stalker. 05/04
lookin' for true love
Paris-Bercey, 18.000 euphorische Fans, davon 80 Prozent Frauen - und 90 Prozent von denen
wollen nur eins: Den kleinen androgynen Kerl auf der großen Bühne nach der Show mal so richtig ...
Und das lässt sich ohne viel Skrupel auch vom verbleibenden männlichen Rest des Publikums behaupten. Auf
'Soulmates Never Die - Live In Paris' wurde dieses eindrucksvolle Rock'n'Roll-Balzritual erstmals auf DVD gebannt.
Dass die Jungs so nebenbei noch eine Melange ihrer größten Hits seit "Nancy Boy" als Soundtrack ins
ausverkaufte Stadion schmerrern, wird nicht nur allteingesessenen fans das Wasser im Mund zusammenlaufen
lassen. Eine der besten Livebands Europas präsentiert sich in Bestform.
Selbst nach seinem 30. Geburtstag umweht Brian Molko noch ein verwirrender Nimbus aus knisternder Erotik
und kindlicher Asexualität, obwohl die Zeit, als er Marilyn Manson den Kopf verdrehte, schon etwas zurück liegt.
Ob seiner Eskapaden war Brian in Großbritannien Stammgast auf den Seiten der Yellowpress. Über Jahre reihte
sich Skandal an Skandal um ihn und seine mannen. Der plötzliche Sinneswandel im Leben des gebürtigen
Amerikaners schmerzt wohl kaum jemanden mehr als die englischen Journalisten ...
In einer streng christlichen Familie aufgewachsen, vom Vater dazu genötigt, in viel zu große Finanziersfußstapfen
zu treten, fand der Junge Brian viel zu schnell heraus, was er nicht wollte. Um so schwerer gestaltete sich die
Suche nach eigenen Zielen und Wünschen: Zwar lernt er durch seinen Vormund die Welt kennen, wächst im
Libanon, in Luxemburg und Liberia auf, doch kommt er im Alltag all dieser Eliteschulen nicht einmal mit seiner
eigenen Sexualität klar. In Luxemburg sitzt der Vierzehnjährige allein im minirock in seinem Zimmer und schreibt
Songs, während der Schwede Stefan Olsdal zur Trendclique der Schule gehört. Dass die beiden Jahre darauf
zusammen Welthits schreiben werden, ahnt noch keiner der Jugendlichen.
Brian bricht aus seinem goldenen Käfig aus und zieht nach London, um Schauspiel zu studieren und Musik zu
machen. Dort rennen sich die ehemaligen Schulkollegen mittags im Jahre 1994 in der Londoner U-Bahn-Station
South Kensington in die Arme.Stefan studiert mittlerweile Gitarre und zeigt sich begeistert von Brians Songs,
als er diesen zusammen mit dem Drummer Steve Hewitt bei einem Gig trifft. Im Jahr darauf folgen erste Auftritte
und ein Deal bei dem Label Fiercs Panda, das auch Coldplay und Oasis für ihre ersten EPs beherbergte.
Im selben Jahr gehen die drei für die Aufnahme ihres Debütalbums nach Dublin, als eines ihrer größten
Vorbilder, der phantastische David Bowie, sie einlädt, einige seiner Shows zu eröffnen.
Im Juli 1996 erscheint das erste Album und erreicht prompt Gold in Großbritannien.
Nach vielen Touren - unter anderem im Vorprogramm von U2 - erscheint 1998 das Meisterwerk
'Without You I'm Nothing'. Die Auskopplung 'Every You Every Me' erscheint auf dem Soundtrack zum Film
'Eiskalte Engel' und katapultiert Placebo in den Rock- und Kommerz - Olymp. Das düstere Album erzählt von
erkalteten Beziehungen, gefühlsverleugnendem Sexleben, "durchdringender, herzzerreißender Einsamkeit"
und dem Verlust jeglicher Gefühle im Sog ständig Wechselnder Partner.
Spätestens jetzt wird klar, dass der verführerische Sänger mit dem teuflischen Lächeln nahe am Abgrund tanzt.
Gleichzeitig wird seine Rolle in der Öffentlichkeit jedoch immer gewichtiger. Auf einer Aftershowparty der
Spice Girls fliegt ein streitsüchtiger Molko im Verlauf einer Schlägerei durch den Raum und gegen die
Wand, wobei er sich mehrere Rippen bricht. "Ich glaube, ich habe einen sehr fließigen, überarbeiteten Schutzengel,
der viele Jahre lang auf mich aufgepasst hat." sagt der geläuterte Molko heute über einen halsbrecherischen
Lebenswandel, der zu diesem Zeitpunkt noch keinem Ende entgegen sah.
Die Band spielt im Film "Velvet Goldmine" und nimmt für den Soundtrack ein Cover des T.Rex Hits
"20th Century Boy" auf. Auf Zelluloid lebt in diesem Streifen die dekadente Glamrockszene der 70er Jahre
wieder auf. Placebo fühlen sich sichtlich wohl, unterscheidet sich doch ihr eigener Alltag nicht sonderlich
vom Thema des Films.
Im Oktober 2000 charten Placebo wieder mit ihrer CD 'Black Market Music'. Erstmals sind hier auch elektronische
Einflüsse in den Sound integriert. Durch den ewigen Wechsel von Touren und Aufnahmen wirkt die Band
allerdings sichtlich aufgerieben. Die Liveauftritte beginnen in ihrer gleichförmigen Perfektion beängstigend
leidenschaftslos und abgeklärt zu werden. Brian bestätigt sich als DJ in der Londoner Clubszene.
2002 wollen sich Placebo frischen input genehmigen, als sie für die Aufnahmen zu ihrem vierten regulären
Longplayer ins Studio gehen. Produzierten sie 'Black Market Music' noch in Eigenregie, so verpflichteten
sie dieses Mal einen Produzenten: Jim Abiss wurde durch seine Arbeit mit U.N.K.L.E. und Björk bekannt,
und so überraschte es alle Beteiligten, wie rockig 'Sleeping With Ghosts' aus den Boxen klingt.
In der Öffentlichkeit geht mit dem Album ein totaler Imagewechsel einher. Ist der Paradiesvogel etwa zur
Vernunft gekommen? Oder sind seine Kraftreserven einfach erschöpft? Wahrscheinlich spielt beides bei
der Verbannung von Mamas Schminkkästchen und der dazugehörigen Gederobe eine Rolle. Brian:
"Ehrlich gesagt, versuche ich, unseren Fans immer eine Frisur voraus zu sein. Ich bin niemals stehengeblieben.
Du wächst, du veränderst dich...". Auch in sachen Rauschmittelkonsum will Brian kürzer treten:
" Wahrscheinlich wird sich herausstellen, dass die Drogen mir körperlich langfristig geschadet haben",
gesteht er kürzlich in einem Interview. Die wichtigste Veränderung geht allerdings in seinem Gefühlsleben vor.
Der Titeltrack des neuen Albums erzählt nach eigenem Bekunden von der Suche nach der einen wahren Liebe,
"nach dem seelenverwandten Partner, mit dem man sein Leben lang zusammen ist." Im Jahr 2000 starb dieser
Traum zuletzt für Brian, da die Beziehung zu seiner dunkelhaarigen Pariserin ein jähes Ende fand. Die Suche
nach diesem Ideal ist jedoch gleichzeitig ein Zeichen für die Sehnsucht nach Beständigkeit, die seinem Leben
- abgesehen von der Musik - immer fehlte. Momentan soll er eine neue Liebe in London gefunden haben,
wo ihn hoffentlich mehr Glück erwartet.
Die neue DVD zeigt Placebo erstmals sein 'Without You I'm Nothing' wieder im rauem, roh-produzierten
Gewand früherer Tage, einer Tracht, die den Jungs schon immer am besten stand. Eine Besinnung auf das
Wesentlich scheint stattgefunden zu haben, was die letzte Tour gründlich bewiesen hat. Ganz ohne
Drogenvorhang zwischen Publikum und Musikern lassen sich ungetrübte Blicke auf großartige Songs werfen,
die nun endlich wieder aus vollem Herzen vorgetrangen werden. Dazu Brian Molko: " Wir haben viel Zeit
damit verbracht, am Sound zu arbeiten bei dem Versuch so nah wie möglich an unseren Livesound heranzukommen.
Eine Menge DVDs klingen sehr glatt und wir wollten es ehrlich und kraftvoll halten. Wir arbeiteten mit
einem mann namens Paul Hicks, der "Let It Be" für die Beatels remastered hat. Mit der Optik ist es genauso.
Wir wollten etwas mit viel Wucht. Wenn du das siehst, hast du - hoffentlich - das Gefühl, dort zu sein."