Studien Boris Körkel: Literaturwissenschaft



Landschaft und Geschichte in der Kraichgaurede des David Chytraeus


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Vortrag in Unteröwisheim, 15. Juni 2000 als Teil der Reihe: David Chytraeus (1530-1600). Veranstaltungen zum 400. Todestag. "Reformation und Humanismus im Kraichgau". Vortragsreihe des Heimatvereins Kraichgau in Zusammenarbeit mit der Stadt Kraichtal


1. Einführende Überlegungen

"Ich habe das Mittelmeer leidenschaftlich geliebt (...)", so beginnt Fernand Braudels, sehnsuchtsvoll (während der Kriegsgefangenschaft in Deutschland und in den beiden ersten Nachkriegsjahren verfasstes) Hauptwerk: "Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II." Vermutlich werden Sie sich wundern, warum ich mit dem "Mittelmeer" beginne, doch scheint mir Braudels opus magnum einiges Licht auf den Gegenstand meines Vortrags zu werfen: Landschaft und Geschichte. Geographie und Historiographie. Landschaften haben Geschichte und – so Braudel im Vorwort – vielleicht sogar Persönlichkeit.

Das Mittelmeer sei

"eine komplexe, sperrige, außergewöhnliche Persönlichkeit, die sich unseren Größenordnungen und Kategorien entzieht. Man käme nicht weit, wollte man ihre Geschichte nach jenem schlichten Muster schreiben, das mit >Geboren am...< beginnt; man würde scheitern, wollte man über die Dinge ganz einfach so erzählen, wie sie sich ereignet haben" (M 15)

Die Gliederung des Buches selbst ist als Vorschlag für eine neue Betrachtungsweise der Geschichte einer Landschaft und der Geschichte in einer Landschaft, der Beziehungen zwischen Geschichte und Raum, anzusehen. Berühmt geworden ist Braudels Dreiteilung, die drei möglichen Zugänge zu seinem Gegenstand: 1. die beinahe zeitlose Geschichte zwischen dem Menschen und seiner Umwelt. 2. die allmählich sich wandelnde Wirtschafts-, Sozial- und politische Strukturgeschichte, 3. die schnell voranschreitende Ereignisgeschichte. Wir wollen Braudel hier verlassen und uns David Chytraeus zuwenden, dabei aber jene drei Aspekte im Auge behalten und vor diesem Hintergrund die Frage stellen, welchen Zugang Chytraeus für die Beschreibung der Landschaft des Kraichgaus, für seine Rede "De Creichgoia", wählte. Das setzt voraus, dass wir uns zunächst Klarheit darüber verschaffen, mit welcher Art von Text wir es bei Chytraeus zu tun haben, wie der Autor seine Intentionen darlegt. Als nächstes wird kurz untersucht, in welcher Art Chytraeus in seiner Rede erstens den Raum und zweitens die Zeit zur Darstellung bringt, wie er sich also den Kategorien Landschaft und Geschichte nähert, wie er sie zur Sprache bringt. Abschließend können dann Raum und Zeit in Bezug zueinander gesetzt werden und somit die anfangs unternommene Bestimmung der Textgattung möglicherweise ein wenig verfeinert werden.

 

2. Intentionen und Textsorte der Rede

Die moderne Textlinguistik untersucht Texte nach Textfunktion, inneren und äußeren Strukturen. Maßgeblich sind dabei noch immer die Arbeiten von Karl Bühler, jenem, wie nur wenig bekannt ist, in unserem Meckesheim 1879 geborenen berühmten Psychologen und Sprachphilosophen. Karl Bühler hatte von 1913 bis 1918 einen Lehrstuhl in München inne, von 1918 bis 1922 war er Professor in Dresden, danach bis zur Emigration 1938 in Wien, schließlich bis zu seinem Tod 1963 in Los Angeles. Ein jeder Text, wie überhaupt eine jede sprachliche Äußerung, impliziert, gemäß dem Organon-Modell von Karl Bühler, drei elementare Funktionen: 1. Darstellung (oder Symbolfunktion), also Bezugnahme auf einen Redegegenstand, 2. Ausdruck (oder Symptomfunktion), also all das an einem Text, was die innere Befindlichkeit, die Emotionen oder aber die Einstellungen des Autors erkennen lässt, 3. Appell (oder Signalfunktion), also die Eigenschaft eines Textes, mit der sich der Autor an einen Rezipienten richtet und diesen zu bestimmten Reaktionen veranlassen will. Somit hat ein jeder Text einen erkennbaren kommunikativen Sinn, mithin eine Hauptfunktion des Gesamttextes und spezifische Unter- und Nebenfunktionen, und kann anhand dieser Textfunktionen charakterisiert und einer Textsorte zugewiesen werden.

Die deutsche Alltagssprache kennt ungefähr 1600 Textsortenbezeichnungen, die nicht fachsprachlich sind. Daraus wird ersichtlich, dass in alltäglichen Kommunikationssituationen Textsorten voneinander unterschieden werden und bei den Produzenten/Rezipienten Textklassenkonzepte nach Kommunikationssituation, Textfunktion und Textinhalt differenziert werden können. Es gibt ein gesellschaftlich-kulturell vorgeprägtes Reservoir an Textsorten und entsprechend an Hörer-/Lesererwartungen relativ zu diesem alltagssprachlichen Textsortenwissen.

Eine Rede ist eine Form wirkungsbezogenen Sprechens. Die Kraichgaurede des Chytraeus geht auf einen mündlichen Vortrag zurück, den er in Rostock an der Universität, vor Studenten und Dozenten, gehalten hat, "weil nach dem Usus dieser Schule eine Rede anstand" (quia usitato Scholae huius more aliquid dicendum erat,7). Die Gattungsbezeichnung als "oratio" (Rede) sowie Formen von "dicere" (sprechen), "vox" (Stimme), direkte Ansprache an die "auditores" (Hörer) verweisen auf den mündlichen Vortrag. An den Leser der später gedruckten Rede (und wohl nachträglich eingefügt) appelliert Chytraeus einmal ausdrücklich: "dies sei nun genug zur Information des Lesers" (satis sit lectorem, 16). Dass Hörern und Lesern der Rede die Gattung einer solchen Rede vertraut war, dass sie daher bestimmte Erwartungen haben durften, geht aus folgendem Satz hervor: "Anfangs nun, wie immer bei Beschreibungen von Landschaften, muß ich sprechen von..." (Initio autem, ut in regionibus describendis fieri solet..., 7f.). Eine Tradition ähnlicher Reden konnte somit als bekannt vorausgesetzt werden. Chytraeus reiht sich bewusst in diese ein und gibt sich ferner als Lehrer der Rhetorik zu erkennen, welcher er durch seine "Praecepta rhetoricae inventionis" ist.

Wie verhält es sich nun mit der Rede des David Chytraeus hinsichtlich der drei Funktionen Karl Bühlers, wo lagen die Intentionen des Verfassers, welche kommunikativen Absichten verfolgte er? Dem Titel nach gibt sich der Text zunächst einmal als Rede über den Kraichgau zu erkennen; Chytraeus erklärt den Kraichgau also a priori zu ihrem Gegenstand: De Creichgoia Oratio (1). Mit dem Anfang des eigentlichen Textes verhält es sich ein wenig komplizierter; der Redegegenstand wird hier mitnichten weiter präzisiert, sondern eher etwas in den Hintergrund gerückt. Denn der Anfang des Textes, der innere Titel, lautet: "Oratio continens descriptionem Creichgoiae", also Rede, die eine Beschreibung des Kraichgaus enthält (3). Die Bedeutung jenes "continens" sollte man genau beachten, sagt es doch aus, dass nicht allein die "descriptio Creichgoiae" Gegenstand der Rede ist. Aus den ersten Abschnitten der Rede geht vielmehr hervor, dass Chytraeus außer einer bloßen Landschaftsbeschreibung noch ganz andere Intentionen hatte. Die Rede ist aus dem Motiv der Dankbarkeit gehalten, das durch das Emblem der drei Grazien illustriert wird. Nicht dass im Bild der drei Grazien Karl Bühlers Dreiecksschema von den Funktionen der Sprache schon vorgedacht wäre, doch können in ihm die weiteren Intentionen des Chytraeus, Ausdruck (Symptom) und Appell (Signal), abgelesen werden. Die Gestalt der drei Grazien sei von der Art, "daß eine ihr Gesicht zum Betrachter wendet, die beiden übrigen ihr von uns abgewandtes auf den Urheber der Wohltat richten." (4). Noch deutlicher als bei Chytraeus wird der emblematische Sinn der drei Grazien in dem Exlibris des Cuspianus, in dem sie sich eine Art Ball mit den Händen zuzuspielen scheinen und lateinisch mit "do", "accipio", "refero", also ich gebe, ich nehme an, ich gebe zurück, beschriftet sind (s. Abb.). Auch hier ist die Richtung auf den Spender der Wohltat eine doppelte.

Chytraeus nennt im inneren Titel der Rede sein Anliegen, das dem Sinn der zweiten und dritten Grazie entspricht, der annehmenden und der zurückgebenden, ein Anliegen, das über die bloße symbolfunktionale Darstellung des Kraichgaus hinausgeht: Er wolle, ein "Zeugnis der Dankbarkeit" abgeben "zu Ehren des edlen und hochberühmten Peter von Mentzingen" (3), ferner, wie er weiter unten deutlich macht, zu Ehren seines verehrten Lehrers Philipp Melanchthon (6), seinen beiden Wohltätern also, die ihm das Studium und den Weg zur Kenntnis wahrer Gotteslehre ermöglicht haben, die Wohltaten in dankbarer Geste zurückerstatten. Somit ist im Bild der drei Grazien das symptomfunktionale Anliegen der Rede ersichtlich, nämlich dass Chytraeus seinen dankbaren Sinn gegenüber den Wohltätern bekunden will. Wie nun aber jenes Anliegen mit dem Gegenstand und mit einer appellatorischen Funktion der Rede zusammenhängt, wird in folgendem Zitat deutlich. Chytraeus ist ein theologischer und didaktischer Kopf und macht die Intention seiner Rede, seine Redeabsicht, explizit:

"Eben diese beiden Wohltäter [Peter von Mentzingen und Philipp Melanchthon] hat der Kraichgau geboren und alsbald umfangen und behütet; wo auch jetzt noch mein Mäzen Peter von Mentzingen Wohnung und väterlichen Sitz hat [...]. Weil ich nun bei meinen bescheidenen Verhältnissen den Wohltätern nicht anders als wohlwollend und mit Worten wie auch immer ein Zeichen dankbaren Sinns zeigen kann, habe ich beschlossen, weil nach dem Usus dieser Schule eine Rede anstand, eine solche zu halten vom Lob jener Gegend, eben des Kraichgaus. Ich vertraue darauf, daß sie Euch darum nicht unwillkommen sein wird, weil sie ein Zeugnis meiner Dankbarkeit gegenüber dem wohltätigen Mäzen sein wird; enthalten wird sie auch einige herrliche Beispiele von Taten, die sowohl wegen der Herrlichkeit Gottes zu preisen sind als auch in guten Naturen die Liebe zu einer solchen Tat anzünden und festigen." (6f.).

Vor allem der erste Satz ist näher zu betrachten. Der Kraichgau, der die beiden Wohltäter geboren habe, tritt hier als grammatikalisches Subjekt in Erscheinung. Somit sind beide Wohltäter als Objekte bei all ihrer Verschiedenheit und Unvergleichbarkeit durch die Tatsache, dass sie dem gleichen Kraichgau entstammen, vereint. Die Beschreibung des Kraichgaus kann somit zum Zeugnis und Ausdruck (significatio) der Dankbarkeit werden, denn in beiden Wohltätern ist Chytraeus zugleich dem Kraichgau dankbar, als dem Subjekt, aus dem beide hervorgingen – und umgekehrt. Die "descriptio" der Landschaft ist somit zugleich "significatio" des dankbaren Sinnes, Redegegenstand und Redeausdruck sind in einem erfüllt. Hinzu kommt noch die dritte bühlersche Funktion, der Appell, wenn die Rede auch "einige herrliche Beispiele von Taten, die sowohl wegen der Herrlichkeit Gottes zu preisen sind als auch in guten Naturen die Liebe zu einer solchen Tat anzünden und festigen" enthält und in ihrer dankbaren Geste insgesamt verdeutlicht, "daß wir Gott selbst, der mit reichlichster Hand auf uns alle Güter häuft und ausgießt, schuldige Dankbarkeit [...] erweisen." (5). Ferner nennt Chytraeus an anderer Stelle noch die Intention, dass sein Wirken "den Studien anderer nützlich sein" möge (6). Mit der traditionellen Rhetorik kann die appellatorische Funktion der Rede in drei Redefunktionen differenziert werden, nämlich docere (Belehrung), movere (Affekterregung, Persuasion, Appell), delectare (Unterhaltung). Alle drei spielen bei Chytraeus eine Rolle.

Zusammenfassend lässt sich die Rede also erstens nach ihrem Gegenstand als Landschaftsbeschreibung, zweitens nach ihrem Ausdruck als Zeugnis der Dankbarkeit und drittens nach ihrem Appell als wissenschaftlich wie theologisch didaktischer Text bezeichnen. Die Landschaftsbeschreibung ist also bis zu einem gewissen Grad funktionalisiert für die beiden letztgenannten Textfunktionen. Dies soll für den folgenden Teil meiner Ausführungen, eine genauere inhaltliche Analyse der Rede, von Bedeutung sein. Dabei soll der Redegegenstand erstens nach dem Aspekt von Raum und zweitens nach dem Aspekt von Zeit untersucht werden.

 

3. Der Raum

Landschaft ist ein weites Feld und ein vielschichtiger Begriff und kann uns sowohl als Natur- oder Stadtlandschaft, Kulturlandschaft, als Geschichtslandschaft, als politische Landschaft, als ein durch Grenzen umrissenes Gebiet, nach geographischen Gesichtspunkten als strukturell-physiologisch bestimmter Ausschnitt aus der Erdoberfläche oder aber in einem Gemälde als Landschaftsmotiv, als ästhetische Landschaft, wie sie den Kunst- und Literaturwissenschaftler beschäftigt, gegenübertreten. Wenn Chytraeus die Beschreibung einer Landschaft, nämlich des Kraichgaus, unternimmt, so ist damit noch wenig darüber gesagt, welche Inhalte seine Rede tatsächlich umfasst. Eichendorff etwa hätte den Kraichgau sicher mit anderen Augen gesehen als ein moderner Geograph oder ein neuzeitlicher touristischer Führer, der wieder andere Aspekte aus dem, was man als die Landschaft "Kraichgau" bezeichnet, hervorhebt. Das lexikalische Repertoire für Landschaftsbezeichnungen wurde verschiedentlich untersucht; David Chytraeus verwendet eine Vielzahl von Vokabeln zur Beschreibung von Landschaft, so v.a. das semantisch weite "regio", aber auch "locus", "pars mundi", "gaia", er nennt die "comes Creichgoiae", was den Kraichgau zum Comitat macht, erwähnt die "colles", "planicies", "campi", den "solum" etc. und benennt den Kraichgau als "domicilium", "sedes", nicht zuletzt als "patria".

Chytraeus geht, wie schon erwähnt, bei der Beschreibung des Kraichgaus nach einem Schema vor, wie es üblich sei bei der Beschreibung von Landschaften (in regionibus describendis 7f.). Er stellt sich damit selbst in eine Tradition der Landschaftsbeschreibung, wie sie Flavio Biondo um 1450 für Italien bestimmt hat. In Biondos "Italia llustrata" (1448-53) sind historiographische Überlieferung, geographische und enzyklopädische Texte, Dichtkunst, Karten, Inschriften, archäologisches Material und eigene Anschauung zu einer Topographie Italiens vereint und wie später bei Chytraeus nach dem Gegenstand angemessenen rhetorischen loci neu geordnet. Vor Chytraeus hatten Ladislaus Sunthaym, Irenicus und Sebastian Münster in einigen Kapiteln seiner Cosmographei (1550) zu einer literarischen Erhellung des Kraichgaus beigetragen. Chytraeus selbst war das Genus vertraut u.a. durch seine Bearbeitung und Fortsetzung der Saxonia des Albert Krantz. Weitere Beispiele des Städtelobs sind die "Oratio de inclyta urbe Rostochio" und die "Oratio de oppido Suerino", die in engem Zusammenhang mit den "Praecepta rhetoricae inventionis" des Chytraeus stehen, die aber möglicherweise von Studenten verfasst sind; unzweifelhaft gesichert ist seine Autorschaft nur bei der Lobrede auf den Kraichgau.

Chytraeus behandelt zunächst die Grenzen, Lage und Namen des Kraichgaus, also all das, was man vielleicht noch am ehesten als geographische Landschaft bezeichnen könnte, und geht dann zur Beschreibung der kulturellen Landschaft über: Bewohner, Adelsfamilien, Herrschaftsformen, Kirchen, Schulen. Land und Leute, Landschaft und Bevölkerung, Natur und Kultur werden also nicht strikt von einander getrennt; beides ist Gegenstand der "descriptio".

 

3.1 Naturlandschaft

Von der natürlichen Landschaft finden v.a. Flüsse und Bäche (20) Erwähnung, die Züge des Heuchelbergs (11), die Ebene des Bruhrains, deren Zugehörigkeit zum Kraichgau historisch begründet wird, schließlich das eigentliche Kraichgauer Hügelland, für das Chytraeus die Bezeichnungen fruchtbare Hügel (11) oder auch Berge verwendet, ferner die vom Menschen geschaffenen Kulturlandschaften wie Weingärten, Felder, Wiesen und auch Wälder, die nur einmal erwähnt werden. Entgegen unserem heutigen Bild von der Natur, wo der Wald als deren signifikantester Bestandteil und als wichtigste Naturmetapher gelten kann, sah die damalige Zeit in ihm noch kein romantisch verklärtes Refugium. Erst die Industrialisierung hat den Wald für uns zum Erholungsort gemacht.

 

3.2 Ästhetische Landschaft

Die Sprache der Rede ist durchweg unpathetisch und informierend; ästhetische Urteile über den Kraichgau sind selten. Einmal behandelt Chytraeus die Natur des Landes und die Schönheit (elegantia) seiner Gebäude (19), ein andermal gilt der Heuchelberg als mit vielen Dörfern und Burgen geschmückt (ornat(us), 11).

Städte werden nicht individuell sondern stets stereotyp etikettiert vorgestellt: Tübingen als der Musensitz, Heidelberg als Sitz von Universität und Hof, Weinsberg als Stadt der Weibertreu. Das Interesse des Chytraeus richtet sich eher auf deren Namen denn auf ihr Erscheinungsbild. Zahlreiche Stadtnamen geben den Anstoß zu divinatorischen etymologischen Spielereien: Heilbronn als "saluber fons" (10f.) oder "salutores fontes" (12f.), Sternenfels als "stellae petra" (16) etc.

Noch bis heute gelten abwechslungsreiche, sanfte Landschaften als besonders schön – wir erkennen aber auch die Schönheit schroffer Formen, wie der Alpen, was dem Humanisten Chytraeus befremdlich gewesen wäre. Noch im jüngsten Kraichgauführer wird das Land der sanften Hügel gelobt, das besonders für Wanderer und Radfahrer Anziehungskraft besitze. Wie eine deutsche Toskana wird der Kraichgau geschildert, der seine Ausstrahlung gerade aus der "entwaffenden Harmonie" seiner "Naturschönheiten ohne Extreme" beziehe. Chytraeus bezeichnet den Kraichgau einmal – und diese Stelle wird zu Recht immer wieder zitiert – ebenfalls als "abwechslungsreich (ita distincta est) durch Berge, Weingärten, Felder, Wiesen und Wälder". "Er ist so, daß die größte Lieblichkeit (amoenitas) der ganzen Landschaft wie eines ewigen Gartens (velut horti perpetui) denen, die ihn betrachten, einen Genuß wundervoller Lust gewährt." (mirificae delectationis fructum intuentibus afferat, 21). Zugang zur Landschaft durch Intuition ("intueri", anschauen), dadurch Gewinn an "delectatio" (Genuss), Kennzeichnung der ästhetischen Qualität der Landschaft als "amoenitas" (Lieblichkeit): hier steht Chytraeus in einer langwährenden literarischen Tradition der Topik des "locus amoenus", mit dem meist keine empirischen Landschaften, sondern stilisierte Bildmuster der lebendigen und fruchtbaren Natur gemeint sind. Fruchtbarkeit (salubritas) der Gegend wird an vielen Stellen der Rede betont, was außer rein ästhetische auch reelle und den unmittelbaren Bedürfnissen der Menschen entspringende Qualität der Landschaft Kraichgau ist. Der Kraichgau wird somit zur herausragenden Agrarlandschaft.

 

3.3 Ökonomische Landschaft

Die Gegend sei schmal aber höchst fruchtbar (feracissima, 18), der Boden (solum) von außerordentlicher Qualität, so dass in der Landwirtschaft ungewöhnlich hohe Erträge möglich sind, was den Theologen Chytraeus zu einem gewagten Vergleich mit legendärer und biblischer Fruchtbarkeit der Böden Siziliens, Baetiens, Ägyptens, Byzaziens, Babyloniens oder dem biblischen Acker Gerar reizt. Zwar werden die biblischen Erträge, in Babylonien für einen Scheffel Saatgut bis zu 300 Scheffel, im Kraichgau nicht erreicht, doch sei hiesiger Ertrag erquicklich und zu einer gesunden und mäßigen Ernährung hinreichend (20):

"Obwohl ich bekennen muß, daß die Felder des Kraichgaus diesen [dem campus babylonicus] weit unterlegen sind, pflegen sie dennoch, da sie sowohl von Natur gut wie auch fett sind, als auch weil ihnen mit Fleiß und Bewirtschaftung nachgeholfen wird, in mäßigen Jahren den Bauern für je sechs Scheffel Getreide zehn oder zwölf zu erbringen als einen ziemlich großen Ertrag" (20).

Das Land wurde damals schon, wie seit dem hohen Mittelalter üblich, systematisch genutzt, insbesondere für den Getreideanbau, der die Viehzucht weitgehend verdrängt hatte; man spricht in diesem Zusammenhang von "Vergetreidung". Üblich war damals die "Dreifelderwirtschaft", so dass die Felder alle drei Jahre brach lagen; Chytraeus aber schreibt, dies sei im Kraichgau nur alle vier Jahre geschehen. Wahrscheinlich muss man darin ein Indiz für die besondere Qualität der Löß-Böden sehen. Mit diesen Böden zählt der Kraichgau zu jenen "Altsiedellandschaften", in denen seit frühester Zeit bevorzugt Landwirtschaft betrieben wurde und die sich als offene bzw. halboffene Landschaften für die Besiedlung als besonders günstig erwiesen.

Insgesamt lassen die Angaben des Chytraeus, was die Landwirtschaft betrifft, ein wenig Genauigkeit vermissen und scheinen größtenteils eher der literarischen Topik eines fruchtbaren Landes als den realen Gegebenheiten verpflichtet. Denn mit dem von Chytraeus beschriebenen Kornertrag wäre der Kraichgau für damalige Verhältnisse keineswegs gut dagestanden und es hätte dort eine ausgesprochen extensive und kärgliche Bodennutzung stattgefunden. Zwar wurden damals noch keine Agrarstatistiken geführt, doch wir wissen ungefähr, dass die Ernte schon seit dem Hochmittelalter etwa das Drei- bis Vierfache der Saat betragen hatte. Chytraeus rechnet noch nicht einmal fest mit dem Doppelten. Ohnehin sagen derartige Angaben über den Ertrag pro Saatgut noch nichts über den tatsächlichen Ertrag der Landwirtschaft, der, gerade bei den damals üblichen Brachzeiten, nur im Verhältnis zur gesamten Anbaufläche sinnvoll errechnet werden kann. Über die Weiterverarbeitung des Korns, etwa in Mühlen, macht Chytraeus keine Angaben. Er erwähnt aber gewisse Spezialitäten, die im Kraichgau damals angebaut wurden, was nur bei relativ gut funktionierendem Getreideanbau möglich gewesen sein dürfte, neben den Getreidesorten Einkorn und Dinkel auch Wein und andere Früchte und auch Safran und Mandel (19). Safran stellte ein sehr teures Gewürz dar und wurde hauptsächlich aus Italien importiert, ist aber seit dem 13. Jahrhundert auch in Spanien, in Frankreich an der Rhône und an der Atlantikküste belegt. Seit dem 15. Jahrhundert bestanden u.a. am Oberrhein kleinere Anbaugebiete mit niedrigerer Qualität.

 

3.4 Kulturelle Landschaft

Nun sollten uns die oben beschriebenen Passagen der Kraichgaurede nicht darüber hinwegtäuschen, was zur Beurteilung der gesamten Rede entscheidend ist; dass diese nämlich nicht bloß Landschaftsbeschreibung im Sinne von Beschreibung der Naturlandschaft und der ökonomisch genutzten Flächen ist, sondern über den ganzen Text gesehen die Beschreibung des Kraichgaus als einer kulturellen Landschaft überwiegt und den längsten Teil der Rede ausmacht. Chytraeus behandelt den Kraichgau als Adelslandschaft (den späteren Ritterkanton Kraichgau), als politische Landschaft, deren verschiedene Herrschaftsformen darzustellen sind, als Kirchenlandschaft, in der sich gerade das Wort des Evangeliums ausgebreitet hatte, als Schullandschaft und als Gelehrtenlandschaft mit der Universität Heidelberg als Zentrum. Der Kraichgau ist als Landschaft ein Soziotop und wird einmal implizit als liebenswürdige Heimat bezeichnet, wenn die Heimatfreunde (patriae amantes, 17) zu seiner Erforschung aufgefordert werden. Eine Landschaft ist somit mehr als nur physischer Raum, sondern zugleich Ort der Identitätsstiftung, als solcher erinnerungsgehaltig. Jan Assmann hat den Raumbezug jeder Erinnerungskultur beschrieben:

"Was das Haus für die Familie ist, sind Dorf und Tal für die bäuerliche, Städte für bürgerliche, die Landschaft für landsmannschaftliche Gemeinschaften: räumliche Erinnerungsrahmen, die die Erinnerung auch noch und gerade in absentia als ‚Heimat‘ festhält. [...] Diese Tendenz zur Lokalisierung gilt für jegliche Art von Gemeinschaften. Jede Gruppe, die sich als solche konsolidieren will, ist bestrebt, sich Orte zu schaffen und zu sichern, die nicht nur Schauplätze ihrer Interaktionsformen abgeben, sondern Symbole ihrer Identität und Anhaltspunkte ihrer Erinnerung. Das Gedächtnis braucht Orte, tendiert zur Verraumlichung"

Über "irdische Heimat und himmlisches Vaterland" – die Heimatbeziehungen des David Chytraeus – hat jüngst Hermann Ehmer geschrieben.

Land und Leute sind für Chytraeus untrennbar; er wolle "über die Natur der Gegend und der Menschen" reden und zwar auch über die "frühen Bewohner" (16), was historisches Nachforschen notwendig macht und uns überleitet zu unserem zweiten Gegenstand, dem Faktor Zeit. Geschichte ist somit nicht gänzlich von der Landschaft zu trennen, denn will man über die Natur der Menschen, über die Adelsfamilien, die Herrschaftsform und die Kirchen etwas sagen, so müsse man, davon ist Chytraeus überzeugt, Dokumente über die Geschichte heranziehen. Der Kraichgau als kulturelle Landschaft ist somit nur durch seine Geschichte zu fassen.

Zur Natur der Bewohner des Kraichgaus macht Chytraeus einige schmeichelhafte Angaben. Er lobt nicht nur die besondere Frömmigkeit des Volkes, seine christlichen Tugenden wie Fleiß, Gehorsam, Dankbarkeit, Barmherzigkeit, Keuschheit etc. (41), sondern auch allgemein den Charakter der Menschen. Sie seien "nicht abschreckend, [...] nicht widerspenstig, nicht ungehobelt, vielmehr voll Disziplin, Tüchtigkeit und bildungsfähig und vor allem wohltätig und leutselig" (21), möglicherweise seien die alten Griechen ihre Vorfahren gewesen, woher Geist, Gelehrsamkeit, Tüchtigkeit, Bildung und alle Künste kämen (15). Es soll nun nicht als Zurückweisung jenes Lobs des Kraichgauer Menschenschlages angesehen werden, wenn die Betonung von Bildung und Redlichkeit der Bürger weitgehend als literarische Topik entlarvt wird, die zur literarischen Gattung der Landschaftsbeschreibung dazugehört. Es ließen sich zahllose literarische Beispiele anführen, die eine Tradition derartigen Bürgerlobs belegen. Ich will hier nur kurz zwei andere landschaftsbeschreibende Texte des Humanismus aus unserer Gegend nennen: Petrus Luders Laudatio auf Heidelberg von 1458 und die Elegie zum Lobe Heidelbergs des Robertus Gaguinus. Bei Gaguinus heißt es verklärend über die Bewohner Heidelbergs:

"Nimmer hört ich schelten den friedlichen Sinn der Bewohner,
Aber allen voran leuchtet er selber, der Fürst." (G 11)

und ähnlich etwa vierzig Jahre zuvor bei Petrus Luder, dem ersten Humanisten in Heidelberg, einem Kraichgauer aus Kißlau:

"Was aber soll ich über die einzigartige Bildung, Redlichkeit und Tüchtigkeit der Bürger sagen [...]" (humanitas, probitas, virtus, L 12 u. 19).

Auch die Beschreibung der Landschaft ist in beiden Fällen der Topik von einem locus amoenus verpflichtet; bei dem humanistisch bildungsbeflissenen Luder wird das Neckartal in Heidelberg zur Ideallandschaft eines Tempe-Tals (L 19) stilisiert nach dem Vorbild jenes in der Antike idealisierten lieblichen Tempe in der griechischen Landschaft Thessalien, das in die europäische Literatur als das ideale Tal schlechthin eingegangen ist. Vergleichbar haben andere Humanisten über andere Städte geschrieben: Reuchlin über Pforzheim, Peter Antonius über Basel und Heidelberg, Konrad Celtis über Nürnberg, Hermann Busch über Köln, Jakob Wimpfeling über Straßburg.

4. Die Zeit

Die Kraichgaurede ist kein historiographischer Text zur Geschichte des Kraichgaus. Geschichtliches ist vielmehr nur in die Rede eingestreut und den oben erwähnten Funktionen der Rede stets untergeordnet, ist also entweder dem Redegegenstand, der Beschreibung des Kraichgaus, der appellativen oder der symptomhaften Redeintention funktional untergeordnet, dient in vielen Fällen als "Fundort" zur Findung von Beweisen. Entsprechend können wir verschiedene Funktionen unterscheiden, die die geschichtlichen Einsprengsel für die Haupttextfunktionen zu erfüllen haben: 1. gibt es historische Exempla, 2. Beschreibungen von Besitzverhältnissen, die z. T. der historischen Verifizierung bedürfen, 3. Erinnerungen an die jüngere Geschichte, v.a. an die Reformation, die notwendig sind, um den gegenwärtigen Zustand zu erklären, und die den Leser zur evangelischen Lebensweise bewegen sollen, 4. aber auch einzelne Erträge nüchterner historischer Erforschung, die sich auf Originaldokumente stützen. Man könnte mit Jan Assmann und Claude Lévi-Strauss zwischen Gedächtnis und Historie, zwischen "heißer" und "kalter" Erinnerung unterscheiden. "Heiße" Erinnerung wäre demnach Erinnerung, die "nicht lediglich die Vergangenheit ausmißt, sondern die aus dem Bezug auf Vergangenes die Elemente eines Selbstbildes sowie Anhaltspunkte für Hoffnungen und Handlungsziele gewinnt." Assmann spricht hier auch von "Mythos" als demjenigen "Bezug auf die Vergangenheit, der von dort Licht auf die Gegenwart und Zukunft fallen läßt" und das Gegenwärtige "in das Licht einer Geschichte stellt, die es sinnvoll, gottgewollt, notwendig und unabänderlich erscheinen läßt". Neben dieser "fundierenden" Funktion des Mythos kann er auch eine "kontrapräsentische" Funktion haben, indem mittels Erinnerung einer Vergangenheit, die meist heroische Züge aufweist, Defizienz-Erfahrungen der Gegenwart beleuchtet werden. Das Fehlende, Verschwundene, Verlorene, an den Rand Gedrängte wird vor dem Hintergrund der Erinnerung an Vergangenes hervorgehoben; der Bruch zwischen "einst" und "jetzt" wird somit bewusst. Im Gegensatz dazu steht "kalte" Erinnerung, was nicht Vergessen bedeutet, sondern Erinnern, das nicht in die Gegenwart eindringen kann. Kälte kann dabei durchaus als positive Leistung angesehen werden, die erst erzeugt werden muss. Der Sinn der Geschichte wird nicht mehr im Wandel, sondern im Wiederkehrenden, nicht mehr im Außerordentlichen, Einmaligen, sondern in der Kontinuität, dem Regelmäßigen und damit dem historisch Erklärbaren gesehen. Moderne Historiker sind in der Regel frei von Loyalitäten und Betroffenheiten und tendieren somit "zu Objektivität und Unparteilichkeit" (Maurice Halbwachs). Dem Historiker sind, so Leopold von Ranke, alle Epochen "gleich unmittelbar zu Gott". In der Rede des David Chytraeus sind sowohl "kalte" als auch "heiße" Elemente enthalten. Chytraeus ist Theologe und Historiker, steht in der Tradition des Humanismus wie der Reformation. Das meiste Geschichtliche in der Rede hat in den Dienst seiner theologischen Weltdeutung zu treten und ist den Intentionen des Gesamttextes untergeordnet. Dem Hauptteil der Rede schickt Chytraeus voraus, dass sie "Beispiele von Taten" enthalte, "die sowohl wegen der Herrlichkeit Gottes zu preisen sind als auch in guten Naturen die Liebe zu einer solchen Tat anzünden und festigen" (8) sollen. Damit gibt er, zeitlebens vom lutherischen Schulwesen geprägt, seine theologisch-pädagogischen Absichten klar zu erkennen. Die erzählte Geschichte wird zum Exemplum und soll dazu dienen, den gegenwärtigen Leser anschaulich zu unterrichten, wie er sein christliches Leben zu führen habe. Geschichte wird somit als "heiße" Erinnerung sowohl mit "fundierender als auch mit "kontrapräsentischer" Funktion in Bezug zu dem Gegenwärtigen gesetzt. In der klassischen Rhetorik wird das Exemplum definiert als "rei gestae aut ut gestae utilis ad persuadendum id quod intenderis commemoratio". Es hat also eine inhaltliche Quelle, eine utilitas-Funktion und eine literarische Form; es ist eine von außen – außerhalb der causa – geholte probatio und ist in seiner Struktur der Allegorie verwandt. Wie diese zeigt es eine semantische Doppelschichtung, hat es eine Eigenbedeutung und eine über diese hinausgehende Bedeutung. Durch die semantische Intention des Sprechers wird es kraft Ähnlichkeit (similitudo) als Träger einer Allgemeinbedeutung in den Dienst der causa der Rede genommen.

Zu nennen sind hier insbesondere die Geschichte von den treuen Weibern zu Weinsberg (8), die Schilderung der christlichen Tugendhaftigkeit einer Flacilla, der Frau des Byzantiners Theodosius (27), aber auch das unmittelbarere Vorbild der direkten Vorfahren als Initiatoren von Reformation und wahrer Frömmigkeit. Chytraeus ist offenkundig von einem neuen Zeitbewusstsein beseelt, ist sich darin gewiss, dass durch die Einführung des neuen Glaubens das "reine Licht der evangelischen Lehre" "durch Gottes Güte in beinahe allen Kirchen des Kraichgaus, wieder gereinigt von aller Finsternis, Irrtümern und papistischen Götzen" leuchtet (37). "Finsternis" war schon dem frühen Humanismus Metapher für die Zeit des Mittelalters, in dem das Licht der Antike verloren gegangen sei, welches man nun wieder zu entzünden vermochte. Zwar ist bei Chytraeus kein grundsätzlich negatives Mittelalterbild zu verspüren, doch das Bewusstsein, das Mittelalter überwunden zu haben, ist gleichwohl stark. Bezeichnenderweise überragt Margarete, die Frau des Peter von Mentzingen, jene Frau des Welf (Weiber von Weinsberg, 8) wie auch Flacilla (28) sogar noch an Tugend und Frömmigkeit, da überhaupt die neue Zeit die früheren Zeiten in allem übertrifft. Dieses optimistische Fortschrittsbewusstsein findet sich bis in die Beschreibungen der einzelnen adeligen Familien wieder; jeweils die jüngste Generation übertrifft die vorangehende noch an Klugheit und in wahrer Frömmigkeit (30); sogar das berühmte Beispiel des Franz von Sickingen werde von seinem Sohn Franz Konrad "um einiges" übertroffen (31). Für Chytraeus fallen dabei nicht so sehr kriegerische Taten, sondern vielmehr Frömmigkeit und Gelehrsamkeit ins Gewicht. In seinen Wertungen ist er ganz jenem Epigramm des Ulrich von Hutten über Bretten verpflichtet, welches er gegen Ende der Rede zitiert und selbst folgendermaßen interpretiert:

"Denn wenn auch Kriegssiege große Zier und Schmuck der Städte sind, deren manche zu unserer Zeit die Stadt Bretten erlangt hat, so hat doch einen viel größeren und leuchtenderen Ruhm ihr der Ursprung des Philipp [Melanchthon] verschafft" (50).

Neben alledem handelt Chytraeus auch mal von den Vorfahren der Salier (14), von den trojanischen Ritterspielen, die im Mittelalter stattgefunden haben sollen (23) oder von den epirotischen Reitern Karls V. (13) – meist, um eine These, sei es auch die gewagte These von der Herkunft des Namens "Kraichgau" aus dem Griechischen, in ihrer Probalität zu stützen. Hierzu zieht er auch eine römische Inschrift aus Speyer heran, die er aber fälschlicherweise als Inschrift des Kaisers Konstantin interpretiert. Es handelt sich bei dieser fragmentarisch noch erhaltenen "Konstantius-Inschrift" vielmehr um eine gewöhnliche Grabinschrift. Schon Georg Christoph Lehmann wandte sich 1612 gegen die weit verbreitete Auffassung, dieser Konstantius habe als Gründer oder Wiederhersteller der Stadt Speyer zu gelten. Chytraeus beteiligt sich an der Diskussion nur so weit, wie es seine gelehrt verspielte humanistische Spekulation über die Etymologie des Namens "Kraichgau" verlangt.

Einmal blitzt der Ehrgeiz des Historikers Chytraeus aber doch deutlicher hervor. Ihn beschäftigt die Frage nach der alten Grafschaft im Kraichgau und er erwähnt in diesem Zusammenhang verschiedene Vertreter der in der Forschung oftmals mit dem Namen der Zeisolf-Wolframe belegten Grafenfamilie, deren letzter Vertreter uns als Bischof von Speyer ab 1090 bekannt ist. Seine Angaben hierzu wird Chytraeus wohl aus der Chronik von Sinsheim haben; er bedauert es aber, dass er über die Taten der Vorfahren nicht mehr habe auffinden können und ermutigt "alle Geschichtsforscher und Heimatfreunde, daß sie die Erinnerung an Taten der Vorfahren aus Briefen und alten Darstellungen aufspüren und so den Nachkommen mitteilen" mögen (17). In der Übersetzung des Otto Becher ist der Text der Rede hier aus einer späteren Auflage um einen Abschnitt erweitert, den ich bislang leider noch nicht im lateinischen Original einsehen konnte. Es heißt da:

"In den Schriften des Klosters zu Odenheim, das erst in der vorigen Generation nach Bruchsal, in eine dem Bischof von Speyer zugehörende Stadt, verlegt worden ist, findet sich die Nachricht, daß der erste Gründer des Stifts, der Erzbischof Bruno von Trier, Graf von Lauffen, in der Grafschaft Bretten, nahe bei dem Dorfe Odenheim im Jahre 1122 ein Kloster gründete und dasselbe, mit der Zustimmung seines Bruders Poppo, mit den Ortschaften Odenheim, Tiefenbach, Hausen, Rotenbach, Syboldsweiler, Poppenweiler, Gartach usw. beschenkt habe. An dem Orte aber, wo jetzt die Stadt Bruchsal, an der Saalbach, gefunden wird, wurde ein Dorf, welches in der Grafschaft des Wolfram und am Fuße einer Burg liegt, im Jahre 1196 dem Stift zu Speyer vom Grafen von Calw um Hundert Mark Silber verkauft, wie aus noch vorhandenen Urkunden ersichtlich ist."

In dieser akribischen Quellenuntersuchung liegt so etwas wie Interesse an "kalter" Geschichte vor. Historie ist hier Selbstzweck; sie dient zwar immer noch, wie oft in der Rede, der Aufdeckung alter Herrschaftsverhältnisse und somit der Legitimierung des gegenwärtigen Status, interessiert sich darüber hinaus aber auch für die Vergangenheit an und für sich.

Meistens beschreibt Chytraeus, manches versucht er aber auch zu erklären oder selbständig zu bewerten, wobei er sich oft der historischen "Fundplätze" als Argumente bedient. Die Herrschaftsform im Kraichgau diskutiert er außer vor dem Hintergrund der biblischen Gebote auch unter Rückgriff auf den attischen Staat, auf die Staatstheorien des Solon und Platon (34). Am solonischen Begriff der "Eunomia", der guten Ordnung, scheint er seine Gedanken festzumachen, so dass er sich als Gegner von Unterdrückung der Bauern und als Befürworter von bäuerlichem Eigenbesitz, dabei aber ablehnend gegen zu weit gehende bäuerliche Freiheiten, gegen "Isokratia" zeigt. Mit Platon stimmt er wohl darin überein, dass die politisch Mächtigen Philosophen sein müssen, was er in der Gelehrsamkeit der Kraichgauer Ritterschaft gewährleistet sieht.

5. Raum, Zeit und Intention

Ich hoffe, dass ich ein wenig verdeutlichen konnte, wie sehr die Darstellung von Geschichtlichem und die Beschreibung der Landschaft in "De Creichgoia" des David Chytraeus zusammenhängen und wie beides von den genuinen Redeabsichten des Verfassers bestimmt ist. Der Kraichgau wird somit in der Rede zu einer Musterlandschaft; zuletzt bittet Chytraeus deshalb, dass Gott wolle, "daß der Kraichgau auf ewig ein wahrhaftiges Hospiz und Domizil der Kirche sei" und dass er somit als Vorbild für alle anderen Regionen dienen könne. Die Rede schließt in der Erwartung eines von Christus regierten neuen Reiches und mit der Bitte, dass "mit dem in alle Regionen der Länder gesäten Wort des Evangeliums sich eine ewige Kirche sammelt." (52). Damit steht die Landschaftsbeschreibung hier eindeutig im Dienste einer theologisch didaktischen Absicht und im Sinnzusammenhang mit der Providentiallehre Melanchthons.

In der Beschreibung der Landschaft wird dabei nicht strikt zwischen natürlicher und kultureller Landschaft unterschieden, so dass sich letztendlich geographische und historische Fragestellungen und Methoden miteinander vermengen. Schon Sebastian Münster, der große und meistrezipierte Geograph des 16. Jahrhunderts, hatte diese Verschränkung in der Vorrede zu seiner Cosmographei erkannt:

"Die kunst so man mit eim Griechischen wort Cosmographiam nent/ das ist beschreibung der welt/ oder Geographiam/ beschreibung des ertrichs/ wie hoch und edel sie all wegen geachtet sey bey den erfarnen männern/ zeigen uns alle historien/ ja die historien gründen sich auch auff dise kunst/ und on sie mag niemand ein histori ordentlichen beschreiben oder auch recht verston... Ja dise kunst eröffnet uns zum dickern mal die verborgne heimlichkeyt der heyligen geschrifft und entblößt die krafft der klugen natur/ so do verborgen ligt in mancherleien dingen."

Mit Fernand Braudel könnte man nun abschließend sagen: Der Kraichgau ist "eine komplexe, sperrige, außergewöhnliche Persönlichkeit" (s.o.). Chytraeus erzählt nicht die Geschichte der Landschaft Kraichgau, sondern betrachtet den Kraichgau unter eigenen Gesichtspunkten, wählt vor eigenem Erfahrungshintergrund und nach didaktischen Absichten aus der Fülle des Stoffes aus. Die Kraichgaurede beschreibt geographische und kulturelle Zustände; manches erklärt sie auch – und bedient sich dazu oftmals der Historie. Chytraeus bringt vieles von dem zur Sprache, von dem Braudel spricht: die beinahe zeitlose Geschichte zwischen dem Menschen und seiner Umwelt, die allmählich sich wandelnde Wirtschafts-, Sozial- und politische Strukturgeschichte und in Teilen auch die schnell voranschreitende Ereignisgeschichte (s.o.). All das aber ist der Absicht seiner Rede untergeordnet: ein Zeugnis abgeben für empfangene Wohltaten und somit einen Gott dankbaren Sinn beweisen.

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