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DIE KUNST IST EIN HAKENSCHLAGEN

Momentaufnahmen zu den Arbeiten von Elfriede Baumgartner

Als Kollege über eine Kollegin reden ist nicht leicht. Vor allem: wo beginnen, wenn man einander schon so lange kennt? Am besten also zurück zum Anfang unserer Bekanntschaft, zurück in den Oktober des Jahres 1982, zurück zum Keramikkurs im Keller des Afro-Asiatischen Instituts. Ich sitze an einem langen Tisch und knete einen Klumpen Ton. Mir gegenüber beobachte ich eine junge Frau, die aus kleistertriefenden Zeitungspapierstreifen eine Reliefplastik formt, ein Frauengesicht, Schicht um Schicht. „Das ist die Elfi", sagt Leslie de Melo zu mir, der den Keramik-Kurs leitet, „Sie hat bei Hutter das Diplom gemacht". "Ah Hutter", denke ich, „Phantastischer Realismus, Federln, Wolkerln, Blumenbrüsterl und Großaugen mit Frageblick". Kurze Zeit später sehe ich das erste Bild von ihr. Ein unhutterisches Selbst-Portrait mit zerbrochenen Spiegeln, gemalt in altmeisterlicher Technik, aber ohne die typische Hutter Symbolik. Im Lauf der nächsten Monate sehe ich weitere Arbeiten: Fotorealistische Hände, Portraits und Bodenstrukturen, deren technische Perfektion mich beeindruckt. Kein Pinselstrich ist zu sehen, denn der Luftpinsel hinterläßt kein Relief auf der Bildoberfläche. „Wie fotografiert", denke ich. Und in meinem Kopf macht ein Kameraverschluß „Klick".

Etwa eineinhalb Jahre später sagt Elfi zu mir, sie male nicht mehr, sie mache jetzt Objekte und Plastiken. Sie zeigt mir Bildtafeln und Wandobjekte: Gegeneinander gesetzte Mondsicheln, Kugelfische, Kußmünder, Symbole, bunt und präzise gefertigt. Formen ohne Schnickschnack. Dieter Schrage nennt sie „Verkehrszeichen aus dem Liebesparadies", ich nenne sie „Sexualobjekte".

Die ganze Sinnlichkeit und heiter-berührende Seite der Objekte zeigt sich dann bei einer Ausstellung in Wien. Am Boden der Galerie liegt ein seltsames Etwas: Oval, fast zwei Meter lang, wulstig und rötlich, wie gut durchblutetes Schwellgewebe. Beim Anblick des am Boden liegenden Dinges aus bemalter, strohgefüllter Leinwand fragt mich eine Ausstellungsbesucherin: „Ist das ein Schlauchboot?" Ein neben ihr stehender Mann, vom Vernissagewein bereits in gelöster Stimmung, sieht das Ding als das, was es ist: „Des is kaa Schlauchboot, des is a Riesenfut, des sicht doch a jeder". In den folgenden Jahren werden die Objekte geometrisch und streng. Das Sexuelle der Formensprache wird abgelöst von digitalen Rastern und Zahlenkombinationen, von Null und Eins...Weiße Bildflächen mit Vertiefungen entstehen, die Wandskulpturen werfen seltsame Schatten, die eine berückende Distanz zum Betrachter herstellen und meditative Stille. Assoziationen zum monotonen Summen von Computern und kaum merklich flirrenden Bildschirmen stellen sich im Kopf ein, Bilder einer faszinierenden Bedrohlichkeit.

Dann sehe ich Elfi lange Zeit nicht. Irgendwann entschließe ich mich, sie in ihrem Atelier zu besuchen. Ich bin neugierig auf die Objekte an denen sie gerade arbeitet. Und sie antwortet mir, sie mache keine Objekte mehr, sie fotografiere jetzt... Wiederum macht in meinem Kopf ein Kameraverschluß „Klick". Dann sehe ich ihre jüngsten Arbeiten. Großflächige Schwarzweiß-Fotos. Serien und Überlagerungen, auf dünne Metallplatten kaschiert. Ich frage: „Warum Fotografie?" Sie antwortet mir mit einer Gegenfrage: „Wie drückst du ein Ereignis aus, etwa eine Begegnung mit Menschen? Wie hältst du den Gesamteindruck fest, das was davon übrig bleibt?". Die Fotoobjekte sind strukturelle Untersuchungen. Da wurde mit Überlagerungen von Negativen gearbeitet. Aus 20 Portraitfotos von Bekannten etwa ist ein einziges Bild geworden. Scheinbar Dominantes in Gesichtern ist verschwunden. Unscheinbares als dominante Linie hervorgetreten. Das Individuelle ist aus dem Gruppenbild geschwunden, dafür aber die optische Struktur der Gruppe als Summe der Gesichter deutlich geworden: 20 Gesichter haben sich in eine grafische Oberfläche aus feinsten Abstufungen von weiß bis schwarz verwandelt. 20 Schicksale, gespiegelt in einem Bild. In anderen Arbeiten wird das Einmalige, das Nichtwiederholbare, das Nichtumkehrbare festgehalten. Die Vergänglichkeit des Augenblicks, aufgehoben durch ein Foto. Wasser, das spiralig und blasig in einen Abfluß rinnt oder der verdampfende Wassertropfen in einer heißgemachten Schüssel.

Elfriede Baumgartners Kunst ist ein Hakenschlagen. Wo die Bequemlichkeit der Routine lauert, setzt sie den Weg nicht fort. Das Unerwartete und die Neugierde sind Teil ihres Schaffens. Wenn man sie bei Holzfaserplatten, säge, Feile, Leinwand, Farben und Bimsmehl vermutet, ist sie schon woanders, mit anderen Arbeitsutensilien. Zur Zeit mit der Kamera drauf und dran, der Vergänglichkeit Momente zu entreißen und in Bildsplitter zu verwandeln. Schön und Spannend.

Bernhard Herrman
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