Hier folgen Auszüge eines Artikels, der in der Juli/Oktober 1984 Ausgabe vom IMPULS, die damalige offizielle Zeitschrift des CZB, erschien:
Von Waltraud Keil
Das Christliche Zentrum, vormals am Nollendorfplatz und jetzt in der Kirche am Südstern in Berlin, hat eine für eine Gemeinde ungewöhnliche Geschichte. - Es war schon außergewöhnlich, daß Harold Herman, ehemaliger prominenter Hollywood-Kameramann, nach seiner Bekehrung in den fünfziger Jahren als Missionar die Berliner Massen anzog. Sie kamen in Scharen in sein großes Zelt an der Sektorengrenze. Es war eine turbulente Zeit. Beim Ostberliner Aufstand am 17. Juni 1953 wurde das Zelt von russischen Panzern umstellt. Dennoch kamen Zehntausende Berliner zum Glauben an den lebendigen Gott.
Die Presse hatte hier ihren Sensationslieferanten, geschahen doch eine Reihe nicht wegzuerklärender Heilungswunder. Herr K., z.B. erlebte in jenen Jahren, daß seine Bewegungsfähigkeit spontan und uneingeschränkt wieder hergestellt wurde. Seit einer Verschüttung im Krieg mußte er ein Stahlkorsett tragen und am Stock gehen, weil er sich eine Wirbelverletzung und einen Riß der rechten Darmbeinschaufel zugezogen hatte. Als nach seiner übernatürlichen Heilung Röntgenaufnahmen gemacht wurden, wiesen sie nicht einmal eine Frakturlinie auf, und der behandelnde Arzt, der ihm vorher langsames Siechtum prophezeit hatte, scheute sich nicht, das Wort Wunder in den Mund zu nehmen. 1968 machte Herr K. dann das Goldene Sportabzeichen.
Wer all das mit eigenen Augen gesehen oder darüber in Presseberichten - verfaßt von Journalisten, die selbst davon fasziniert waren - gelesen hatte, stellte nicht mehr die Existenz Gottes in Zweifel, sondern fragte nur noch danach, wie man am schnellsten sein Verhältnis zu diesem Gott in Ordnung bringen könnte.
Das Metropol-Theater - neues Zuhause für die Zeltgemeinde
Aus der mehr oder weniger gut organisierten Zeltkirche zog die entstehende Gemeinschaft - Tausende hatten allerdings ihren Weg in andere Kirchen gefunden - in das alte Metropol-Theater am Nollendorfplatz (liebevoll "Nolli" genannt).
Diese Umstellung war zunächst etwas schwierig, und schon bald drohte die anfangs so lebendige Bewegung zu stagnieren, und die Gottesdienste waren auf dem Wege, in ein so oft übliches, fast nur noch formelles Ritual abzuflachen.
Junge Leute wanderten ab nach Westdeutschland, und nach und nach paßte sich die Gemeindestruktur der überalterten Westberliner Gesellschaft an (Westberlin hat im Vergleich zu anderen Großstädten den höchsten Rentneranteil). Doch 1964 kam Volkhard Spitzer.
Frischer Wind als Gebetserhörung der Senioren
Die etwa 100 sonntäglichen Zuhörer des jungen Pastors Spitzer waren in der Hauptsache Rentner. Mit voller Hingabe im Gebet unterstützten sie ihn in seinem Anliegen, die Jugend dieser Stadt zu erreichen.
Dies schien jedoch zunächst vergebens.
1970 schließlich wollte Pastor Spitzer so nicht mehr weitermachen. Vieles wurde von ihm in Frage gestellt. Er selbst formulierte es so:
"Ich wollte ehrlich vor mir selbst sein und zog Bilanz über mein bisheriges Wirken als Pastor. Ich konnte mich mit dem Erreichten nicht zufriedengeben. Mir erschien der Gedanke schier unerträglich, nur für Menschen da zu sein, die ihre weitaus größte Lebensstrecke zurückgelegt hatten.
Die gesamte neue Generation unserer Stadt lag mir wie eine Bürde schwer auf dem Herzen. Irgendwie mußten wir sie erreichen!
Das Weihnachtsfest lag gerade hinter uns, und jeder schien mit sich zufrieden zu sein. Ich war es nicht! Irgendwo in der Einsamkeit wollte ich mit meiner inneren Not zu Gott gehen.
In einem Gartenhaus am Stadtrand fand ich die gesuchte Stille. Hier wollte ich fasten und beten, bis ich die Antwort erhielt.
Nach drei Tagen war es dann so weit. Ich hatte die Gewißheit: Wenn mir diese jungen Menschen schon so wichtig sind, wieviel größer muß Gottes Interesse an ihnen sein! Schlagartig war mir klar: Gott will etwas tun! Er will unserem ganzen Volk - besonders aber den vielen jungen "drop-outs", die dem Rauschgift verfallen sind, helfen!
Schnell nahm ich meine kleine Taschenbibel zur Hand und schrieb meine Gedanken auf die erste Seite: 'Wenn wir Christen uns demütigen, wird Gott ein Wunder unter der jungen Generation tun. Aus ausgeflippten Menschen wird eine 'Jünger-Jesus-Bewegung' entstehen.' Während ich diese Worte aufschrieb, wurde ich überwältigt von der Gegenwart Gottes."
Der erste Sonntag im neuen Jahr '71 war gekommen, und eine große Erwartung hatte sich über dem gesamten Gottesdienst ausgebreitet. Es war, als hätte sich der ganze Himmel an diesem Morgen am "Nolli" versammelt. Pastor Spitzer berichtete mit bewegtem Herzen über seine Erlebnisse der vergangenen Tage und darüber, wie Gott zu ihm geredet hatte.
Eine große Bereitschaft zur Buße brach unter den Anwesenden auf. Nach der Predigt versammelten sich etwa 80 Besucher im Gebetsraum, fielen auf ihre Knie und bekannten Gott ihre mangelnde Liebe zu ihm und den Menschen.
Der Umbruch: Liebe ist etwas das man tut
Es dauerte nicht lange, bis diese innere Umkehr Auswirkungen hatte. Süchtige kamen - sie schienen regelrecht von unsichtbarer Hand gezogen zu werden - in die Gottesdienste. Kaum betrat einer von ihnen den Gottesdienstraum, eilte auch schon eine ältere Frau zu ihm hin, gab ihm die Hand und bot ihren Platz an. Die Freude war groß. Jeder konnte und wollte hier Gottes Handeln sehen. Eine andere ältere Dame nestelte an ihrer Handtasche, holte eine Tafel Schokolade hervor und gab sie weiter mit den Worten: "Da, guter Mann, die schenk ich dir! Jesus liebt dich!" - Das war zuviel für diesen Besucher. Schnell verbreitete sich die Kunde von der außergewöhnlichen Freundlichkeit unter seinen Leidensgenossen, und bald saß eine ganze Gruppe Süchtiger "links außen" im Saal. Dabei sollte es aber keineswegs bleiben!
Diese Menschen brauchten ganz dringend Hilfe. In dieser Situation selbst hilflos, betete Pastor Spitzer: "Herr, was soll ich predigen? Gib Du mir jetzt die richtigen Worte!" Gott erhörte sein Gebet - die Predigt lautete dann: "Alles, was due brauchst, ist Liebe! Liebe ist die größte Macht im Universum. Liebe kann dein Leben total verändern. Gott ist Liebe, Er liebt dich!"
Da traten sie aus ihren Reihen heraus, zuerst einzelne; dann kamen sie in Scharen zum Altar und baten um Gebet.
Wie ein Lauffeuer sprach sich herum: Jesus macht frei! Ein Durchbruch hatte stattgefunden!
Bald wurden die Gottesdienste von Fernseh-Teams gefilmt. Die Massenmedien hatten ein sensationelles Thema: Die Jesus-People!
Voll Freude berichteten Ex-Fixer, wie Jesus sie vom Rauschgift befreite und ihnen ein sinnvolles neues Leben schenkte. Diese Nachricht verbreitete sich nicht nur in Deutschland, sondern darüber hinaus auch in der Schweiz und in Österreich.
Innerhalb eines Jahres wurden mehr als 40 Kontaktstellen - die "One-Way-Teestuben" - geschaffen, in denen sich wöchentlich Tausende Jugendlicher versammelten.
Die Gottesdienste im Jesus Center am Nollendorfplatz waren bald überfüllt. Seelsorgerliche Gespräche dauerten oft weit über Mitternacht hinaus. Viele der jungen Leute hatten nach ihrer Bekehrung keine Bleibe mehr. Aber auch hier sorgte Gott weiter. Große Summen Geldes wurden gespendet, um diesen jungen Leuten eine Wohngemeinschaft in einem Haus, das dann One-Way-Haus genannt wurde, zu ermöglichen. Hier konnten sie bis zu ihrer Wiederherstellung - zum Teil kostenlos - wohnen.
Viele von Ihnen haben heute eine Familie und kommen mit ihren Kindern in die Gottesdienste. Andere besuchten internationale Bibelschulen und arbeiten missionarisch im In- und Ausland.
Pastor Spitzer: "Damals irrte ich nicht, als ich glaubte, Gott habe zu mir gesprochen. Gott wirkte große Wunder unter Hunderten von jungen Leuten, und Er wirkt unaufhaltsam weiter."