Aus: Jan Rainer Hermanns "Kennst Du Jesus?" Sozialreport über Jesus-Leute in Deutschland. Kösel-Verlag München 1972. Vielen Dank an D. Prill, der mir den Text geschickt hat.


»Man kann Gott nicht erklären, ebensowenig wie man Liebe erklären kann. Man muß Gott erleben.« (Volkard Spitzer am Rosenmontag 1972 in Siegen)

(S. 109):

9. Januar 1972:

Hans informiert mich auch über eine andere Gruppe der »Jesus-People«: über die Gruppe in Berlin. Zu ihr hat er guten Kontakt, vor allem zu Pastor Volkard Spitzer, dessen traditionelle kirchliche Gemeinde sich in eine Gemeinde junger Leute verwandelte. Eigentlich ohne daß Volkard Spitzer dies beabsichtigt hatte. Eines Tages hörte ein rauschgiftsüchtiges Mädchen eine Predigt Spitzers, in der dieser davon sprach, daß Jesus den Menschen frei machen könne. Das Mädchen kam einige Zeit später zu Spitzer und berichtete ihm, daß es während des Gottesdienstes vom Rauschgift frei geworden sei, weil sie Jesus erfahren hatte. Es erkundigte sich, ob es Freunde mitbringen könne: Süchtige wie sie. Spitzer willigte ein. So geschah es, daß zunehmend mehr Langhaarige den Berliner Gottesdienstraum bevölkerten. So entstanden die Berliner »Jesus-People«. Wie die Gruppe in Hüttental sind sie ein Beleg dafür, daß die Jesus-Bewegung in Deutschland kein amerikanisches Produkt ist, wenngleich einzelne Gruppierungen - wie die »children of god« - von Amerikanern gegründet wurden. Auch ohne die Mission aus den USA würden in der Bundesrepublik »Jesus-People« sein, nur mit dem Unterschied, daß sie wahrscheinlich nicht so genannt würden.

(S. 138-144): 14. Februar 1972, Rosenmontag:

Hans Bärnreuther hatte mich darauf aufmerksam gemacht, daß heute in Siegen Evangelisation ist. Ich bin äußerst gespannt. Werden Jugendliche am Rosenmontag für eine religiöse Veranstaltung zu interessieren sein? Die große Siegerlandhalle ist voll. 2.700 Besucher sind gekommen, fast ausschließlich Jugendliche. Ich bin sprachlos. Um so mehr, als schon am Samstag und am Sonntag hier Evangelisation war und 2,00 DM Eintritt verlangt wird. Bevor die Veranstaltung beginnt, unterhalte ich mich mit Bekannten aus Hüttental. Die meisten von ihnen tragen ein kleines Schildchen mit der Aufschrift »Seelsorger«. Gestern, so erfahre ich, hatte sich die Hüttentaler Gruppe vorgestellt. Eigentlich sollte Gerd mit auftreten. Er hatte dies versprochen, war aber nicht gekommen. Die Hüttentaler sind über den Freund aus Essen etwas enttäuscht. Aber auch ohne ihn wurde der Abend ein voller Erfolg. Annähernd 200 Jugendliche hatten die Bereitschaft zur Bekehrung zu erkennen gegeben, erzählt mir ein Bewohner des Süchtigenheims in Hüttental.

Der Abend wird mit dem Song »Glorie Halleluja« eröffnet, den die »Doctrine Jesus« spielt, eine hervorragende Band. Die Musik ist modern und offensichtlich nicht darauf abgestellt, Massenhysterie zu erzeugen. Der Ansager begrüßt das Publikum, besonders die anwesenden Vertreter des Zweiten Deutschen Fernsehens. Er weist auf vier Jesus-Bücher hin, empfiehlt deren Lektüre und sagt: »Wenn Sie diese vier Bücher mit nach Hause nehmen, dann kann Ihnen nichts mehr passieren.« Ich finde es geschmacklos. Soll hier Religion von einem Topmanager verkauft werden? Es bleibt die einzige Szene, die den Eindruck hinterläßt, daneben geraten zu sein. Das andere ist meist sehr nüchtern, wirkt durch den Aussagegehalt.

Zunächst werden dem Publikum drei junge Leute vorgestellt, die eigentlich gegenwärtig gar nicht auf der Bühne stehen wollten, denn sie haben das Rampenlicht der Öffentlichkeit eben erst verlassen: drei ehemalige Schauspieler von »Hair«, die vor drei Wochen hier in Siegen die Gruppe aufgegeben haben, weil sie sich zu Jesus bekehrten. Sie werden zuerst gefragt, was sie toll an »Hair« fanden. Sie antworten, daß sie sich durch das Engagement gegen Krieg und Materialismus angesprochen fühlten. »>Hair< wehrte sich gegen den Druck der Gesellschaft auf die jungen Leute und predigte Liebe. Das hat mich sehr fasziniert. >Hair< war engagiert gegen den Vietnam-Krieg, für Freiheit und Toleranz. Es spricht vom Wassermannzeitalter, das Frieden und Freiheit bringt.«

Ein Angehöriger der Heilsarmee, der sich um die »Hair«-Darsteller kümmert, informiert darüber, daß zwei der Schauspieler schon in Basel auf Jesus angesprochen wurden. Ihnen sei gesagt worden, daß die Frage nach dem Sonnenschein in »Hair« nicht beantwortet werden könne, weil Jesus der eigentliche Sonnenschein sei. Der Darsteller Mark berichtet, wie er zu Jesus fand. Schon früher habe er sich sehr für die Bibel interessiert. »Ich fand dufte Sachen drin, konnte aber damit nichts anfangen. Bis ich merkte, daß man die Bibel sehr wörtlich auffassen und dabei sehr glücklich sein kann. Ich betete mit anderen. Nach dem Gebet fühlte ich mich persönlich frei und glücklich. Ich habe mich high gefühlt, auch Peter hat sich sehr glücklich gefühlt, so frei, daß unsere Kollegen fragten, ob wir einen Trip geworfen hätten. Wir sagten: >Nein, wir haben Jesus erfahren.< Da merkten wir erst, wie unglücklich die Leute im Ensemble waren, die sich so glücklich zeigten. In Siegen bekamen wir überraschenden Besuch von zwei Angehörigen der Baseler Missionsgemeinschaft, mit denen wir gesprochen hatten. Wir wollten hier Zettel von Jesus verteilen, doch der Produktionsleiter war dagegen. Er sagte, Jesus sei kacke, Jesus sei nur ein jüdischer Revolutionär gewesen. Da wußten wir, daß wir gehen mußten, daß wir es mit unserem Glauben nicht mehr vereinbaren konnten, auf der Bühne zu spielen.«

Die »Hair«-Darsteller werden gefragt, was sie unter Glauben verstehen. »Glaube an Gott ist eine starke Wahrheit.« - »Glaube ist Jesus annehmen, ihm vertrauen, mit ihm den Weg gehen.« Auch der Mann von der Heilsarmee erläutert, wie er Glauben versteht, nachdem er dazugelernt hat durch die Begegnung mit den drei bekehrten Schauspielern: »Glaube heißt viel Zeit haben fürs Beten und für die Bibel.« Peter sagt: »Man muß alles hinter sich lassen, wenn man Jesus nachfolgen will. Das ist ganz hart. Es genügt nicht, am Sonntag in die Kirche zu gehen. Man muß alles in den Dienst des Gottesreiches stellen, wenn man Christ sein will. Dann spürt man auch Jesus.« Sein Wunsch an die Besucher: »Daß Sie an diesem Abend erfahren, was es heißt: Jesus lebt!« Ein Sprecher der Band berichtet dem Publikum, daß der Gitarrist Reinhard aus der Gruppe ausgeschieden sei, weil er nicht zu Jesus gefunden habe. »Reinhard sagte, er kann nicht mehr, weil er nur Show machen würde, nicht aber Jesus verkündigen. Deshalb wollte er nicht mehr mitmachen. Reinhard war auf der Suche. Er hat nicht gefunden. Beten wir für ihn, denn allein der Herr kann ihm in dieser Situation helfen. Wir freuen uns, wenn der Herr ihn wieder zu uns führt.« Dann spielt die Band den Song: »Wo finden wir Freiheit? Wo finden wir Frieden?« Bei Marx? Bei Lenin? Bei Mao? Im Sex? Nein, so lautet die Antwort, nur bei Jesus.

Volkard Spitzer, der Gründer der »Jesus-People« in Berlin, ein junger Mann, betritt mit einigen Angehörigen seiner Gruppe die Bühne. Zunächst stellt er klar, daß die deutschen Jesus-Leute kein US-Import sind. Die Sache habe in Berlin völlig unabhängig von Amerika begonnen, für ihn mit einer stillen Zeit. Er habe Gott neu gesucht, da er keinen Frieden in seinem geistlichen Leben mehr fand. In dieser stillen Zeit las er das Buch von einem amerikanischen Bischof, der sein Amt niederlegte, um in Slums zu arbeiten. Das faszinierte Spitzer. Ihm wurde bewußt, wie er selbst voller Vorurteile gegen gewisse Menschengruppen steckte. Drei Wochen später kam er mit dem ersten rauschgiftsüchtigen Mädchen zusammen, das fragte: »Kann der Jesus, von dem du sprichst, auch Süchtigen helfen?« Jesus half. Für die Gemeinde des Pastors Spitzer ergab sich bald eine komische Situation. Immer mehr Süchtige kamen in den Gottesdienst. Die alten Gemeindemitglieder saßen im Mittelschiff, die Langhaarigen links außen. Bald änderte sich das jedoch. Plötzlich saßen die Langhaarigen neben den Omas.

Ein Mädchen erzählt seine tragische Lebensgeschichte: »Zu Hause habe ich keine Liebe bekommen. Meine Eltern konnten mich nicht verstehen, weil ich frei sein wollte, sie aber konservativ waren. Es war eine christliche Familie, aber von Gott wurde nicht viel gehalten. Es gab zu Hause ständig Zank. Mit fünfzehn begann ich zu trinken. Ich sah keinen Sinn mehr in meinem Leben. Ein Junge bot mir den ersten Joint an. Er sagte, wenn ich ihn nehmen würde, dann wäre ich frei. Als ich ihn nahm, merkte ich, wie ein Gefühl der Freiheit und der Liebe in mir aufkam. Ich hätte alle anderen Leute umarmen können. Aber das war nur für einige Minuten, dann hatte ich einen schweren Kopf. Wenn ich LSD nahm, sah ich die Menschen verzerrt. Ich ging nach Hamburg und landete dort auf der Reeperbahn. Ich bin richtig hineingeschlittert. Man sagte mir, daß ich jeden lieben und frei sein könne. Ich kam in eine Kommune. Drogen und Sex nutzten mir nichts. Ich merkte, daß ich ausgenutzt wurde. Und ich fragte mich: Wo ist die Freiheit? Als ich wieder nach Hause kam, war mein Vater betrunken. Meine Mutter erkannte mich nicht. Nur mein kleiner Bruder wußte, wer ich war. Da merkte ich, daß ich hier nicht mehr hingehörte. Auf dem Ku'damm traf ich junge Leute, welche echte Liebe und Freude ausstrahlten, die aus dem Herzen kam. Ich konnte ihnen meine Probleme sagen. Zuvor hatte ich es noch nie erlebt, daß fremde Menschen mir wie Geschwister begegneten. Drei Tage später habe ich mit ihnen gemeinsam gebetet. Als ich mein Leben Jesus übergab, wurde ich frei. Ich habe es noch nie bedauert, daß ich zu Jesus gekommen bin.« Das Mädchen erzählt noch, daß es zur Zeit eine Krankenschwesterausbildung mitmacht. In einem Song heißt es dann, daß man mit Jesus Christus frei werden kann, daß dann der Zug ins ewige Leben fährt.

Jetzt berichtet eine Amerikanerin aus ihren Leben: »Als junger Mensch habe ich Liebe gesucht und Frieden im eigenen Leben. Aber ich konnte beides nicht finden. Ich habe außer meinen Freunden alles gehaßt - meine Eltern, die Regierung und die Schule. Dadurch konnte ich die Liebe, nach der ich mich so sehr sehnte, nicht finden. Ich versuchte es mit Rauschgift, mit Sex und fing an zu stehlen, zu betrügen und zu lügen. Aber ich kam zu keinem Frieden, bis ich Jesus in mein Herz aufnahm. Da wußte ich plötzlich, was wahre Liebe ist. Liebe ist das höchste Gut für Gott und jedermann. Jesus ist der einzige, der ein lebenswertes Leben geben kann. Jesus will, daß du ihm dein ganzes Leben gibst, nicht mehr für dich selbst lebst. Jesus ist der einzige Weg. Ich liebe ihn so sehr, daß ich allen sagen muß: Jesus lebt, er lebt heute. Ich weiß, daß er lebt. Ich hoffe, daß keiner heute abend wegläuft ohne eine Begegnung mit Christus. Dann hat man Leben, ein Leben, das lebenswert ist.«

»Ich glaube, daß Gott heute etwas tun wird, damit Menschen Erfahrung machen mit Jesus«, beginnt Volkard Spitzer seine Ansprache. »Nach der technischen, der sozialen und der Kulturrevolution kommt endlich eine Revolution, die nicht nur die Umstände um den Menschen verändert, sondern den Menschen selbst verändert. Das ist die Revolution, die Hoffnung bringt: die Jesus-Revolution. Heute findet man Jesus auf den Straßen, bei den Armen, schlichtweg bei den Sündern. Jesus predigt eine Revolution des Lebens und der Liebe. Er wendet sich gegen jede oberflächliche Revolution, die bereit ist, andere zu ändern, nur nicht sich selbst. Jesus sagt: Das Schlechte kommt nicht aus den Umständen, sondern aus dem Menschen selbst: schlechte Gedanken, Ungerechtigkeit, Fressen, Saufen, Unzüchtigkeit. Jesus sagt: Wer sich nicht selbst verleugnet, kann mir nicht nachfolgen.«

Spitzer berichtet von einem Theologiestudenten, der ihm sagte, er habe Theologie studiert, um Gott zu finden, doch er habe ihn nicht gefunden. Spitzer konnte dem Studenten den Weg zeigen, der ihm zunächst zu primitiv erschien: »Du mußt Jesus annehmen.« Am nächsten Tag kam der junge Mann wieder. Er gab Volkard Spitzer ein seltsames Geschenk: einen Trommelrevolver und fünfzig Schuß Munition. Am gestrigen Abend, so erklärte der Theologiestudent, habe er sich eigentlich nur in der Tür geirrt: Er wollte in eine Schnapsbude. Wäre er nicht versehentlich in die Teestube gekommen, in der er Spitzer traf, hätte er sich im Grunewald erschossen.

»Das sind Menschen, die nach außen so frei aussehen und alaaf singen«, sagt Spitzer. »Wenn sie allein sind, sind sie die trostlosesten Menschen. Deswegen kam Jesus und sagte, daß wir von neuem geboren werden müssen.« Gott zeige sich in dieser Gesellschaft. »Er geht zu Prostituierten und Gammlern, die sagen: Jesus lebt. Süchtige werden frei. Andere kommen aus den Roten Zellen zu Gott. Die Wunder der Bibel wiederholen sich. In Hamburg fragten zwei junge Menschen einen Krüppel, ob sie mit ihm beten dürften. Er antwortete, daß sie ja nichts kaputt machen könnten, stand auf und warf die Krücken weg. Gott ist wieder am Wirken! Jesus ist nicht nur für die Leute vor 2.000 Jahren gestorben, sondern auch für uns heute in der Siegerlandhalle«, sagt Spitzer abschließend. Er fordert die Anwesenden auf, den Schritt zu Gott zu wagen. »Man kann Gott nicht erklären, man muß Gott erleben, ebensowie man Liebe nicht erklären kann, sondern erleben muß.«

Spitzer sagt, wer Gott heute aufnehmen wolle, möge vortreten. In der fast 3.000 Köpfe zählenden Masse rührt sich nichts. Spitzer wiederholt seine Aufforderung. Es dauert etwa eine Minute, dann kommt der erste durch den Mittelgang nach vorne. Andere schließen sich ihm an. Sie achten nicht auf die vielen Blicke, die auf sie gerichtet sind.Sie kommen einzeln, zu zweien. Schließlich sind es einige Dutzend. Spitzer spricht mit ihnen ein Gebet. Die fast 3.000 stehen auf. Anschließend fordert Spitzer die nach vorne Getretenen auf, an die linke Seite zu gehen. Dort stehen jugendiche »Seelsorger« zum Einzelgespräch bereit und zum gemeinsamen Gebet. In zwei Wochen, so wird noch bekanntgegeben, treffen sich jene zu einem Seminar, die den Schritt zu Jesus gewagt haben, um ihren Glauben zu vertiefen. Sie bekommen Adressen von Gemeinden, wo sie ihr Glaubensleben entfalten können. Langsam leert sich der Saal. In der vordersten Reihe bleibt ein Mädchen sitzen. Es weint. Ein Jugendlicher spricht leise mit ihm.

Hans Bärnreuther kommt auf mich zu. Er fragt mich, wie ich die Evangelisation beurteile. Dann stellt er mir plötzlich und direkt die Frage: »Warum bekehrst du dich nicht zu Jesus?« Ein langes Gespräch schließt sich an. Es stellt sich heraus, daß ich trotz meiner Bitten nicht von mir sagen kann, daß ich Heilsgewißheit hätte. Ich spreche davon, daß ich Gottes Nähe gespürt habe, aber trotzdem meines Glaubens nicht sicher sei. Hans sagt, daß ich mich vermutlich nicht genügend für Jesus geöffnet habe, denn wer dies tue, der habe Gewißheit, der sei sich des ewigen Lebens sicher. Das Gespräch ergibt, daß mir die Bereitschaft fehlt, mein Leben ganz Gott zu überantworten, und daß ich vor allem Schwierigkeiten mit dem Begriff »Sünde« habe und nicht bereit bin, Schuld zu bekennen, die Hans vor allem in meinem Willen sieht, die Entscheidungen in meinem Leben im Grunde selbst - ohne Gott - zu treffen, daß ich selbstherrlich bin, anstatt mich Gott zu unterstellen.


Zurück zum Nolli
Zurück zum Nolli
Hosted by www.Geocities.ws

1