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Sonic Seducer (Oktober 2000)

Placebo - .... Erst mal warm duschen gehen

Bezeichnet man Placebo als Britpopband, zieht SängerBrian Molko so langsam allen Schleim im Mund zusammen - fällt dann noch derName Gallagher, kriegt man's! Einer hat es getan: Brian rauscht durch die Gängedes Kölner Hyatts und verdreht die Augen! Hinter ihm ein verstörter Journalist, der nicht weiß, wie ihm geschieht! Eine hektisch weggequalmte Marlboro Light später hält er dann wieder Audienz - Business as usual!

Da sitzt er nun also mit großen Augen auf seinemStuhl, wippt nervös hin und her und tankt einen Red Bull nach dem anderen.Seine Augen, die vor ein paar Minuten noch mit einem einzigen Aufschlag einenOchsen zerrissen hätten, strahlen einen jetztvoller gelangweilter, gespielterNettigkeit an. Man merkt sofort: der Sohn einer englisch / amerikanischen Diplomatenfamilie ist ein echter Snob. Sein Äußeres wirkt perfekt: das Haargestylt, die Augen geschminkt und die Nägel lackiert - schwarz natürlich! Wiesein Shirt, seine Hose und seine Schuhe. Dieser Mann pflegt sich mehr als diemeisten Models! So ein bisschen scheint er sich dafür zu schämen. "Ichweiß, ich bin fast ein Klischee! Aber ich brauche wirklich jeden Tag zweiStunden im Bad", sagt er und kichert dabei wie ein kleines Mädchen. "Alleine Schuhe auszusuchen ist für mich der absolute Horror. Das kann Stundendauern! Ich brauche morgens erst meine Zeit, mir klar zu werden, wonach ich michfühle. Dementsprechend schminke ich mich dann und suche mir meine Klamottenaus!" Alleine zum Bizarre - Auftritt in Weeze am Niederrhein nahm Brianvier paar Schuhe mit - er wusste halt nicht, was er anziehen sollte. Am tag des Auftritteshat er sich dann so viele Gedanken um sein Äußeres gemacht, dass er ganzvergessen hat, mal einen Blick auf die unvollständige Playlist zu werfen."Wir sind von der Bühne gekommen und haben gewusst: Irgendwas hat gefehlt!Und dann wurde mir klar - wir haben vergessen "Every You, Every Me" zuspielen. Der Auftritt war unvollständig! Schrecklich! Leider passiert so was manchmal ...", und lacht so los, dass er sich fast mit dem Flügeldrinkbekleckert. Dafür gaben Brian Molko, Stefan Olsdal und Steve Hewitt gleich die neue, spröde Single "Taste In Men" live zum Besten. Für Placebo - verwöhnte Ohren ein sehr eigenwilliges Stück. Alleine der FrivoleText dürfte so manchen Radiosender in den Boykott treiben. Ein neues Placebo?"Unser erstes Album war purer Sex! Das zweite der Chillout und 'BlackMarket Music' ist jetzt die warme Dusche danach", schwärmt Brian."Wir waschen all die Fehler der Vorgänger den Gully runter. das liegtvielleicht auch daran, dass unser Produzent Paul Korkett uns wirklich freie handgelassen hat. Das war sehr angenehm - endlich mal einer, der sein Ego an derTür abgeben kann! Wir fühlen uns komplett für das Album verantwortlich!"Paul Korkett hatte schon bei "Without You I'm Nothing" die Hände anden Reglern. Wo das Debüt vor naiver Energie fast zu explodieren schien, ging es auf "Without  You ..." schon erheblich ruhiger zu. Brian ist das zweite Album damals viel zu ruhig geraten." Ich blicke nur noch zurück, um die Fehler von damals zu korrigieren.", gesteht er. "Ich verstehe garnicht, warum wir damit einen so einen Erfolg hatten - ich selbst finde es schwer verdaulich - allein schon die Texte"

Dafür wird den Fans das stilistisch überladene "Black Market Music" beim ersten Hören im Halse stecken bleiben.Verspielte Avantgarde trifft auf melancholische Up - Tempo - Nummern. Eine Mischung aus den ersten beiden Alben. Das ganze wirkt zu erwachsen. Erst beimzweiten Hören wird "Black Market Music" zugänglich und einigePassagen erreichen diese unglaubliche Schwermut, die man von Placebo erwartet.Normalerweise will ein Placebo - Album immer geliebt werden. "Black Market Music" fordert Verständnis vom Käufer - eine ungewohnte Hörumstellung. Brian istt das egal! Er schreibt Musik nur für sich. "Ich will doch kein Spielroboter werden, der nur die Erwartungen der Käufer erfüllt! Ich habe mich entwirkelt! Das Album hat die Power von 'Placebo' und die Tiefe von 'Without you...'. Die Hauptsache ist, dass es mir gefällt, dass ich damit leben kann.Wenn es dem Hörer nicht gefällt? Fuck you!"

Plötzlich ist er wieder da: Brian, die arrogante Diva! Brian, der für seine Musikerkollegen selten ein gutes Wort übrig hat! Der Mann,der sich zum ersten Mal als Popstar fühlte, als ihm während der Amerikatourein Fan auf der Clubtoilette einen geblasen hat. Aber Brian Molko kann sich diese Arroganz leisten. Der unglaubliche Erfolg der Band und die Tatsache, dass einer seiner Freunde David Bowie ist, machen es möglich. So lange dieVerkaufszahlen stimmen, liegt Placebo ihre Plattenfirma zu Füßen: private Berater, Luxushotels und Stretch - Limousinen. Klar, dass das der Band nicht nurFreunde macht. "Es ist schon sehr beruhigend, dass ich zur Zeit nicht in London bin", Brian atmet sichtlich auf, "bei uns in England ist Musikjournalismus ja schon fast eine Literaturform - die englischen Journalistenbilden sich dermaßen etwas auf sich ein! Die sehen meine Verkaufszahlen und denken sich: 'Hey, dem habe ich damals mal eine gute Kritik gegeben. der ist nur wegen mir da, wo er jetzt ist. Hat mehr Kohle, mehr Drogen, mehr Sex. Den mache ich kaputt.' Und dann treten sie dich in den Staub. Zum Glück habe ich eindickes Fell."

Größter Stein des Anstoßes ist Brians offen zur Schau gestellte Bisexualität. Oft erkennt man den extrovertierten Halbamerikaner auf Photos nur auf den zweiten Blick - manchmal denkt man einfach, eine Frau vor sich zu haben. Von David Bowie war man diese Attitüde aus den frühen 70ern gewohnt. Nur braucht Bowie diese Transformation künstlerisch - er muss sich jedes Mel neu erfinden. Bei Brian ist das nicht so."Die Person auf dem Photo bin immer ich", sagt er und wird sichtlich unruhig, "nur glaube ich, dass ich einfach ein bisschen schizophren bin." Das erklärt dann auch, warum man ihn mal in schweren Lederhosen und mal im kleinen Schwarzen sieht. "Ich finde es unfair, dass Frauen viel mehr Möglichkeiten haben, etwas aus ihrem Typ zu machen. Ich will auch schön sein! Da ist es doch nur gerecht, wenn ich mich auch schminke oder Röcke trage."Klamotten von der Stange kommen dabei für Brian gar nicht in die Einkaufstüte. Auch bei Kosmetika gibt es für ihn keine Stammmarke. Meistens benutzt er das,was Freunde oder Fans ihm schenken. Hauptkriterium: Es passt zu seinem Typ. Ausdiesem Grund gibt der 'Cock in a frog' auch keine Schminktipps weiter."Dann sind ja alle am Ende so schön wie ich." Auf der Bühne stehen reicht Mister Molko nicht - er will ein strahlender Stern sein. Dazu gehören Erotik, Fummel und Glamour. " Es ist manchmal recht vorteilhaft, einbisschen tuntig rüberzukommen. Die Frauen stehen wirklich drauf! Außerdemkriegst du so nur die echt schönen ab. Ein Mädchen, das etwas auf sich hält,geht niemals mit einem Typen aus, der hübscher ist als sie." Das Lächeln,dass jetzt um seinen Mund spielt, spricht Bände.

Brians Hang zum Glamour kommt nicht von ungefähr. Als Placebo sich 1996 gründeten hatte die Band die Schnauze vom 'erlebten' Grungeund seiner ganzen destruktiven Attitüde gestrichen voll. "Die abgerissenen Typen in den 90ern haben doch dem Rock jede Mystik genommen.", sagt derMann, der nach eigenem Bekunden noch nicht einmal die Namen der sechs Gitarrensaiten kennt. "Die sahen doch aus wie der Säufer von nebenan. Die standen auf der Bühne und haben die Zuschauer mit ihrer Alltäglichkeit doch fast erdrückt! Ich will die Leute aus ihrem Leben in eine bessere, strahlende Welt entführen! ich würde nie so auftreten! Vielleicht, wenn wir Bierwampenbekommen und mir beide Arme abgefallen sind, so dass ich mich nciht mehr rasieren kann (lacht). Nein, ohne Scherz! Placebo kann ich mir so nicht vorstellen. Wir brauchen Glamour und Sex! Außerdem fühlen sich ein paar Konservative von uns ja echt auf den Schlips getreten!"

Die Kombination aus bekanntem Drogenkonsum und provozierendem Sexgebaren lässt die englischen Moralapostel schon fast dieGallagher - Brüder vergessen. "Die übertreiben meine Eskapaden maßlos!Wenn nur die Hälfte von dem stimmen würde, was die über mich sagen, wäre ichschon lange tot!" Eine Verantwortung als Vorbild für seine Fans lehnt er aber kategorisch ab. "Ich bin Musiker! Was erwarten die Leute? Ich kann doch kein Vorbild sein - bei mir sind zu viele Drogen im Spiel. Icch gehe doch aber auch nicht auf die Bühne und fordere meine Fans auf, Drogen wegzuknallenoder den Partner in Serie zu wechseln - Jeder soll seinen eigenen Wegfinden." Brian genießt seine Position. Früher, als er noch kein Musikerwar, hat ihm keiner zugehört. Jetzt genießt er die Freiheit, dass die Menschenauf ihn reagieren. Leider fühlt er sich dabei oft missverstanden. "Okay,ich fordere, dass Gruppensex mit mehr als vier Personen in England nicht mehrstrafbar ist, und, dass die Drogengesetze gelockert werden. Aber doch nur, weildas ein tiefer Eingriff in die Persönlichkeitsrecht ist - ich lass mir dochnicht in meinem Schlafzimmer sagen, was ich zu tun habe! Die Briten reden alledavon, dass sie nichts gegen Schwule, Behinderte und Fremde haben. Tatsächlichist aber: Noch nie war England so rassistisch und schwulenfeindlich wie heute", erklärt Brian. Für ihn liegt das am Inselstatus Englands."Alleine was sich in dem Land in den letzten Jahren anPersönlichkeitsrechten geändert hat: bei einer Festnahme hat man nicht mehrdas Recht, die Aussage zu verweigern, das recht zur freien Meinungsäußerungist eine Farce und politische Demonstrationen sind nicht mehr gestattet. Diese Sturköpfe an der Macht weigern sich einfach dagegen, Europäer zu sein, obwohl ihnen das manchmal ganz gut tun würde. Aber zum Glück lassen sich das viele imUnderground nicht länger gefallen - das finde ich gut: aufgestaute Wut erzeugtgute Musik."

Fünf Jahre Showbiz, fünf Jahre Bandleben, fünf Jahre Kritik über sich ergehen lassen. All das ist in "Black Market Musik"eingeflossen. Allein deshalb klingt das Album erwachsener, melancholischer und wütender. Der einzige konstante Faktor bei Placebo ist der Zusammenhalt derBandmitglieder. Brian, Steve und Stefan sind Freunde geblieben. Zusammen gehensie durch jede Krise. " Steve und Stefan sind beide einen Kopf größer alsich - sie sind meine Beschützer. Wenn ich mich unsicher fühle, stelle ich michzwischen die beiden und alles ist gut." Placebo wirft sich immer gemeinsamallen Kritikern entgegen. Ein raffinierter Schachzug, um sich im skandalgeilen Popgeschäft durchzusetzen - Brian macht die Schlagzeilen, Steve und Stefanbaden sie mit aus. Sollte es mal ganz heiß werden zieht sich die Band in ihrealten Leben zurück. Dabei wird der Freundeskreis genau getrennt: "Freunde", die mit dem Erfolg gekommen sind, und "Freunde",die vor dem Erfolg da waren!"Die halten meine Füße am Boden",schwärmt Brian, "die sagen mir auch klipp und klar, wenn ich mal wieder völlig über die Stränge geschlagen bin. Das trauen sich die Arschkriecher,die nur wegen meines Erfolgs da sind, nicht. Es ist schön, zu wissen, dass,egal wo du bist, echte Freunde nur einen Anruf weit weg sind und du über allesmit ihnen reden kannst."


Ein Thema, das er in Gesprächen mit Mentor und Freund David Bowie allerdings meidet, ist der Film "Velvet Underground"
(*?*)! Bowie kann den Streifen auf den Tod nicht ausstehen. Seit Brians Leinwanddebütals Kopf einer Glamrockband flattern ihm fast wöchentlich Drehbücher ins Haus.Bis jetzt war keine interessante Rolle für ihn dabei. Immerhin hat Mister Molkoseinen Abschluss am Goldsmith College gemacht - einer Schule, die viel Wert aufdramatische Theaterklassiker legt. Er wartet nur auf das richtige Angebot, um wieder vor die Kamera zu treten. "Da kam jetzt der Vorschlag, 'JudasPriest' zu spielen. Wieder eine Band darstellen? Das ist mir aber zu nah an der Realität. Die wollen bestimmt nur, dass ich das machen, weil letztens derSänger Rob Helford sein coming out hatte. Ich weiß ja mittlerweile, wie diebeim Film denken. 'Wir brauchen da einen, der einen schwulen Rocker spielt'. Eine Line später wird den Schlaumeiern dann klar: 'Hey? Wie heißt noch die kleine Schwuchtel, die ich letztens bei MTV gesehen habe? Molko?' Und schonbekomme ich das Fax! Scheiß drauf! Was mich reizen würde, sind Rollen, die mich echt fordern. Filme, in denen ich spielen muss! Drehbücher, die beimersten Lesen nicht sofort an mich denken lassen! Ich bin viel talentierter alszum Beispiel Courtney" Dann kann es ja nur noch eine Frage der zeit sein,bis Brian Molko in seinem ersten Action - Film auftritt. Bis dahin kann manBrian und Placebo live auf deutschen Bühnen erleben. Im November tourt die banddurch Deutschland! Hoffentlich klappt es dann mit der Auswahl der Schuhe. Zum Schlusskommt dann noch die Frage zum Britpop. "Der ist längst hinüber! Schau dirdoch an, was mit Oasis passiert ist! Ups! Jetzt habe ich die beiden Idioten selber erwähnt ... passiert halt manchmal!" Wenigstens hat er dabei nicht gespuckt.



Ulli Anders

 

             

              

 

               

 

     

 

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