Es wird Nacht

von Boris Körkel

"Es ist mir wohl bekannt" - und öffnete, während er den Satz und die zur Hälfte bereits verschüttete Tasse Kaffee anhob, erneut einen Bogen, den niemand außer ihm sah, der aber ohne Frage vor ihm ausgebreitet auf dem Tisch lag - "dass, abgesehen von den äußeren Umständen, denn sowenig man dies verstehen kann, ohne" - hier unterbrach er sich wieder und schaute unsicher in seine Tasse, aus welcher er einen Schluck nehmen zu wollen schien, was er sich schließlich dann doch noch anders einfallen und die Tasse sachte wieder aus seinen nervösen Fingern gleiten ließ - "- ich meine, wollte sagen, alle - eine Schlange, eine winzige kleine Schlange: und neu erschaffen ward die Erde." - Nicht nur er lachte jetzt über diesen so noch nicht gehörten Witz. "Nicht merkbar, fast schüchtern - Tja, ich denke, soweit sind wir allerdings noch nicht. Wir haben gerade erst angefangen. Das - allemal - ist also der überkommene Hintergrund, auf welchem allein möglich sein dürfte, - denn denke dir eine..." Wieder gab es kleinen Anlass zum Schmunzeln. "So allein ist es ja möglich, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Ganz essentiell muss man das also nennen und darf es auf gar keinen Fall - es sei denn, die Natur gibt dem Menschen die Regel."

- Lange nun nichts. Er wurde sichtlich unruhig, nahm einen Schluck Kaffee zu sich, stellte die Tasse zurück, nahm einen weiteren Schluck, suchte mit seinen Fingern Raum zu gewinnen auf der Oberfläche des Tisches, während seine Augen wie verstört sich an den rhythmischen Bewegungen der Finger besoffen. Stühle, Girlanden, Tassen, Müll, Aschenbecher, Zigarettenschachtel. Alles hatte seinen Platz noch. War es das? Die Zigarettenschachtel war nun offenbar unbedingt zu verrücken. War es denn nicht so? Wie ein Gralssucher fand er in der Ordnung der Schachtel eine Zigarette unter den vielen und zog sie mit diskreter Kraft heraus, steckte sie sich in den Mund. Feuer war nicht zu finden auf dem Tisch. Lautlos überließ man ihm das Feuerzeug, das in einer Hosentasche aufgefunden werden konnte. Ein Rauch. Noch einer. Kaffee war alle. "Niemand geht so weit... Doch das Leben. Die Vernunft. Sie läßt uns die Dinge sehen - in einem Licht - irgendwie auch Widersinn - wie sie recht - ja überhaupt - wie sie nicht sind. Doch sie sind. Es ist die Natur, die uns die Regeln der Vernunft vorgibt. Eine vorausgedachte Vernunft, die den Eindruck der Natur zu gebären in der Lage sein sollte, ist ein Widersinn. So viel steht also fest." Ein Zug an der Zigarette, qualvoll aber ohne weiteres. "Die Mysterien finden eigentlich nicht in der Natur statt, sondern - dem Licht unserer Vernunft, welches ja doch nur ein unbestimmtes Zwielicht sein kann, gemäß, allein in unserem Kopf. - Denken wir denn mit dem Kopf? Es wird wohl so sein. - Doch wenn es nur eine einzige Wahrheit gäbe -" Scheinbar war seiner Zigarette das Feuer ausgegangen und lang anhaltend war der nächste Zug, bis sie wieder völlig zu glimmen anfing. "- dann - und diese Art von Gedanke gefällt mir überaus - müßte die Natur vergessen haben, dass sie Chaos ist. Der Mensch erweitert ja nur den Herrschaftsbereich des Notwendigen, gibt durch das schwache Licht seiner Vernunft, durch dieses mikroskopierende Ziselieren der an sich freien Natur ein Prinzip und, weiß am Ende ja gar nicht mehr... - Und doch kann ihm das wieder einfallen."

Endlich war neuer Kaffee da. "Ich bin drauf dressiert, überall das zu finden, was mir - und die Bilder sind oft wahrer als die Wirklichkeit - die Laterne meines inneren Blickes wie der Suchscheinwerfer eines Tiefseetauchers, der aus der unter extremstem Druck stehenden Enge seiner hermetischen Kugel heraus mit zwar starkem, allerdings unmittelbar in der schwarzen Tinte des gedrängten Ozeans verwehendem Scheinwerferlicht von offenbar sicherem Posten aus das Treiben der sonderbarsten Fische beobachten will, um sie in ein recht eigenartiges Muster von Klassifizierungen und Gruppierungen setzen zu können. Doch weiß der Taucher, befangen im Bestreben, sein Denken zur Erkenntnis über die tintenschwarze Natur zu schulen, was außerhalb seiner Kugel geschieht? Jede Erkenntnis zieht wieder den Wunsch nach einer weiteren Erkenntnis nach sich und am Ende verliert sich dann ja doch alles wieder in der allmächtigen Finsternis der ursprünglichen Nacht. Der Umfang der Tauchkugel ist die Grenze, bis zu welcher der Mensch tätig ist, bis zu welcher er handelt. Sein Denken ist aber in der Tat kein Handeln. Es geht über das Klassifizieren der Biologen nicht hinaus, verliert sich immer wieder in unseligen Details und der Taucher sucht mit seinen gleißenden Scheinwerfern ja doch am unpassendsten Ort, nämlich in der eigentlichen Schwärze der Nacht, die keineswegs von ihm gestört werden will. Die Welt ist nur das Mittel zum Denken. Weiter kommt der Scheinwerfer nicht."

Als die Zigarette im Aschenbecher zu qualmen aufhörte, schien der letzte Bogen geschlossen zu sein. Es war nichts mehr, was wir hörten von ihm. Weiterhin schwieg er den restlichen Abend, rauchte auch nicht mehr, während die Musik des Abends immer stärker erklang, die Lichter langsam zu kreisen begannen, man überall tanzte und auf der Straße die Mädchen in Begleitung zufrieden aussehender Abenteurer auf und ab zogen. Überall war nun das Leben aus der Verstaubung des Tages aufgewacht und begann in der eigentlichen Dunkelheit der Nacht seinen farbigen Himmel zu bevölkern, in Lärmen, Lachen, Musik eine warme Nacht unüberlegt und ehrlich zu betreten, sie wie eine Fuge in zahlreichen Variationen und Kontrapunktionen, munteren Läufen und wechselseitig sich begegnenden, sich erwidernden, sich zulachenden und sich abstoßenden Bewegungen erklingen zu lassen. Nichts war daran auszusetzen. Nach kurzer Weile kam ein Fremder ins Lokal, setzte sich an die Bar und begann zielstrebig zu trinken. Unter den Stühlen bewegten sich kaum die Füße der nächtlichen Gesellschaft, doch über den Köpfen der Menge schwebte für den Trinker unsichtbar das Ornament der bunten Girlanden. Winzige kleine Schlangen.







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