Die Gestaltung des Rumantsch Grischun

 

Anna-Alice Dazzi Gross

Lia Rumantscha-Canton Grigioni

Das Rätoromanische in der Schweiz (auch 'Bündnerromanisch' oder 'Romanisch') hat aus historischen und geografischen Gründen ab dem 16. Jh. (Reformation/Gegenreformation) fünf verschiedene regionale Schriftidiome entwickelt: Das Surselvisch (Gebiet am Vorderrhein), das Sutselvisch (Teilgebiete am Hinterrhein), das Surmiran (Oberhalbstein, Albulatal), das Puter (Oberengadin) und das Vallader (Unterengadin, Münstertal).
Eine einheitlichen Schriftsprache für die Bündnerromania ist ein altes Desiderat. Ein erster Versuch zur Schaffung einer überregionalen Schriftsprache wurde vom Disentiser Benediktinerpater Placis a Spescha (1752-1833) unternommen. Ende des 19. Jh. versuchte Gion Antoni Bühler (1825-1897) mit seinem "romontsch fusionau" zu einer gesamtbünderischen Koiné (Gemeinsprache) zu gelangen. Leza Uffer (1912-1982) hat einen weiteren Vorschlag zur Vereinheitlichung der rtr. Schriftidiome gemacht, der unter der Bezeichung "interrumantsch" bekannt geworden ist. Die drei genannten Versuche haben aus verschiedenen Gründen keinen Durchbruch erzielt.
Und so bestand Ende der 1970er Jahre die Gefahr, dass das Deutsche mehr und mehr die Rolle der Einheitsschriftsprache für alle Bündnerromanen übernehmen würde. Diese Tatsache bewog die Lia Rumantscha einen weiteren (vielleicht den letzten?) Versuch zur Schaffung einer überregionalen Schriftsprache zu starten.
Im Frühjahr 1982 legte der Zürcher Romanist Heinrich Schmid im Auftrag der Lia Rumantscha die "Richtlinien für die Gestaltung einer gesamtbündnerromanischen Schriftsprache Rumantsch Grischun" vor. Diese Richtlinien sind eine Sammlung von einzeln begründeten Regeln und Empfehlungen für den lautlichen Aufbau sowie für die Formen-, Satz- und Wortbildungslehre. Auf dieser Grundlage erarbeitete die Sprachstelle der LR mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung 1985 ein Wörterbuch mit einer darin integrierten Elementargrammatik des Rumantsch Grischun (DARMS; DAZZI; GROSS). 1993 erschien die gesamte linguistische Datenbank der LR in Buchform (DARMS;DAZZI GROSS). Diese Datenbank, inkl. die Konjugationen aller RG-Verben, wird ständig erweitert und optimiert und ist seit 2002 auf CD-ROM erhältlich. Seit zwei Jahren erarbeitet eine Forschungsgruppe im Rahmen eines weiteren Nationalfond-Projekts eine umfassende Grammatik des Rumantsch Grischun.

Dieser Beitrag versucht, die Standardisierung des Rumantsch Grischun und deren praktische Umsetzung in den letzten 20 Jahren zu skizzieren. Dabei sollen Fragen erörtert werden, wie: Nach welchen Prinzipien und Kriterien wurde die neue Schriftsprache festgelegt? Wie erfolgte die Sprachplanung, im Besonderen die Korpusplanung (v.a. Aspekte der Lexikografie des Rumantsch Grischun)? aber auch: Welche Herausforderungen stellten sich in der Statusplanung und welche soziolinguistischen und psycholinguistischen Aspekte waren und sind von Bedeutung bei der Einführung der neuen Standardsprache Rumantsch Grischun?


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