|
|
|
|
Shampoo
Ich stehe vor dem Spiegel und föhne mein üppiges, blondes Haar. Ich danke den Genen und dem lieben Gott für die glänzende Pracht. Laut lobe ich diese. Da höre ich ein mehrstimmiges Räuspern: Ich schaue in den Spiegel und sehe winzige Männchen, die in meinen Haarsträhnen sitzen und belehrend ihre Zeigefinger heben: „Du solltest uns danken“, drohen sie. Sie stellen sich als die Inhaltsstoffe meines Shampoos vor. Die eine Gruppe gibt sich als Tenside zu erkennen, die meine Haare gereinigt haben. Als waschaktive Substanzen schäumen sie gut, sind weder zu dünn noch zu dickflüssig, entwickeln ihr Eigenschaften sowohl im harten als auch im weichen Wasser, sind biologisch abbaubar und harmonieren mit den vielen anderen Rezepturbestandteilen. „Wir sind die ersten synthetischen Shampoo-Tenside, wir reinigen deine Haare besonders gut und schäumen wunderbar,“ trumpfen die Alkylsulfate auf. „ Gebt doch nicht so an,“ ereifern sich die Natrium-Alkylethersulfate. „Wir sind die bedeutendsten Tenside für Shampoos und wir gleichen eure Nachteile aus! Ihr habt doch eine schlechte Kältelöslichkeit und zu geringe Hautverträglichkeit! Na gut, wir sind zwar nicht sehr cremig, aber die Kopfhaut schonen wir!“ Da melden sich die Alkylether-Carboxylate zu Wort: „ Wir gehören mit einem höheren Ethoxylierungsgrad (>10), zu den mildesten Tensiden!“ Dass sie schlecht schäumen und ihr Viskositätsverhalten zu wünschen lässt, verschweigen sie jedoch beschämt. Da schaltet sich auch schon die nächste Gruppe ein: „Wir Eiweiß/Fettsäure-Kondensate sind besonders hautverträglich!“ Über ihre starke Eigenfärbung, ihren ebensolchen Geruch und ihre hohe Konservierungsbedürftigkeit verlieren sie hingegen kein Wort. Nun heben auch die Sulfobernsteinsäureester ihre Milde hervor. Als jedoch die Amphoteren Tenside prahlen, die Eigenschaften der anionischen Tenside durch den Synergie-Effekt zu verbessern, fällt mir ein, dass sie dafür verantwortlich sind, dass meine Augenschleimhäute manchmal gereizt reagieren. Ich habe genug von dem Streit auf meinem Kopf und zische die Tenside an: „ Lasst doch auch Wirkstoffe zu Wort kommen!“ Dankbar stellen sich die Wirkstoffe vor: „Wir sind Kräuterextrakte, Antischuppenwirkstoffe oder kationaktive Stoffe. Mit einer Art dünnem Film umhüllen wir das Haar, machen es glatt, glänzend und leicht kämmbar. Du findest uns übrigens auch als Hauptwirkstoffe im Conditioner, im Weichspüler und im Klarspüler.“ Dezent , wie es nun einmal ihre Art ist weisen die Pflegestoffe, wie Kamillenextrakt, Lecithin und Eiweißhydrolisaten auf ihre Unterstützung hin. Für optische Perfektion erklären sich die Hilfsstoffe zuständig. Silicontenside garantieren bessere Verträglichkeit, natürliche Öle sind Rückfetter, Glycerin ist ein Feuchthaltemittel, Elektrolyte, wie Natriumchlorid verdicken das Haar und UV-Filter stabilisieren es. „Zusatzeffekte sind die Krönung jedes Shampoos ,“ flöten mir Parfumöle, Farbstoffe und optische Aufheller, sowie Perlglanzmittel ins Ohr. Anerkennend zwinkere ich den tüchtigen Inhaltsstoffen meines Shampoos zu: Schönheit ist also doch reine Chemie!
Quelle : Kosmetik transparent |