Branwen, die Tochter eines walisischen Koenigs, hatte drei Brueder, und alle drei waren anders. Bran, der Koenig, war gross wie ein Riese, stark wie ein Baer und mutig wie ein Loewe. Jedes Haus beengte ihn, nur in der frischen Luft konnte er leben, unter Baeumen stand sein Zelt, dessen Waende immer aufgerollt waren. Nisien war Branwens Halbbruder. Nicht viel kleiner als Bran und fast ebenso stark, aber er kannte die Pflanzen und deren Wirkung; mit Kranken ging er behutsam um, seine Haende heilten. Er liebte alles Menschen und Tiere, doch niemandem im Besonderen.
Sein Zwillingsbruder Effnisien war der Zweitgeborene. Er litt unter seinem Schicksal, immer fuehlte er sich zurueckgesetzt, uebergangen.
Er liebte Branwen, er beschuetzte und bewachte sie, aber er war auch eifersuechtig auf ihre Maedchen und Tiere, ein zahmes Reh, eine Kraehe und einen Star. Alle waren sie verwundet zu Nisien gebracht worden, er hatte sie geheilt und Branwen geschenkt. Sie blieben bei ihr.
Effnisien war auf der Jagd im Norden, als Matholwch nach Wales kam und Branwens Mann wurde. Wie auch haette sie ihren Halbbruder, ihren Spielgefaehrten und Beschuetzer zum Manne nehmen koennen? Er wusste, dass dies unmoeglich war. Aber zu wissen, dass ein Ereignis irgendwann eintreten wird, ist eine Sache. Eine vollendete Tatsache ist etwas anderes. Er raste, als er es von Matholwch erfuhr, er war ausser sich, er verstuemmelte unschuldige Tiere, er verletzte manawyddans Pferde so grauenvoll, dass sie qualvoll schreiend zugrunde gingen.
Pferde, ausgerechnet Pferde!
Matholwch hatte Branwen einen Anhaenger in Form eines Pferdes geschenkt, er wusste, was das Pferd fuer jeden bedeutete. Die Schmach war uebermaechtig. Er stuermte auf sein Schiff, von dort aus liess er alle Maenner zu sich rufen, schon lichteten sie die Anker, um nach Irland zurueckzusegeln. Waehrend der ganzen schrecklichen Zeit war Branwen Luft fuer ihn, kein Wort sprach er mit ihr, fuer seine Leute war sie nicht vorhanden, sie wurde sitzengelassen wie eine Magd.
Er kannte Branwen erst wieder, als Brans Geschenke eintrafen. Eins der Geschenke wurde allen zum Verhaengnis... Doch das ahnte sie natuerlich nicht, Branwen war froh, dass Matholwch sie wieder liebte.
Die ersten jahre in Irland waren herrlich, vor allem, als Branwens und Matholwchs Sohn Gwern geboren wurde.
Als Branwens alte Amme, die mit ihr nach Irland gegangen war, Gwern zum erstenmal sah, als sie ihn nach der Geburt gewaschen und bekleidet hatte und er auf dem weissen Tuch lag, beugte sie sich ueber ihn und sah ihn aufmerksam an. „Das ist ein feiner Kerl", sagte sie.
Er wusste, was er wollte, doch war er nie aufbrausend. Er war klug, froehlich und liebenswuerdig. Er freute sich, wenn man ihn fuetterte, er freute sich, wenn man mit ihm spielte, er freute sich ueber alles. Und er konnte sehr zaertlich sein.
Matholwch schenkte Branwen zur Geburt des Sohnes Gwern ein Schmuckstueck in Form eines Rades, das sogenannte Sonnenrad. Als er es ihr ueberreichte, brach eine Speiche heraus. Der Koenig wurde sehr aergerlich, er wollte den Goldschmied hart bestrafen. „Es ist ein schlechtes Omen, hatte sein Ratgeber, der Weise, ihm ins Ohr gefluestert.
Matholwch liebte die Schoenheit seiner Frau. Er war stolz auf sie, oft kam er ihren Bitten und Wuenschen nach und handelte gegen den Willen seines Ratgebers.
Doch nicht umsonst wurde dieser „Der Weise" genannt. Seine Staerke waren Matholwchs Fehler und er war ein Schwaechling. Aber als er ihr das Sonnenrad schenkte, sagte er Branwen, dass seine Liebe fuer sie ohne Anfang und Ende sei und alle Widrigkeiten des Alltags ueberstrahle. Branwen glaubte seinen Worten. Doch von diesem Augenblick an beobachtete sie der Weise. Er fuerchtete, dass Matholwch ihr mehr Vertrauen schenken koennte als ihm.
Er warnte Branwen, den Koenig nicht zu beeinflussen, und schliesslich wurde er zu ihrem Gegner. Bald formte der Weise Matholwch nach seinem Gutduenken. Er war maechtig! Der Wind trug ihm die Gedanken der Menschen zu, die Kraefte der Naur waren ihm zu Willen, und er nuetzte sie: Er schluepfte in den Koerper jedes Lebewesens, er nahm jede Gestalt an, um seine Ziele zu erreichen. Er war die Katze im Hof, die Ameise im Gras, der Hund im Wald, die Maus im Feld. Er war sie alle und blieb doch der Eine.
Der Weise wurde Branwens Feind.
Doch er konnte sie nicht toeten, noch nicht, dazu waere Matholwch nicht bereit gewesen. So vernichtete der Weise Branwen auf eine andere Art. Auf eine ungeheuerliche, unmenschliche Art und Weise...
Damals, als Effnisien Matholwchs Pferde so entsetzlich verstuemmelt hatte und Bran die Tat mit Gold und dem groessten Schatz des Landes gesuehnt hatte, damals belegte Matholwch seine Begleiter mit dem Koenigsbann: Niemand durfte zu Hause in Irland von dem erlittenen Unrecht berichten. Doch ploetzlich wurde es bekannt. Es war, als haette es der Wind in die Herzen der Menschen getragen. Jeder wusste davon.
Die Suehne? Wer fragte schon danach! Ein Opfer wurde gesucht, und es wurde gefunden.
Zuerst wurde Branwens Sohn Gwern zur Erziehung an einen anderen Koenigshof gebracht. Sie wurde aus ihren Gemaechern verbannt.
Ein Loch neben der Kueche wurde ihr Zuhause, tagsueber war sie die Magd des Mannes, der die Tiere schlachtete und ihr Fleisch zubereitete. Er hatte schmale Augen, winzig und boese, wie die eines Schweines. Aber seine Hand war riesig und immer feucht.
Jeden Tag, zu einer bestimmten Zeit, musste er sie schlagen. Er genoss es, darin wurde er zum Meister. „Ich geb dir eine Ohrfeige", sagte er jedesmal. „Ich geb dir eine Ohrfeige, dass du bis ans Ende der naechsten Woche fliegst."
Das erste Jahr war furchtbar.
Branwen erfuhr, dass kein fremdes Schiff an den Kuesten anlegen durfte, denn selbst der Weise wusste, dass Bran, ihr Bruder, sie raechen wuerde. Doch natuerlich liess sich dieses Verbot nicht lange aufrechterhalten. Branwen wusste, dass sie sterben musste es sei denn, sie koennte den Weisen ueberlisten. Tag und Nacht dachte sie darueber nach.
Schliesslich zaehmte sie einen Staren. Sie erzaehlte ihm von ihrem Unglueck und auch davon, was ihr Bruder Bran, der Koenig, tun wuerde, wenn er davon erfuehre. Wie der Sturmwind wuerde er die Iren uebers Meer fegen und Matholwch, den Schwaechling, davonjagen! Dann koennte sie mit ihrem ohn Gwern, mit den Walisern und Englaendern nach Hause fahren. Jeden Tag sprach sie mit dem Staren, und schliesslich lernte auch er das Sprechen. Da wusste sie, dass sie in ihm den Boten gefunden hatte, den sie zu Bran schicken konnte.
Sie lehrte den Vogel immer und immer wieder, dass er stets in Richtung der aufgehenden Sonne fliegen muesse. Auf ein Stueckchen Tuch schrieb sie die Botschaft fuer Bran, sie rollte es eng zusammen und befestigte es unter dem Fluegel des Vogels.
Und dann, an einem Tag, als der Wind guenstig war, flog er fort.
Sie wartete Wochen und Monate, sie schwebte zwischen Hoffnung und Verzweiflung, doch eines Tages stuerzte schliesslich ein Fischer in den Burghof. Einen Wald von Baeumen haette er auf dem Meer gesehen!
Da wusste sie, dass Bran die Botschaft empfangen hatte. Die Waliser landeten und errichteten am Strand ihr Lager. Sie sandten Botschafter an Matholwch und empfingen die Botschaft, dass sie mit Freude aufgenommen wuerden.
Daraufhin erfuellten hektische Vorbereitungen die ganze Burg. Matholwch brachte seine Geliebte in den abgelegenen Teil der Burg. Branwen wurde aus der Kueche geholt, gebadet, gekleidet und um Rat gefragt: Wie sollte man ihren Bruder empfangen? Branwen riet dem Weisen, eine grosse Halle zu bauen und ein Fest vorzubereiten. Der Rat war gut, doch rechnete sie nicht mit der Schlaeue der Iren und auch nicht mit ihrem Halbbruder Effnisien. Der liebte sie noch immer.
Eines Tages waren alle Vorbereitungen abgeschlossen. Die Iren versammelten sich auf der einen Seite der Halle, Bran und seine Maenner auf der anderen. Da verlangte Effnisien, das Gebaeude als erster zu betreten und es auf seine Tauglichkeit zu pruefen. So entdeckte er die hundert versteckten Krieger: Waere Bran in die Falle gelaufen, waeren er und seine Maenner verloren gewesen. So aber toetete Effnisien einen nach dem anderen.
Matholwch, der Verraeter, gestand seine Schuld. Die Wiedergutmachung wurde festgesetzt und akzeptiert, die Versoehnung konnte gefeiert werden.
In der Halle laermten die Krieger, die Schwerter klirrten, die Flammen des riesigen Herdfeuers zuckten und prasselten, wenn Fett in die Glut tropfte.
Schliesslich brachte die Amme Gwern, Branwens Sohn. Er sah seine Mutter, seine Augen leuchteten auf, doch zuerst musste er seinen Vater begruessen und seine Onkel Bran, Nisien und Effnisien.
Einer der Iren sagte in wohlberechneter Freundlichkeit: „Er ist schoen wie das Kind einer Fee!"
Da schrie Effnisien: „Meine Schwester ist keine Fee!"
Er packte Gwern, er packte ihn mit seinen riesigen Haenden und warf ihn ins Feuer...
Er bruellte: „Seht ihr, wie er brennt? Er ist das Kind einer Sterblichen. Ihr seid im Unrecht, ihr Iren!"
Gwern schrie nur einmal, dann war er still.
Doch Gwerns einziger Schrei uebertoente alle anderen Schreie, die Schreie der Iren, der Waliser, der Englaender. Sie fielen uebereinander her, sie toeteten sich, und je hoeher das Blut zu ihren Fuessen stieg, desto rasender wurden sie.
Am Morgen sah Matholwch, dass er verlieren wuerde. Er liess den Kessel holen, den er von Bran bekommen hatte, den Kessel, der Tote ins Leben zurueckrufen konnte. So feige war er, dass er seinen eigenen Tod mehr fuerchtete als die seelenlosen Wesen, die dem Kessel entstiegen. Diese hatten ihre Seele und ihre Sprache eingebuesst. Sie waren wie Maschinen mit einer einzigen Fertigkeit: Sie toeteten Freund und Feind.
Als Effnisien den Kessel, als er die ersten Krieger sah, die ihm entstiegen, legte er seine Haende auf Branwens Schultern.
„Branwen", sagte er, „haettest du mich geliebt, haette ich dir die Welt zu Fuessen gelegt."
Dann stuerzte er sich in den Kessel.
Der zerbarst in tausend Teile, denn der Kessel konnte nur durch einen lebenden Menschen, der sich freiwillig opferte, zerstoert werden.
Der Kampf endete, als fast alle Iren getoetet und nur noch Bran und eine Handvoll seiner Maenner uebrig waren. Doch auch der Weise, der Ratgeber des Koenigs Matholwch hatte ueberlebt, und er machte Branwen fuer den Tod der Krieger verantwortlich und stiess einen furchtbaren Fluch aus. Nie wieder, weder im Leben noch im Tod, wuerde sie Ruhe und Frieden finden...
Nacherzaehlung des Zweiten der Vier Zweige des Mabinogi
Branwen's
Sage