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                     unclesally*s 84

 

 

Placebo- New found glory

Nun hat die dreckige 30 auch Placebo – Frontman Brian Molko am Nacken gepackt und er fühlt sich trotzdem so ausgeglichen wie nie zuvor. Mit sichtlich guter Laune und sprachlicher Eleganzreflektiert Molko die Karriere seiner Band, die Drogen – und Sex – Eskapadender exzessiven Vergangenheit und die neu gewonnene Verantwortung gegenüberseinen Kollegen, seinen Fans und vor allem gegenüber sich selbst. Im siebtenJahr nach ‚Nancy Boy’ ist das Londoner Trio heute da angelangt, wo es sich selbst am wenigsten vermutet hätte: In der schwierigen Position einer bedeutenden Rockband. And nowlet’s talk about buisiness. Nett hier. Anders als noch im vergangenen Mai, als sich Brian Molkos rund 100 Quadratmeter weites Loft rechtspärlich möbliert zeigte und sich die an den Backsteinwänden gestapelten CD– Türme gefährlich nach links beugten. Im frühen Januar 2003 hat sicheiniges geändert: ein Sofa hat den weg in die 3. Etage des von außen Fensterlosen Fabrikgebäudes gefunden, Brian ist stolzer Besitzer einer Pinball– Machine und die CDs mussten einer Armada von Glückwunschkartenweichen, die er anlässig seines 30. Geburtstages zugesteckt bekam. Das am Ende des Lofts gelegene Ministudio war seinerzeit weitgehend verwaist, heute sind sämtlicheInstrumente verkabelt, CD – Rohlinge zieren den Boden des Homestudio - Podestsund Vorab – Kopien des neuen Albums ‚Sleeping With Ghosts’ inklusive derRough – Mixe der B – Seiten – Sessions liegen auf dem 16 – Spur –Mixer. Brian blättert durch die gut drei Dutzend Fotos des kürzlich beendetenStudioaufenthalts, kommentiert jeden Schnappschuss mit zahlreichen Anekdoten undentkorkt nebenbei die erste Flasche Weißwein. ‚Ready?’ ‚Sleeping With Ghosts’ ist nachdem selbstbetitelten Debüt, dem 98er ‚Without You I’m Nothing’ und dem2000er ‚Black Market Music’ nicht nur das vierte Album von Brian Molko,Stefan Olsdal und Steve Hewitt, sondern auch deren selbsternannten Masterpiece.Brian weist darauf hin, dass die Band noch nie so ungezwungen und locker wie im falle des neuen Albums an die gemeinsame Arbeit gegangen sei, und dementsprechend leichtfüßig und entspannt klingt auch das Ergebnis. Die unterRegie von Jim Abyss eingespielten zwölf Tracks des neuen Placebo – Werks sindAusdruck eines unerschütterlichen Band – und Produzentengefüges, und gemeinsam arbeitete sich die Sound – AG durch das neue Material. Jeder der drei Placebo – Brüder brachte seine individuellen Ideen in die Songs ein,umgesetzt wurden sämtliche Ansprüche aber von allen gemeinsam. Call them the Arthouse Mafia: “ ‘Sleeping With Ghosts’ ist das Ergebnis aus gemeinsamen Erfahrungen der vergangenen sieben Jahre und dem, was wir in dieserZeit als Musiker und Produzenten gelernt haben”, sagt Brian. „InsbesondereStefan hat sich auf diesem Album als Songwriter selbst gefunden, er schrieb drei Stücke fast im Alleingang und hat somit ein neues Kapitel in unserer Karriereaufgeschlagen. Ich bin wirklich stolz auf ihn und froh, mit so einem begnadeten Musiker in einer Band sein zu dürfen.“ Nicht zuletzt Stefan ist es auch zu verdanken, dass ‚Sleeping With Ghosts’ entgegen aller Mutmaßungen zu dem wurde, was die einen erhofft – die anderen nicht erwartet haben: Einewegweisende Rockplatte. Olsdal schrieb drei der Uptempo – Nummern des neuenAlbums, namentlich ‚This Picture’, ‚Plasticine’ sowie die erste Single‚The Bitter End’. Ob und in wieweit das Gitarre/Bass/Drums - Gespannsynthetisch aufpoliert wurde, ist hier nicht Thema. Fakt ist, dass das Grundgerüst,die Basis der Stücke, immer organischer Natur ist. Besonders hervorgehobenseien dabei der Opener ‚Bulletproof Cupid’ (Ein Der – Akkorde – Instrumental aus Punk und Noise), ‚Plasticine’und ‚Second Sight’, dem eingängigsten und Placebo – typischsten Stückder Platte. „Placebo sind eine Rockband und wir werden es auch immerbleiben“, erklärt Molko, zieht eine Lights aus der Schachtel und entzündetsie an einer Kerze. „Egal, wie weit wir uns im Rockkontext aus dem Fensterlehnen, wir werden immer unserer Basis treu bleiben und auch weiterhin zu drittin einem Raum spielen, mit drei Instrumenten und dabei magische Momenteerzeugen. Wir legen Wert darauf, dass unsere Musik von uns handelt, von Stefan,Steve und mir, von diesen drei Personen. Das ist das, was uns den Kick gibt. Vondaher sind wir auch immun gegenüber jeglichen künstlerischen Statements undsolch kalkulierten Risiken wie sie beispielsweise Radiohead mit ‚Kid A’ oder‚ Amnesiac’ eingegangen sind. Es wäre entgegen unserer Natur, derartbewusst obskure Alben aufzunehmen. Es gibt zwar auch auf jedem Placebo – Albumdiesen einen Song, der die Grenzen unseres Schaffens auslotet, aber es ist ebennur einer! Im Falle von ‚Black Market Music’ war das ‚Spite & Malice’,heute ist es ‚Something Rotten’. Unser Ziel war es, ein bedeutenden Albumaufzunehmen, eines, das die Identität von Placebo als Gitarrenband intakt hält,ohne gegenwärtige elektronische Einflüsse zu ignorieren.“ Placebo haben heute keinerlei Anlassmehr, Gerüchte zu streuen, ihr Privatleben und/oder sexuelle Vorlieben in allerÖffentlichkeit zur Schau zu tragen oder sich die Birne wegzusnifen. Beenthere, seen that, done it. Verwirrung stiften war gestern, heute gibt eswichtigeres. „ Ich glaube wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir unsnicht mehr über unser Image definieren müssen“, erklärt Brian. „Ich schminke mich noch immer,aber ich bin nicht mehr der gruftige Transvestit wie anno 1998. Einfach deshalb,weil ich mich nicht mehr so fühle. Ich bin wesentlich ausgeglichener und ‚SleepingWith Ghosts’ ist Ausdruck einer gewissen Lebensfreude, einer positiven Sicht der Dinge, die in dieser geballten Form weder auf ‚Without You I’m  Nothing’ noch auf ‚Black Market Music’ existierte. Dasbedeutet allerdings nicht, dass wir nicht noch diverse Leichen im Keller haben.Noch sind wir nicht völlig genesen ...“ Einige der noch umtriebigenGeister werden auf ‚Sleeping With Ghosts’ beim Namen genannt, so sind dreider auf dem neuen Album enthaltenen Stücke überarbeitete Versionen von Songs,die bereits zu ‚Black Market Music’ – Zeiten entstanden. Der Grund, warumPlacebo an diesen Songs (‚Protect Me From What I Want’, ‚I’ll Be Yours’,‚Second Sight’) festhielten, erklärt Brian wie folgt: „ In der zeit, alsdie Songs entstanden, hatte ich gerade eine schmerzhafte Trennung hinter mir und für mein weiteres Leben war es wichtig, das in diesen Stücken zu verarbeiten.Ich denke, das ist mir gelungen, denn mir geht’s mittlerweile blendend. Schau mich an...“ Im Gegensatz zu früher sind dieSongs auf ‚Sleeping With Ghosts’ nicht mehr nur therapeutisches Mittel, umBrians innere Konflikte mit seinen  eigenen Komplexen zu lösen oder zerbrochenen Beziehungen zu verarbeiten. Neu ist, dassPlacebo nicht nur sich und ihren Umgang mit Freund, Freundin und/oder Familie inFrage stellen, sondern vor allem ihren Status als Band. Im siebten Jahr nach demDebüt ist der Name Placebo ein allgemein anerkanntest Trademark, dass für dieeingeschworene Fangemeinde Religion, für den Mainstream kurzweiligeUnterhaltung bedeutet. Dessen sind sich die drei sehr bewusst: „ Placebowaren und sind eine Band von Außenseitern für Außenseiter, auch wenn wir vom Mainstream akzeptiert werden. Ich finde das sehr sexy, es ist ein gutes Gefühl,in beiden Lagern Staub aufzuwirbeln. Was uns allerdings mehr beschäftigt, istdie Frage, ob und inwieweit die Musik von Placebo noch immer relevant ist“,erklärt Brian und nutzt durch dieses Statement entstandene Denkpause, um eineweitere Flasche Weißwein zu öffnen. „Es überrascht mich immer wieder,dass wir tatsächlich andere Bands beeinflusst haben. Als wir 1997 mit ‚NancyBoy’ unseren ersten Hit hatten, hätte ich das nie für möglich gehalten. In meinen Augen waren Sonic Youth Götter and that was it. Ich bin der Meinung,dass Bands, die so lange dabei sind wie wir, ab einem gewissen Zeitpunkt ihre Existenzberechtigung in einer sich verändernden Musiklandschaft neu definierenmüssen. Sprich: was haben wir zu bieten, heute, sieben Jahre nachdem wirunseren ersten Hit hatten? Warum veröffentlichen wir ein neues Album? DieseFrage mussten wir uns stellen und als Antwort eine Platte abliefern, dieinteressant, individuell und ehrlich ist. Wäre uns das nicht gelungen, könnte man uns zurecht vorwerfen, dass wir heute nur noch die Bands kopieren, die wireinst beeinflusst haben. Und das wäre.... bitter.“ Auch mit dieser Emotion, der Angst,den Peak des eigenen Schaffens bereits überschritten zu haben, wollten sichPlacebo auf ‚Sleeping With Ghosts’ konfrontieren. ‚Centrefolds’, ein vonOlsdal bereits seit langer Zeit mitgeschlepptes Pianostück, setzt sich konkretmit der Vergänglichkeit des Ruhms auseinander: „ Diesen Song schrieb ich ausder Perspektive eines ‚Has Beens’, einer tief gefallenen Legende, die sichdamit abfinden muss, nicht mehr begehrt zu sein. Ein Gefühl, das ich zwar so nicht kenne, das mich aber dennoch jeden Tag beschäftigt. Ich bin jetzt 30, dieMehrheit der Künstler liefert ihre beste Arbeit in den Zwanzigern ab: JimiHendrix, Lou Reed, die Liste ist endlos. Auch wir sind in unseren Twens sehrerfolgreich gewesen und haben beeindruckende Alben abgeliefert, und plötzlichwerden wir paranoid und fragen uns: Sind wir noch relevant? Ist unsere Meinungnoch wichtig? Insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass es uns eigentlichrecht gut geht. Schau dich um: ich habe ne nette Wohnung, eine schöne Frau, mir geht es wunderbar. Und genau das stelle ich in Frage, denn vielleicht ist dieser Lifestyle gleichbedeutend damit, dass ich meine Wut verlieren, den Willen zurebellieren, und damit womöglich sogar meine Relevanz. Ich kam zu dem Schluss,dass diese Gefahr nicht besteht, denn ich lebe in London und nicht mit zwei Hunden und zwei Blagen auf dem Land. Noch nicht ...“ Auch wenn die Zeichen der Zeit nicht spurlos an ihm vorüber gezogen sind, ist Brian noch weit davon entfernt, sichzur Ruhe zu setzen und sich einen Bauch anzutrainieren. Im Gegenteil. Noch niewar er so körper–  undgeistesbewusst wie heute, was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass ereinen Hangover nicht mehr so leicht wegsteckt wie noch vor ein paar Monaten: „That’sright, und das hat vor allem zwei Gründe“, holt er aus, streckt den Kopferneut in Richtung Kerze, und flüstert:      „ Erstens kann dein Körper mit 30 Alkohol und Drogen nicht mehr so leicht verarbeiten wiemit 20, und zweitens ist es unglaublich langweilig geworden, sich mit irgendwelchen Substanzen den Kopf zuzudröhnen. Wenn du dir zehn Jahre am Stückalles gibst, was du in die Hände kriegst, verliert das Zeug irgendwann seinenReiz. Es gab eine Zeit, in der ich ein echtes Problem hatte, wenn kein Alkoholin der Nähe war. Heute habe ich ein Problem, wenn ich nicht fünf Mal die Wocheins Fitness – Studio komme, um ein bisschen Kondition zu tanken. Aber weißtdu was? Manchmal bekomme ich einen ähnlichen Kick beim Radeln wie früher mit`ner Nase Koks, nur dass der Spaß nicht so lange anhält ....“ 


 

             

              

 

               

 

     

 

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