Kassiopeia
bezeuge es

von Boris Körkel

Eines Tages war ich zu weit hinaus geraten. Früh hatte ich das Haus verlassen, bei dem Händler um die Ecke etwas Butter und Milch zu kaufen. Vor der Tür der Ladens beschloss ich aber, in die Innenstadt zu gehen, um noch ein paar andere Dinge zu erledigen und die Butter und die Milch erst auf dem Rückweg mitzunehmen. An einem so schönen Tag wie jener einer war und gerade wenn es morgens noch nicht zu heiß ist, gehe ich gern zu Fuß meine Wege. Etwa eine halbe Stunde würde ich brauchen und auf dem Rückweg könnte ich ja die Bahn nehmen, dachte ich bei mir und freute mich des strahlend blauen Himmels, ahnend wie heiß es schon gegen Mittag werden sollte.

Viele Menschen waren schon auf der Straße und so traf ich unterwegs einen alten Freund, der auch ein paar Dinge zu erledigen hatte und der mich ein kurzes Stück Weges begleitete, von mancher Neuigkeit und mancher alten Erinnerung sprach bis wir uns am Eck mit dem Blumenhändler wieder voneinander verabschiedeten. Ich setzte meinen Weg, der mir jetzt gar nicht mehr weit vorkam, alleine fort, ein kurzes Stück bergab, dann über die große Straße und wählte die Abkürzung durch den Park, wo die Fontäne kühles Wasser in den blauen Himmel wirft, traubenhaft sich Menschen um zwei Schachspieler zingeln, Männer um den Kiosk, die Bier trinken, Tauben um Brotkrumen. Ein junges Mädchen possiert gerade für ihren Freund, der sie vor dem Denkmal fotografiert, wirft noch ihr volles rotes Haar zurecht und ich gehe zügig vorbei an all den Leuten, werfe einen kurzen Blick über den ruhigen Teich und zu den Enten hin, die sich auf der Oberfläche des Wassers treiben lassen, verlasse den Park auf der anderen Seite und gelange an die nächste laute Straße, halte mich bis zur Baustelle auf dem Bürgersteig, wo dieser unterbrochen ist und der Weg über sorglos verlegte Bretter führt. Sonnenstrahlen blenden mich und das Lärmen der Maschinen läßt mich für einen Augenblick das Übrige vergessen, frischer Teer läßt Dampf aufsteigen und ein Arbeiter schaut mich an, als wolle ich hineintreten, an der Kreuzung regelt ein Polizist den aufgestauten Verkehr, ein Händler spült weiter hinten, wo es wieder etwas stiller ist, mit frischem Wasser aus dem Schlauch den Gehsteig, auf dem er seine Fische ausgelegt hat, andere räumen leere Kisten in einen Wagen.

In meinem Kopf findet all das zusammen und ich wundere mich, wie voll die Stadt ist und wie wenig an ihr frei von allem. Wo ich hinblicke gibt es etwas zu lesen, Plakate sind überall. Wer geht zu den ganzen Konzerten, frage ich mich, überlege, ob man in irgendeine Richtung überhaupt sehen kann, wo nichts zu lesen ist. Als wolle alles mir etwas sagen kommt mir die Stadt vor - und da ich an der Fußgängerampel auf mein Signal zum Weitergehen warte, fällt mir auf, dass allein der Himmel über mir nichts zu sagen hat, der frei ist von Text und nur durchschnitten vom Kondensstreifen eines Flugzeuges, und dessen Blau vom immer stärkeren Brennen der Sonne zu schwingen scheint.

Wunderlich ist vieles und nichts wunderlicher als der Mensch, und da die Hitze groß ist an jenem Tag, liegt alles ganz bloß, was Wunderliches ist in der Stadt. Unter Sonnenwärme pulsiert es überall, doch in der größten Hitze breitet sich Stille aus, findet die Regsamkeit ein Ende und löst sich auch der Gedanke auf in seine einfachen Bestandteile. Nach der Mittagsruhe aber, in welcher Zeit ich dieses ganze Viertel Stadt einfach so und zu Fuß hinter mir lasse, kommt hupend der Abend.

Später steige ich in die Gegend über der Stadt hinauf und will zum Turm gelangen, der den höchsten Punkt des Hügels markiert. Und da ich oben bin, bemerke ich, dass es allmählich zu dämmern beginnt und in den Häusern unten schon die Lichter angehen.

Nichts als der schmale Turm zeigt an, dass man den höchsten Punkt erreicht hat, denn die Häuser um mich rum sind alle höher als er und ragen kantig in den Himmel. Dass sich der eigentliche Erdboden von hier aus in alle Richtungen wieder absenkt ist nicht wahrzunehmen.

In mehreren Läden werden hier oben Musikinstrumente verkauft und da nur selten Kundschaft kommt, verbringen die Händler ihre Zeit damit, auf den Instrumenten zu üben. Hier sitzt ein Mann und spielt ein schnelles Stück auf der Gitarre, da tönt eine verstaubte Melodie aus eines Cellos Bauch und irgendwo bellt dazu ein Hund, schreit ein Kind, wie das so ist.

Dunkle Bläue hat das Wasser des Flusses jetzt angenommen und da ich - wieder unten im Tal - stehen bleibe, glaube ich etwas zum ersten Mal zu verstehen: dass man nicht wissen kann, was hinter der Biegung des Flusses geschieht. In Gedanken verloren über Zukunft, Vergangenheit und den kurzen Augenblick des Jetzt in dem unsere Stadt eingebettet liegt wie zwischen die Hügel und in dem auch ich selbst und all die anderen einen Platz haben, bleibe ich eine ganze Weile stehen - in meinem Kopf öffnen sich Bilder, steige ich in weit entfernte Räume, die jenseits der Stadt liegen, - oder vielleicht doch irgendwo verborgen in ihr, im Künftigen oder Vergangenen, sehe in gewohnter Manier einer zivilisierten Welt, die sich in tradierten Bildern zu denken angewöhnt hat, einen einsamen Schäfer mit seiner Herde unter dem gleichen Himmel wie er über dem Fluss vor mir liegt -

Am Abend nehme ich an einer Kinovorführung teil, die im Hof zwischen Häusern stattfinden soll. Die Leinwand ist ungewöhnlich groß und das Vorführgerät übertrifft das Übliche um Einiges. Ich bleibe bei der alten Kinobesitzerin stehen und finde mich in ein Gespräch mit ihr.

Sie hört es gern, wie ich die Vorzüge ihres schönen Kinos preise und ist geschmeichelt vom Lob aus meinem Munde, und bemerkt nicht, dass ich allein bemüht bin, unterdessen mit meinen Blicken die Schönheit ihrer Tochter zu essen, die an der Kasse sitzt. "Sie haben wirklich ein ausgezeichnetes Kino" - und wie es zwischen den stummen schwarzen Fenstern der leicht nach vorne geneigten Häuserwände gelegen ist, sei es für mich der Innbegriff der ganzen Stadt und deren heimliche Mitte. Ich verschweige allerdings, dass der Boden von Cola und Bier zu sehr klebe und auch die Sitze nicht mehr die neusten seien. Dass man aber während der Vorführung auf manchen Sitzen unaufhörlich belästigt werde, dass manche Zuschauer permanent regelrecht beleidigt und verletzt werden, verschweige ich auch. Während ich das Kino lobe, behalte ich das schöne Mädchen im Auge und merke auch, wie während ich die alte Frau ablenke, andere hinten am Stand Bier klauen. Ich lenke weiter ab, indem ich auf die große Leinwand blicke und mein Erstaunen darüber äußere, wie neu sie nach all der Zeit noch aussehe: "Man merkt, dass hier alles sehr gut gepflegt wird, dass hier wahre Liebhaber und zugleich Fachleute am Werk sind, die um ihr Kleinod zu sorgen wissen..."

Den anrainenden Mietern muss es sehr unangenehm sein, dass der Lichtstrahl des Projektors weit über die Leinwand hinausreicht und sein Licht bis in ihre Zimmer wirft. Da der Kinobesitzerin das Geld nicht gereicht hat, für heute abend einen Film auszuleihen, trifft nichts als gleißend weißer Strahl des Projektors auf die gewaltige Leinwand, die ihn fast genau so stark wieder zurückwirft. Ohnehin wären, um die ungeheure Apparatur des Projektors zu bedienen, insbesondere um den Film einzulegen, zwei kräftige Arbeiter erforderlich, zu deren Unterhalt der alten Frau das Geld fehle. Ich höre nicht mehr genau zu, was sie mir weiterhin erzählt, gehe in Gedanken kurz noch einmal ganz nah an die dunklen Augen ihrer Tochter heran und beschließe, den Heimweg anzubrechen.

Ebenso mächtig und außergewöhnlich wie Projektor und Leinwand sind auch die Ausgänge des Kinos, zwei turmhohe steinerne Portale, beide auf der selben Seite des Vorführraums gelegen, beide von mächtigen hölzernen Türen verschlossen.

Eine unüberschaubare Menge Menschen findet sich vor diesen Portalen ein und wartete darauf, dass sie sich endlich öffnen. Links und rechts und oben über den Türen goldener Zierrat ohne rechten Geschmack angeordnet, die Flügel aber der Türen selbst schwarz und ganz ohne Schmuck. Vor diesen Türen kommt es zu einem heftigen Gedränge.

Eine ungeduldige Menge ist hinter mir, die mich fest an das Holz der rechten Tür presst und wohl von mir erwartet, dass ich sie endlich öffne. Doch selbst mit meiner genazen Kraft gelingt es mir nicht, sie zu öffnen. Sehr bald beginnt die Menge in ihrer Ungeduld zu rufen, zu schimpfen und mich aufs Schlimmste zu beleidigen.

Auf einmal packt ein Riese von rohen Kräften mich an den Armen und zieht mich hoch über die Menge, hebt mich mit bösem Griff in die Luft, der Atem steht mir still.

Über den Köpfen der wildbösen Menschenmenge kann ich weit blicken in das ungewöhnliche Foyer des Kinos. Viel ist zu sehen.

Ich sehe die Berge des Peloponnes, die Städte Sikyon, Korinth und Argos. Weiter hinten, über dem blauen Meer der Ägäis die Lichter der Inseln. Paros und Naxos will ich erkennen, und weiter in der Ferne die Gestade Kretas mit Kydonia, Knossos und Itanos.

Erstaunlich klar war in jener Nacht die Sicht und ganz weit in der Ferne sah ich am Nil das helle Licht, dem ersten Strahl der frühen Sonne gleich, des Leuchtturms in Alexandria. Und weiter noch gar reichte mein Blick in Länder deren Namen ich nicht wusste, das Rote Meer entlang, und ebenso am Himmel eine Bucht, die ein paar nächtliche Wolken dort bis weit in fernste Länder gezogen hatten. Dazwischen Sterne, die mit ihrem klaren Licht von Taten großer Helden zeugten. Andromeda, die Tochter des Aithiopiers Kepheus, gebunden an den Felsen zum Fraße für den großen Walfisch, grad eben befreit von Perseus, dem Sprößling des Zeus und der Danaë, weit oben am Firmament. Und tiefer unten das helle Licht der Mira am Schwanz des schrecklichen Fisches.

Und ganz im Süden schwamm, ganz tief, unterm Sternbild Wassermann und einer Wolke ein zweiter Fisch mit Fornalhaut als hellstem Stern über dem Land der Ägypter. Der tapfere Perseus verhandelt noch den Lohn für Helden Tat mit den Eltern, dem Kepheus und der schönen Kassiopeia, die die gefesselte Tochter umarmen.

Perseus nun - das Untier, schnell wie ein Schiff herangeschwommen und nur noch einen Schleuderwurf vom Fels entfernt - schwingt, das Land mit dem Fuße abstoßend, empor sich in die Wolken und wie ein Adler fährt er auf das Tier herunter, das Schwert, mit dem er Medusa getötet hatte, senkt er dem Fisch unter dem Kopf in den Leib, bis an den Knauf, um seine nackt gefesselte Braut vom Wüten des Tieres zu befreien. Zugleich zog über Asien mit breiten Schwingen und dem hellen Licht Atairs der Adler seine Bahnen.

Ich fragte den Riesen, nachdem all dies ich schon genug betrachtet hatte, ob er mich nun wieder herunterlassen könne und in die Stadt. Doch wie der Leser sicherlich schon weiß, oh über mir Kassiopeia, Mutter der schönen Andromeda, die gegen die Töchter des Nereus, die Meeresnymphen, einst du prahltest, schöner zu sein als alle, bezeuge es, warte ich noch jetzt auf des Riesen Antwort.







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