Hier folgen Auszüge eines Artikels aus der Juni 1973 Ausgabe des Frauenmagazins "Brigitte".  Die zwei Brüder in diesem Artikel waren damals gute Freunde von mir.


TÖCHTER UND SÖHNE - Eine Brigitte-Serie von Helga Leeb

D. und M. beten, lesen täglich in der Bibel, versuchen, andere zu bekehren.  Ihr Glaube, davon sind sie überzeugt, hat sie zu ihrem Vorteil geändert.  D., der zu den Jesus-People gehört, sagt:

"Seit ich Christ bin, verhaue ich meinen Bruder nicht mehr"

... D., 17, Gymnasiast,... gehört seit zwei Jahren zu den Jesus-people, jener Bewegung junger Christen, die sich 1971 von Amerika nach Deutschland ausbreitete und zunächst in Berlin die meisten Anhänger fand...

...Wir sitzen in D.s Zimmer, das er mit seinem Bruder teilt.  Über seinem Bett hängt ein Kreuz, sind Plakate gepinnt mit Aufschriften wie: Jesus lebt!  Gott liebt dich!  Gesucht: Jesus von Nazareth!  Neben der Tür liegt auf einer Art Stehpult eine aufgeschlagene Bibel in Großformat.  Der Rest ist das übliche: Schallplattenstapel, Bücher, Unordnung, irgendwo eine Gitarre.  D. berichtet von seiner Bekehrung.  Er sieht mich ernst aus einem krausen Gewirr von Haupt- und Barthaaren an, geht geduldig auf Zwischenfragen ein und wirkt ein bißchen wie jemand, der einem hoffnungslos unbegabten Mitmenschen ein mathematisches Problem erklärt.   "Es war im Februar 1971, ich war damals 15 Jahre alt.  In unsere Klasse war ein neues Mädchen gekommen, mit dem ich mich unwahrscheinlich gut verstand.   Eines Tages, im Zeichensaal, hat sie mir gesagt, daß sie ihr Leben Jesus gegeben hat und daß sie dadurch völlig verändert worden sei.  Früher habe sie viel Rauschgift genommen, Haschisch, Trips und so weiter.  Seit sie Christin sei, habe sie damit aufgehört.  Sie hat mir dann ganz viel von Christus erzählt.  Daß man ihn richtig aufnehmen kann in sein Leben und daß Christus einen dann verändert.   Mein Verhältnis zu Gott war bis dahin so: Irgendwie wußte ich schon, daß es ihn wohl gibt, und wenn ich vor irgend etwas sehr Angst hatte, betete ich auch schon mal.   Aber durch das Mädchen hat sich Gott mir wirklich gezeigt.  Ich wußte, genauso wie sie es mir sagt, ist es richtig.  Und dann bin ich auch zum Nolli gegangen."

Mit "Nolli" bezeichnen die Berliner Jesus-people einen Gebetsraum am Nollendorfplatz, in dem ein junger Prediger mit schwäbischer Mundart seit acht Jahren die Gottesdienste für seine "Pfingstgemeinde" abhält.  Er heißt Volkhart Spitzer, nennt sich selbst Reverend Spitzer und sammelte 1971 die ersten Jugendlichen um sich, die sich spontan zu Christus bekehrten, teilweise Haschisch und LSD entsagten und statt dessen "high durch Jesus" wurden.  So jedenfalls formulierten es skeptische Beobachter der Berliner Jesus-Bewegung.  Reverend Spitzer veranstaltete auch die erste Massentaufe jugendlicher Bekehrter in der Havel.  Er wird bis heute von den Jesus-people als Freund und Mentor betrachtet.  Die vorwiegend älteren Damen mit Einkaufstasche und Topfhut, die am Mittwoch- und Sonntagnachmittag den Gottesdiensten beiwohnen, haben sich längst an die Anwesenheit ernster junger Leute mit biblischer Bart- und Haartracht gewöhnt.

D. schildert seinen ersten Besuch im Nolli so: "Es war an einem Samstag.  Da finden immer Jugendmeetings statt.  Außer mir waren acht oder neun Jungen und Mädchen da, und Volker (so nennen die Jesus-people Reverend Spitzer) erzählte uns von Christus und sagte, wer sein Leben Jesus geben möchte, solle auf die Knie gehen und beten.  Das hab' ich dann gemacht.  Ich habe dabei nichts weiter gespürt, sondern einfach nur einen bewußten Schritt getan.  Ich habe mir gesagt: Gott, ich will wirklich, und ich wollte ganz ehrlich.  Auf dem Weg nach Hause dachte ich: Mensch, hast du dich jetzt wirklich bekehrt?  Was ist eigentlich los, du fühlst ja nichts!  Dann kam ich heim.  Ich hatte früher die Angewohnheit, meinen Bruder wegen jeder Kleinigkeit zu verprügeln.  An dem Abend kam er zu mir und erzählte, was er so gemacht hat.  Da merkte ich, daß ich auf einmal ein ganz anderes Verhältnis zu M. hatte, daß ich überhaupt keine Aggressionen mehr empfand.  Da wurde mir klar, daß ich doch Gott erlebt hatte.  Seit diesem Tag hab' ich nie wieder Lust verspürt, meinem Bruder eine zu hauen."

... D. geht bis zu viermal in der Woche zum Nolli und lauscht mit immer neuer Begeisterung der Erzählung von Reverend Spitzer, wie er durch ein Wunder von der Kinderlähmung geheilt worden sei, oder Gastpredigern, die ähnliche Wunder erfahren haben...

...D., sein Bruder M., und seine Freundin L. gehören zum festen Stamm der Berliner Jesus-people.  Ich frage D., wie viele es denn insgesamt seien, während wir mit ihm zur Gedächtniskirche fahren... D. zögert.  Wirklich regelmäßig kämen zum Jugendmeeting am Nolli etwa 15 bis 20 junge Christen.  1971 taufte Reverend Spitzer 70 Bekehrte in der Havel, in diesem Jahr waren es an die 30, darunter D.s Bruder M.   Vor zwei Jahren vertrat Volkhart Spitzer in einem Interview die Überzeugung, daß die Bewegung der Jesus-people von Berlin aus Deutschland überschwemmen werde.   Tatsächlich gibt es inzwischen in manchen Städten kleine Gruppen christlicher Jugendlicher, die sich meist in Wohngemeinschaften um Drogensüchtige kümmern.  In Berlin hingegen scheint es eher, als ob die Jesus-Bewegung nach und nach wieder versickert.  Die "One-Way" Teestube, in der nicht nur drogensüchtige Jugendliche Zuflucht, Bekehrung und kostenlos Tee und Schmalzbrot fanden, war wochenlang geschlossen.  "Wegen Renovierung", sagte D.  "Weil nicht mehr genug Interessierte kamen, nur noch Obdachlose und Penner", meint ein Freund, der ehemals selbst bei den Jesus-people war, sich dann aber wieder zurückzog...


Zurück zum Nolli
Zurück zum Nolli
Hosted by www.Geocities.ws

1