Arianrod, eine Goettin, bringt einen sterblichen Sohn zur Welt und tut den Schicksalsspruch, dass dieser junge Mann "nie ein Weib bekommen werde, das unter den Sterblichen wohnt". Gwydion, der Onkel des Jungen, ein Zauberer, verspricht Lleu, den Bannfluch der Mutter zu durchkreuzen. Aus Blumen und Baumbueten zaubert er ein weibliches Wesen, das den Namen Blodeuwedd erhaelt:


Eines Tages aber zog Lleu aus nach Dathly, um Math, den Sohn des Mathonwy zu besuchen. Und an diesem Tag, als er weggeritten war, ging Blodeuwedd im Hof spazieren. Da hoerte sie den Klang eines Hornes. Und gleich darauf sprang ein muede gewordener Hirsch vorbei, und Hunde und Jaeger verfolgten ihn. Nach den Hunden und den Jaegern kam eine Gruppe Maenner zu Fuss.
"Schickt einen Pagen aus", sagte sie zu ihren Leuten, "und lasst ihn fragen, wer in dieser Jagdgesellschaft reitet."
Also ging ein Page hinaus und fragte, wer da auf Jagd reite.
Gronw Pebyr ist das, Herr auf Penllyn", sagten sie ihm.
Und so richtete der Junge es ihr aus.
Gronw Pebyr verfolgte den Hirsch, und bei dem Flusse Gynvael ueberholte er ihn und toetete das Tier. Und bis sie die Jagdbeute ausgenommen und den Hunden ihren Teil hingeworfen hatten, war es schon spaet am Tag geworden, und die Nacht brach herein. Also kam er zum Tor des Hofes und bat um Quartier.
"Wahrlich", sagte Blodeuwedd, "unser Herr und Gebieter wuerde schlecht von uns sprechen, liessen wir diese Maenner zu dieser Stunde weiterreiten in ein anderes Land, ohne sie zu uns eingeladen zu haben."
"Ganz recht", sagten die Leute in der Burg, "die Sitte erheischt es, die Jagdgesellschaft ueber Nacht hereinzubitten"
Da ritten Boten aus und baten Gronw, hereinzukommen.
Er nahm die Einladung gern an und kam in den Hof, und Blodeuwedd begruesst ihn und hiess ihn willkommen.
"Dame", sprach er, "moege Euch der Himmel Eure Freundlichkeit vergelten."
Als nun die Fremden ihre Ruestung abgelegt hatten, setzten sie sich. Und Blodeuwedd sah zu dem Mann Gronw Pebyr hin, und in dem Augenblick, da sie ihn anschaute, ueberkam sie Liebe zu ihm. Und er schaute sie an, und die Liebe ueberfiel auch ihn wie ein Feuer, das durch die Adern rast, so dass er es nicht verbergen konnte, wie sehr er sie liebte, sondern vielmehr offen davon sprach. Darueber freute sie sich. Und all ihre Gespraeche an diesem Abend hatten zu tun mit ihrer Liebe zueinander, und dass ihnen fuer ihre Liebe nicht mehr Zeit bleibe als nur eine Nacht. Die aber nutzten sie, umarmten sich im Bett der Dame auf seidenen Tuechern und empfanden keinen Arg dabei, obwohl es doch eine Suende war.
Am naechsten Tag wollte Pebyr weiter. Aber Blodeuwedd sprach: "Ich bitte Euch, geht wenigstens heute nicht fort."
Also blieb er auch diese Nacht bei ihr, und die Stunden vergingen rasch, da sie sich so stuermisch liebten. Am Morgen aber berieten sie, wie sie es anstellen koennten, fuer immer beieinander zu sein.
"Es gibt keine andere Moeglichkeit", sagte er, "du musst versuchen herauszufinden, auf welche Art Lleu Llau Gyffes, dein Mann, zu Tode kommen kann. Und dies wird dann nicht schwer sein, wenn du vorgibst, dich treibe die Sorge um sein Leben zu solchen Fragen."
Am naechsten Tag nahm Gronw Pebyr Abschied. Aber Blodeuwedd wollte ihren Geliebten wiederum nicht ziehen lassen.
"Nein, heute darfst du noch nicht fort", rief sie.
"Wenn du so sprichst, kann ich nicht fort", antwortete er, "aber ich sage dir, es ist jetzt gefaehrlich."
"Morgen", sagte sie, "morgen hast du meinen Segen, wenn du reitest."
Am naechsten Tag wollte er aufbrechen, und sie hinderte ihn nicht daran.
"Vergiss nicht", sagte Gronw, „was ich dir geraten habe. Sprich mit deinem Mann. Tu so, als triebe dich die Liebe, und versuche herauszufinden, auf welche Weise man ihn toeten kann."
An diesem Abend kehrte Lleu Llau Gyffes auf seine Burg zurueck. Und den folgenden Tag verbrachte er mit Gespraechen, hoerte den Saengern zu und feierte ein ausgelassenes Fest.
Als sie aber am Abend zu Bett gingen, sprach er einmal zu Blodeuwedd, und er sprach ein zweites Mal zu ihr. Aber bei all dem bekam er dennoch keine Antwort von ihr.
"Was hast du?" fragte er schliesslich. "Ist dir nicht recht?"
"Ich habe an etwas gedacht, was dir gewiss nicht in den Sinn kommt", antwortete sie, "ich fuerchte mich, du koenntest sterben. Und wenn ich an deinen Tod denke, kommt es mir so vor, als wuerdest du eher sterben als ich."
"Der Himmel danke dir fuer deine Fuersorge", sagte er, "aber mich wird so leicht keiner erschlagen."
"Aber um des Himmels und meiner Liebe Willen, zeig mir doch, wie dich einer toeten koennte."
"Das will ich dir gern sagen", erwiderte er, "leicht ist es nicht, ausser, ich wuerde verwundet an einer Stelle. Und an dem Speer, der mich toeten koennte, muesste ein Mann ein Jahr geschnitzt haben. Und nicht eher darf er jeweils anfangen zu arbeiten, als bis die Opfer am Sonntag dargebracht sind."
"Stimmt das wirklich?" fragte sie. "Ist das die Wahrheit?"
"Gewiss doch. Und ich kann nicht erschlagen werden in einem Haus, noch ausserhalb eines Hauses, nicht zu Pferde und nicht zu Fuss."
"Wahrlich, dann kannst du also ueberhaupt nicht erschlagen werden?"
"0 doch, und ich will dir auch erklaeren wie", sagte er, "wenn einer ein Bad errichtet neben einem Fluss und fuegt ein Dach ueber einen Kessel und bringt einen Ziegenbock und legt ihn neben den Kessel, und ich setze einen Fuss auf des Ziegenbocks Ruecken und den anderen auf den Rand des Kessels, und es trifft mich jemand in diesem Augenblick und stoesst zu... dann werde ich sterben muessen."
"Oh", sagte sie heuchlerisch, "ich danke dem Himmel. Denn dass all dies zusammen zutrifft, sollte sich doch leicht vermeiden lassen."
Kaum aber hatte sie all dies erfahren, so schickte sie Gronw Pebyr Nachricht davon. Und Gronw schnitzte einen Speer, und am Tage nach zwoelf Monaten war er fertig. Und am selben Tag noch liess er Blodeuwedd darueber Nachricht zukommen.
"Herr", sprach Blodeuwedd zu Lleu, "ich habe darueber nachgedacht, wie das eintreten koennte, was Ihr mir ueber Euren Tod gesagt habt. Koennt Ihr mir nicht zeigen, auf welche Art Ihr auf dem Rand eines Kessels und auf dem Ruecken eines Ziegenbocks stehen muesst, wenn es wahr werden soll? Ich werde ein Bad fuer Euch richten. Es waere gut, wenn ich die Prophezeiung genau wuesste, damit ich darauf achten kann, dass eine solche Situation nie eintritt."
"Ich werde es dir zeigen", sagte Lleu.
Dann schickte sie nach Gronw und bat ihn, sich an dem Huegel, der jetzt Bryn Kyvergyr genannt wird und sich am Fluss Cynvael erhebt, in einen Hinterhalt zu legen. Sie liess auch alle Ziegen, die in der Provinz weideten, zusammentreiben und brachte sie auf die andere Seite des Flusses, gegenueber Bryn Kyvergyr.
Und am folgenden Tag sprach sie: "Herr, ich habe ein Dach bauen lassen, und das Bad ist dort bereitet."
"Gut", sprach Lleu, "ich will mir das einmal ansehen."
An diesem Tag kamen sie und betrachteten die Badestelle.
"Willst du nicht ein Bad nehmen, Herr?" fragte sie.
"Warum nicht", sagte er arglos, stieg ins Bad und rieb sieh mit Öl ein.
"Herr", sprach sie, "seht ihr diese Tiere dort? Diese Tiere nennt man doch wohl Boecke?"
"Ja", sagte er, "lass einen davon fangen und ihn herbringen." Und der Bock wurde gebracht. Da stieg Lleu aus dem Bade und zog seine Hosen an und setzte einen Fuss auf den Rand des Bades und den anderen auf den Ruecken des Bocks. Darauf erhob sich Gronw vom Huegel, der Bryn Kyvergyr genannt wird, stuetzte sich auf dem einen Knie auf und warf die vergiftete Lanze, und sie traf Lleu in die Seite, so dass der Schaft herausragte, aber die Spitze in seinem Koerper stecken blieb. Darauf verwandelte er sich in einen Adler und stiess einen furchtbaren Schrei aus.
Und von da an ward er nicht mehr gesehen.
Kaum, dass er fort war, machten sich Gronw und Blodeuwedd auf zum Palast, und dort schliefen sie miteinander viele Male in dieser Nacht. Und am naechsten Morgen stand Gronw auf und ergriff Besitz von Ardudwy. Und danach herrschte er ueber Ardudwy und ueber Penilyn.
Die Nachricht von all dem wurde Math, dem Sohn des Mathonwy zugetragen, und Kummer und Gram ueberkamen ihn, aber noch trauriger war Gwydion.
"Herr", sprach Gwydion endlich, "ich will nicht eher rasten und ruhen, bis ich nicht in Erfahrung gebracht habe, was aus meinem Neffen geworden ist."
"Recht so", sprach Math, "moege der Himmel dir Staerke verleihen."
Da brach Gwydion auf und zog fort. Und er lief bis an die Grenzen von Gwynedd und Powys. Und als er dort gewesen war, zog er nach Arvon und kam zu dem Haus eines Vasallen in Maenawr Pennardd. Er machte Rast und blieb ueber Nacht. Der Herr des Hauses kam vom Feld herein, und seine Knechte kamen auch, und als letztes kam auch die Schweineherde. Sprach der Herr des Hauses zum Hirten:
"Nun, junge, hast du die Sau heute mit heimgebracht?"
"Ja, sie ist mit da", sagte er.
"Wo rennt denn die Sau hin, wenn sie durchgeht?"
"Jeden Tag, sobald der Pferch aufgemacht wird, rennt sie fort, und keiner weiss, wo sie bleibt. Es ist, als ob die Erde sie verschluckt haette."
„Sei so gut", sagte Gwydion, "und oeffne morgen den Pferch nicht eher, bis ich mit dir neben dem Ausgang stehe."
"Das will ich gern tun", antwortete der Hirte.
Sie legten sich schlafen, und als der Tag anbrach, stand Gwydion auf, kleidete sich an und ging mit dem Schweinehirten zu dem Pferch. Dann tat der Schweinehirte auf. Und kaum war das geschehen, da sprang die Sau heraus und machte sich in grosser Eile davon. Aber Gwydion folgte ihr, und sie lief zum Fluss hin und dort zu einem Bach, der heute Nant y Lleu genannt wird. Dort hielt sie inne und begann zu grasen.
Und Gwydion kam unter den Baum und schaute, was es war, das die Sau frass. Da sah er, dass es nacktes Fleisch war. Dann schaute er hinauf auf den Baum und erkannte, dass dort ein Adler sass, und als der Adler sich schuettelte, fiel abermals Wildfleisch herab, und dies verschlang die Sau. Es kam Gwydion vor, als sei dieser Adler Lleu.
Und er sang eine Zauberstrophe:

Eiche, die zwischen zwei Ufern waechst,
verdunkelt sind Himmel und Berg.
An seinen Wunden erkenne ich,
dass es Lleu ist, der dort sitzt.

Darauf kam der Adler herab, bis auf halbe Hoehe des Baumes. Und Gwydion sang abermals eine Zauberstrophe:

Eiche, die im Erdreich des Hochlandes waechst.
Ist sie nicht nass vom Regen.
Sind nicht hingegangen ueber sie
neun mal zwoelf Gewitter.
In ihren Aesten traegt sie Lleu Llau Gyffes!

Da kam der Adler auf den untersten Ast herab, und nun sang Gwydion diese Zauberstrophe:

Eiche, die am Abhang steht.
Gross und maechtig anzuschauen.
Soll ich nicht davon reden,
dass Lleu auf meinen Knien sitzt?

Und der Adler kam herab und setzte sich Gwydion auf die Knie.
Und Gwydion beruehrte ihn mit seinem Zauberstab und gab ihm seine urspruengliche Gestalt wieder.
Nun bot sich ihm ein jammervoller Anblick, denn Lleu war nur noch Haut und Knochen.
Darauf zog er in die Provinz Dathyl, und dort brachte er ihn zu erfahrenen Ärzten, und ehe das Jahr zu Ende ging, war er voellig genesen.
"Herr", sprach er darauf zu Math, dem Sohn des Mathonwy, "es ist hohe Zeit jetzt, dass ich Schadenersatz von dem verlange, der mir all dieses Leid zugefuegt hat."
"Recht", sprach Math, "er darf den Besitz nicht behalten, der dir rechtens zusteht."
"Nun", sagte Lleu, "je eher ich zu meinem Recht komme, desto besser."
Dann riefen sie alle Maenner von Gwynedd zusammen und brachen auf gegen Ardudwy. Und Gwydion ging voran und kam nach Mur–y–Castell. Und als Blodeuwedd von seinem Kommen hoerte, nahm sie all ihre Maedchen mit sich und floh ins Gebirge. Und sie ueberquerten den Fluss Cynvael und zogen zu einem Hof, der auf dem Gebirge eingerichtet war, und aus Furcht, dass jemand sie einholen koennte, schauten sie immer hinter sich. So achteten sie nicht auf den Weg und stuerzten in den See. Alle ertranken, ausser Blodeuwedd, und Gwydion holte sie ein.
Und er sprach zu ihr: "Ich werde dich nicht erschlagen. Dir soll Schlimmeres widerfahren. Ich werde dich in einen Vogel verwandeln. Du sollst nie mehr dich bei Tageslicht sehen lassen, und alle anderen Voegel sollen dich fuerchten und dich jagen, wo immer sie dich finden. Und du sollst nicht deinen Namen verlieren, sondern immer Blodeuwedd heissen."
Nun heisst Blodeuwedd in der Sprache unserer Tage "Eule", und dies ist der Grund, warum alle Voegel die Eule hassen.
Und Gronw Pebyr zog sich nach Penllyn zurueck und schickte von dort eine Gesandtschaft. Und diese Maenner fragten Lleu, ob er wohl Grundbesitz, Gold oder Silber annehmen wolle, zur Entschaedigung fuer das, was ihr Herr ihm angetan.
"Das werde ich nicht tun", sprach Lleu zu ihnen, "ich verlange, dass Gronw zu der Stelle kommt, an der er mich mit dem Speer getroffen hat. Und dort will ich auf ihn zielen. Auf etwas anderes lasse ich mich nicht ein." Und so wurde es Gronw Pebyr ausgerichtet.
"Nun", sprach er, "muss ich das wirklich tun? Meine treuen Krieger, meine Ritter und meine Ziehbrueder. . . ist da keiner unter euch, der an meiner statt den Kopf hinhaelt?"
"Nein, wahrlich keiner", antworteten sie. Und weil sie wegen dieser Weigerung Schlaege von ihrem Herrn empfingen, nennt man sie bis heute den dritten der ungetreuen Staemme.
"Nun", sprach darauf Gronw, "dann muss ich eben gehen."
Also kamen sie beide zu den Ufern des Flusses Cynvael, und Gronw stand an der Stelle, an der Lleu gestanden, als ihn das vergitete Geschoss getroffen, und Lleu stand dort, wo zuvor Gronw gestanden.
Dann sagte Gronw zu Lleu: "Da all das, was ich dir angetan habe, geschehen ist, waehrend ich unter dem Einfluss eines Weibes stand, bitte ich dich um einen Vorzug. Erlaube mir, dass ich hinter jenen Stein trete, der dort drueben am Fluss steht, damit ich wenigstens etwas Schutz habe, wenn du wirfst."
"Das kann ich dir nicht verwehren", sprach Lleu.
"Ach", sprach der andere, "moege der Himmel es dir lohnen."
Also stellte sich Gronw hinter den Stein.
Lleu warf seinen Speer, und der durchschlug den Stein und durchschlug Gronws Koerper und trat am Ruecken wieder aus.
Und noch heute gibt es jenen Stein am Ufer des Flusses Cynvael in Ardudwy, der ein Loch aufweist.
Zum zweitenmal nahm Lleu Llaw Gyffes nun sein Land in Besitz, und gluecklich regierte er es.

Aus dem Vierten der Vier Zweige des Mabinogi

Blodeuwedd

Hosted by www.Geocities.ws

1