielt sich
einfach nur für gewissenhaft und wusste auch, wie wichtig seine Arbeit
für das Institut war. Ohne ihn ging hier gar nichts, er war sozusagen
das Herz der Forschungsabteilung, doch er wusste, mit dieser Verantwortung
umzugehen. Dabei war er erst seit wenigen Jahren Mitglied im Team, damals
hatten sie ihn aus seiner Heimat hierher beordert, erklärten ihm, dass
sie seine Hilfe brauchten, und nachdem die erste Hürde genommen war
und er endlich ihre Sprache erlernt hatte, war er schnell mit seinen Forschungen
vorangekommen und hatte dem Institut erstaunliche Erfolge eingebracht. Er
hatte vor etlichen Kongressen gesprochen, war sich am Anfang seiner Sache
lange nicht so sicher gewesen wie heute, doch je mehr er erkannte wie innovativ
und wichtig seine Forschungen waren, desto sicherer wurde er sich seiner
Sache und desto verbissener steigerte er sich in seine Arbeit hinein. Wenn
ihm seine Popularität zu Beginn seiner Karriere noch fremd und bedrückend
vorgekommen war, so gab es ihm inzwischen Bestätigung, wenn er mehr
Publikum auf seinen Kongressen anzog als sonst irgendein Wissenschaftler
im Land.
Doch jetzt konnte auch er seine Müdigkeit kaum noch zurückhalten,
doch als Brian erneut den Vorschlag machte, die Sache auf morgen zu verschieben,
erklärte er nur: „Nein, Brian, wir werden das heute beenden. Und
wenn wir müde werden, ist das nur ein Grund, schneller zu arbeiten.“
Brian schüttelte den Kopf, beugte sich dann aber wieder über den
Computer. Abraham war froh, dass er nicht wie schon manchmal davon anfing,
seine Frau und seine Kinder würden zuhause auf ihn warten, denn es wäre
nicht das erste Mal, dass sie deswegen Streit bekämen. Es kam ab und
zu vor, dass Brian mit dieser Entschuldigung einfach die Arbeit beendete,
wofür Abraham kein Verständnis aufbringen konnte. Die Wissenschaft
hatte für ihn absolute Priorität, und das nicht nur, weil er selbst
keine Familie hatte. Wenn man an einem Projekt solcher Bedeutung arbeitete,
so meinte er, müsse man seine ganze Kraft darin investieren, und das
Privatleben musste dann eben zurückstecken. Brian sah das leider nicht
so und meinte, sie haben ihren großen Durchbruch schon geschafft und
können nun etwas kürzer treten, doch eigentlich fing das Projekt
jetzt erst an, interessant zu werden, und Abraham war sicher, sie würden
noch einige wissenschaftliche Erfolge einfahren. Genaugenommen war er geradezu
besessen von dem Gedanken, irgendwann mehr als nur Popularität mit seinen
Ergebnissen zu erlangen.
„Brian,“ fragte er jetzt, „meinst du, wir haben die Chance,
irgendwann den Nobelpreis zu bekommen?“
Brian sah ihn an, verzog den Mund zu einem Lächeln und schüttelte
dann aber den Kopf. „Nein, Abe, ich glaube nicht, dass das möglich
ist. Wir haben etliche andere Preise bekommen, aber ich kann mir nicht vorstellen,
dass man dir einen Nobelpreis verleihen würde.“
„Und wieso nicht? Sind unsere Forschungen zu populärwissenschaftlich?
Oder gibt es andere Projekte, die weiter sind als wir?“
Brian konnte sich jetzt ein Lachen nicht verkneifen, fing sich aber sofort
wieder als Abraham ihm einen strengen Blick zuwarf. „Entschuldige,
aber ich habe mir gerade bildlich vorgestellt, wie sie dir einen Nobelpreis
verleihen.“
Und dann setzte er hinzu: „Aber das geht einfach nicht.“
„Warum sollte das nicht gehen? Nur weil ich Ausländer bin?“
Langsam wurde Abraham ungehalten. Er hatte genügend Menschen gesehen,
die einen Nobelpreis bekommen hatten, auch Latinos, Farbige und Japaner,
warum also nicht auch er? Wusste denn niemand außer ihm seine Forschungen
wirklich zu schätzen?
Brian legte jetzt den Arm um seine Schultern und sah ihn tröstlich an.
„Nein, Abe, das geht wirklich nicht. Und wenn das wirklich ein Traum
von dir ist, dann schlag es dir bitte aus dem Kopf. Bitte.“
Abraham schluckte schwer. Der Nobelpreis war nicht einfach nur ein Traum,
sondern sein festes Ziel, sozusagen der Sinn seiner Arbeit, oder zumindest
die einzige Anerkennung, die ihn für all die Jahre entlohnen würden,
denn schließlich hatte er für das Projekt seine Familie und darüberhinaus
sogar noch seine Heimat aufgeben müssen.
„Brian,“ setzte er erneut an, „dann nenne mir bitte mal
einen guten Grund, warum das nicht gehen sollte.“
„Komm mal mit“, forderte Brian jetzt, erhob sich und zog Abraham
hinter sich her aus dem Büro hinaus und auf die Toilette. Dort wies
er auf den Mannshohen Spiegel und forderte Abraham auf, hineinzusehen. Widerwillig,
weil er sich fragte, was die Aktion sollte, stellte er sich vor den Spiegel
und sah hinein. Aus der Welt hinter dem Spiegel blickte ihm ein ziemlich
großer Gorilla entgegen, ein Gorilla mit frisch gebügeltem Hemd
und Krawatte, den ein Forscherteam vor einigen Jahren aus dem Dschungel geholt
hatte, um ihm das Sprechen beizubringen und seine Intelligenz zu erforschen.