Von Sandhausen nach Zerbst: Wendelinus' wunderliche Nilforschungen
Unser Heimatmuseum im Alten Rathaus birgt ein merkwürdiges und kostbares Büchlein von 1623: "Admiranda Nili" - Die Wunder des Nil. Marcus Friedrich Wendelinus (1584-1652), Theologe, Universalgelehrter und Lehrer, einer der größten Söhne von Sandhausen, an den heute die "Wendelinusstraße" und eine Gedenktafel am Alten Rathaus erinnern, ist der Verfasser dieses Nilbuches. Diese Monographie über den Nil und seine Merkwürdigkeiten haben nun Professor Reinhard Düchting und Boris Körkel durchstöbert und entschieden, dass dieses literarische Kleinod in einem Nachdruck der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte. Da der Universitätsverlag Carl Winter Interesse zeigte, wird eine Faksimile-Ausgabe des lateinischen Werkes wohl bald vorliegen. Interesse und Bereitschaft zur Unterstützung bekundeten auch der Heimat- und Verkehrsverein sowie weitere Kreise.
Das Interesse für die "Admiranda Nili" führte die zwei Herausgeber des Büchleins nun auf eine kleine Reise: Zwar nicht an den ägyptischen Nil, sondern nach Sachsen-Anhalt. Dorthin, in die nördlich von Dessau gelegene Stadt Zerbst, war der gebürtige Sandhäuser Wendelinus 1612 auch gelangt. Zunächst als Prinzenerzieher, dann als Rektor des weltberühmten Illustre Gymnasium Anhaltinum, konnte Wendelinus hier Karriere machen. Vierzig Jahre lang, bis zu seinem Tode 1652, war er Rektor in Zerbst. Während dieser Zeit, die durch Krieg, Pest und Hunger schlimm gezeichnet war, konnte Wendelinus trotz aller Widrigkeiten und schwerer Schicksalsschläge zahlreiche Bücher zu Theologie, Logik, Politik und Naturkunde veröffentlichen. Eine Sonderstellung nimmt zweifelsohne das Nilbuch, das einzige wirklich literarische Wer von Wendelinus ein. Hier wagte er den großen Rundumschlag, vereinte naturwissenschaftliche, theologische wie philologische Kenntnisse und nahm Stellung zu 318 griechischen und lateinischen Autoren, die vorher über den Nil geschrieben hatten. Auf die Frage, warum er sich denn in Zerbst mit dem Nil befasse, gibt er in der Widmungsvorrede eine humorvolle Antwort: "Was hat unsere Stadt mit dem Nil oder mit Ägypten gemeinsam (...)? Innerhalb der Stadt habt ihr etwas, was dem Nil in Ägypten nicht unähnlich ist (...). Jener Nil ist unser Bier, das wir brauen, dem wahrlich viel mit dem Nil gemein ist. Denn wie der Nil beinahe alle Wunder des Wassers beinhaltet, so die meisten des Nil unser Bier."
Damals konnte Wendelinus noch nicht ahnen, dass der fürchterliche Dreißigjährige Krieg die Stadt drei Jahre später hart treffen sollte. Zwei große Heere, zunächst die Truppen Ernsts von Mansfeld, danach Wallenstein, lagerten in Zerbst, plünderten es aus und brachten die Pest mit sich. In den Wirren dieses Krieges endete auch die große Tradition des Zerbster Bitterbieres, dem Wendelinus ein letztes Denkmal gesetzt hat.
Noch einmal sollte Zerbst von einem Krieg schwer getroffen werden. In der Bombennacht vom 16. 4. 1945 ging beinahe die gesamte alte Stadt, die vorher eine der schönsten Städte Anhalts und mit Rothenburg ob der Tauber vergleichbar gewesen war, unwiederbringlich verloren. Nur durch einen großen Zufall blieb Wendelinus' Wirkungsstätte, das ehemalige Barfüßerkloster, welches von 1582 bis 1798 quasi die anhaltische Landesuniversität beherbergte, erhalten. Ebenfalls erhalten blieb glücklicherweise die historische Bibliothek mit einem Bestand von ca. 42 500 Bänden, vielen Zebster Drucken, einer großen Sammlung von Hochzeitsgedichten und Leichenpredigten; darunter auch die umfangreiche Leichenpredigt auf den Tod von Wendelinus mit dessen ebensbeschreibung, in der auch seine Kindheit in Sandhausen und seine Studienzeit in Heidelberg erwähnt werden. Heute beherbergt Wendelinus' malerische Wirkungsstätte das Francisceum, ein seit 1803 bestehendes Gymnasium. In der Aula, dem Chor des ehemaligen Barfüßerklosters, hängt noch immer das Porträt von Markus Friedrich Wendelin, dem Sandhäuser in Zerbst.
Boris Körkel