Emma 09/10 2001 : Was ist eine Lesbe?


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emma Titel September/Oktober 2001

02

das Dossier
Lesben
Ein wahrhaft historischer Tag: Am 1. August stürmten die ersten homosexuell liebenden Paare die Standesämter. Die Legalisierung der Homo-Ehe beschert nicht nur privates Glück, sondern verstärkt auch die gesellschaftliche Akzeptanz. Aber: Wo sind im Wowereit-Fieber eigentlich die Lesben geblieben? EMMA sucht und fand homosexuelle Spitzenpolitkerinnen, die lange vor Wowereit "draußen" waren. Außerdem: ein Gespräch mit Maren Kroymann acht Jahre nach ihrem Coming out. Und Alice Schwarzer und Monique Wittig über die Rolle der weiblichen Homosexualität.

03 Vorschau 2
50 Was ist eine Lesbe? Alice Schwarzer und Monique Wittig über weibliche Homosexualität
76 Schwarzer Kontra Feldbusch



50

k.d. lang spielt den Dandy - und lässt die Frau ahnen.
Madonna spielt das Weib - und lässt den Kerl raushängen.

Was ist eine Lesbe?
von Alice Schwarzer

Auch die Lebensläufe der in EMMA vorgestellten .,Lesben" zeigen, dass es so einfach mit den Schubladen nicht ist. Manche haben immer schon Frauen geliebt; andere waren früher mit Männern verheiratet; und wieder andere nehmen sich die Freiheit, sich einfach in Menschen zu verlieben.


Von Madonna ist der Satz überliefert: „Elvis is back — she is beautiful." Gemeint ist die Sängerin k.d.lang, dieses erotisch verwirrende Geschöpf mit der lasziven Sinnlichkeit eines Elvis Preslev und der mädchenhaften Schüchternheit. Beide. k.d.lang wie Madonna, spielen nicht nur mit den Geschlechtsrollen, sie kündigen die Geschlechtsidentität an sich auf. Wenn sie als Mann (wie k.d.lang) oder als Frau (wie Madonna)auftreten, lassen sie gleichzeitig durchblicken: alles nur ein Spiel.

Die beiden sind nicht die Ersten, die so agieren. Die Geschichte der letzten Jahrhunderte ist gepflastert von Frauen, die aus dem Frausein ausbrachen und sich die Freiheiten des anderen Geschlechts nahmen. So wie Greta Garbo, die als Kameliendame zum Sterben schön war, aber nie mehr so sexy wie als androgyne Natascha oder Königin Christine. Diese „schönste Frau der Welt" fühlte sich ja auch im Leben zutiefst als Mann, wie posthum enthüllt wurde. Oder Marlene Dietrich, die beide Parts spielte: den Vamp und den Dandy. Aber eines ist vielleicht neu an dem Spiel mit den Geschlechtsidentitäten: die Ironie, das Außenzwinkern, das Provokante, mit dem manche Frauen durchs Labyrinth des Weiblich-Männlichen streifen.


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Die Frage ist neu: Wer ist homosexuell? Schon jemand, der/die von einer Person desselben Geschlechts erotisch angezogen ist? Jemand, der/die mit einer Person desselben Geschlechts genitalen Verkehr hat? Oder nur jemand, der/die sich selber als "homosexuell" bezeichnet?


Doch verstoßen diese Brecherinnen der Geschlechtsrollen damit auch schon automatisch gegen die Moral der Geschlechter? Hat Yentl, alias Barbra Streisand, auf ihrer Flucht in Hosen aus dem Getto des Frauseins in ihrer Hochzeitsnacht den Kuss mit der sinnlichen Rothaarigen auch genossen? Und was ist eigentlich wirklich passiert in dieser Nacht' Wir werden es nie erfahren.

Was ist überhaupt „Homosexualität"? Die Antwort auf diese Frage wird selten sachlich gestellt und endet meist als Glaubensbekenntnis dafür oder dagegen. Und immer wieder gehr es dabei auch um die eigentlich längst überholte und wissenschaftlich unhaltbare Frage: angeboren oder nicht? Für die aufgeklärte Wissenschaft ist die ursprüngliche Bisexualität bzw. Multisexualität des Menschen längst eine Selbstverständlichkeit. Schon der Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, wusste, dass Menschen eine Sexualität haben, Punkt. Wie die sich realisiert, das ist eine Frage individueller Prägungen und Entscheidungen — und gesellschaftlicher Normen. In einer Kultur. in der die Zwangsheterosexualität das vorherrschende Modell ist, ist darum die (Zwangs-) Homosexualität nichts anderes als die andere Seite der Medaille: die Verweigerung des Gebotes und der Fall in sein Gegenteil.

Die Kategorien „Heterosexualität" und „Homosexualität" existieren überhaupt erst seit Ende des 19. Jahrhunderts und wurden von der aufkommenden Sexualwissenschaft erfunden. Hundert Jahre später revidierten die Sexologen ihr Kästchendenken und stellten drei Kriterien zur Erfassung der ganz und gar nicht eindeutigen, der „fluktuierenden" Männer- bzw. Frauenliebe auf, die lauten:
1. Das Angezogensein von einer Person desselben Geschlechts,
2. der genitale Geschlechtsverkehr mit Personen desselben Geschlechts,
3. die Selbstdefinition als homosexuell.

Unter der Lupe dieser Differenzierungen stellt sich heraus, dass die homosexuelle Lust bei Frauen wie Männern größer ist als die homosexuelle Tat. Allerdings: Männer handeln öfter als Frauen. So fand der amerikanische Nachfolge-Report von Kinsev Mitte der 90er Jahre heraus, dass sich rund 10 Prozent aller Frauen und Männer „zu einer Person desselben Geschlechts hingezogen fühlen" bzw. gleichgeschlechtlichen Verkehr reizvoll finden". Neun Prozent der Männer haben es irgendwann auch einmal oder öfter getan - aber nur vier Prozent der Frauen, also jede 25. In den letzten fünf Jahren hatte jedoch nur jede 50. Frau aktive homosexuelle Kontakte.

Vielleicht liegt die Zahl der praktizierenden Homosexuellen im liberaleren Europa höher als im prüden Amerika, sicherlich jedoch nicht niedriger. Was hieße: In Deutschland leben zur Zeit mindestens zirka 1,4 Millionen frauenliebende Frauen (das ist jede 25. Frau ab 18) und zirka drei Millionen männerliebende Männer (jeder 11. Mann ab 18).

Bei einer Befragung deutscher Studentinnen 1996 stuften sich in der Tat nur zwei Prozent selber als homosexuell ein und weitere zwei Prozent als bisexuell. Aber 23 % finden „Frauen manchmal sexuell attraktiv" — sind die nun schon lesbisch bzw. bisexuell?

Schon die Frage an sich — hetero oder homo? — ist also relativ neu. In früheren Jahrhunderten hat sie sich überhaupt nicht gestellt. Auch da wechselten libertäre mit rigiden Zeiten, aber die Sexualität spielte keine so zentrale Rolle, dass sie für die Definition eines Menschen entscheidend gewesen wäre.

Was allerdings immer verfolgt wurde, war der Bruch mit der Geschlechtsrolle; früher von den Kirchenmännern, dann von den Medizinern, heute von den Psychologen. Geächtet wird auch heute weniger der/die Homosexuelle, sondern vor allem der weibliche Mann, die Tunte; bzw. die männliche Frau, der Kesse Vater (KV). Früher landete die Frau in der Hosenrolle auch schon mal auf dem Scheiterhaufen (wie Jeanne d'Arc) oder im Irrenhaus. Besonders scharf wurden die Sanktionen immer dann, wenn es sich nicht um eine individuelle „Verirrung" handelte, sondern der individuelle Rollenbruch im Zusammenhang mit dem Versuch einer kollektiven Emanzipation stand.

Es gibt wenig, was die Neue Frauenbewegung neu erfunden und vor ihr nicht schon die Historische Frauenbewegung gefordert hätte, bis hin zum Kampf gegen die Sexualgewalt. Sogar die Aufkündigung der svmbolischen Zweigeschlechtlichkeit, die für neu gehalten wird, hat eine lange feministische Tradition. Nur eines scheint ganz neu zu sein: der Angriff auf das Primat der Heterosexualität und die Forderung nach einer gleichberechtigten Homosexualität bzw. nicht festgelegten Sexualität.

Die Frauenbewegung und die Homosexuellenbewegung haben sich in den letzten 30 Jahren in der Forderung nach der Akzeptanz der Homosexualität gegenseitig bestärkt. Doch herrscht in der männerdominierten Homosexuellenbewegung bis heute die Tendenz vor, sich mit einer „Toleranz" der „Andersartigkeit" zu bescheiden. Ja, es gibt sogar biologistische Strömungen, die argumentieren. Homosexualität sei angeboren. ergo könne der Homosexuelle an sich nichts dafür und müsse man ihn schon deswegen akzeptieren.



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Der Feminismus kreuzte die Klinge, auch innerhalb der eigenen Reihen. Denn schließlich lebte auch die Mehrheit der Feministinnen heterosexuell und liebte bzw. liebt Männer. Die bis dahin auch unter Frauen verdrängten Lesben sahen ihre Stunde gekommen, sie kamen ..raus".


Bei den Lesben hingegen wird seltener mit Mutter Natur argumentiert. Und für die Feministinnen dagegen musste die Forderung der Akzeptanz der Homosexualität von Anbeginn an zwangsläufig verbunden sein mit der Infragestellung der Frauenrolle und damit auch der „Zwangsheterosexualität".

Hetero- wie Homosexualität waren für die politisierten Lesben von Anbeginn an „starre Geschlechterrollen, die nur in einer sexistischen Gesellschaft mit männlicher Vorherrschaft möglich sind". Die Radicalesbians antworteten auf die Frage „Was ist eine Lesbe?" euphorisch: „Sie ist eine Frau, die häufig schon in einem frühen Alter entsprechend ihrem inneren Wunsch handelt, ein vollständigerer und freierer Mensch zu sein, als es ihr die Gesellschaft erlaubt."

In der Tat: Kaum traten die Feministinnen Mitte der 70er Jahre wieder auf die Bühne der Geschichte, schallte es ihnen schon im Chor entgegen: „Ihr seid doch nicht normal! Ihr seid doch alle lesbisch!" Die amerikanische Feministin (und Mutter eines Sohnes) Robin Morgan gab darauf die wun'erbar ironische Antwort: „Ihr habt uns schon Lesben genannt, als wir selbst noch gar nicht wussten, dass wir welche sind." Womit sie sagen wollte, dass sich viele Frauen überhaupt erst durch die Frauenbewegung — und die Reaktionen der Männergesellschaft auf sie — die Freiheit nahmen, sich in eine Frau zu verlieben.

Lesbisch lieben heißt, sich selbst zu lieben!, lautete nun die Parole.

Die Radicalesbians 1975: „Der Selbsthass entfremdet die Frau von ihrem Selbst und macht sie zu einer Fremden gegenüber anderen Frauen. Sie versucht, dem zu entfliehen, indem sie sich mir ihrem Unterdrücker identifiziert, durch ihn lebt und ihren Status und ihre Identität über sein Ego, seine Macht, seine Fähigkeiten bezieht. Die Frau vermeidet die Beziehung mit anderen Frauen, die ihre eigene Unterdrückung, ihren eigenen zweitklassigen Status, ihren Selbsthass widerspiegeln. Denn sich mit einer Frau auseinander setzen heißt letzten Endes, sich mit sich selbst auseinander setzen — diesem Selbst, dem wir unter so großer Anstrengung ausweichen. Solange Frauen nicht die Möglichkeit sehen, sich sehr grundsätzlich füreinander zu engagieren — was sexuelle Liebe mit einschließt -, so lange verweigern sie sich selbst die Liebe und Wertschätzung, die sie Männern so bereitwillig zukommen lassen, und bestätigen damit ihren zweitklassigen Status."

Der Feminismus kreuzte die Klinge. auch innerhalb der eigenen Reihen. Denn schließlich lebte auch die überwältigende Mehrheit der aktiven Feministinnen heterosexuell und liebte und liebt Männer. Die bis dahin auch unter Frauen verdrängte Minderheit der Frauen, die schon vor der Frauenbewegung Liebesbeziehungen mit Frauen gehabt hatten (und das in der totalen Heimlichkeit), sah ihre Stunde gekommen. Sie kam raus — und war nun endlich nicht mehr auf der „falschen" Seite, sondern auf der „richtigen".

Nicht die „Sexwelle" der 60er, die Frauenbewegung der 70er war es, die die Sexfront in Bewegung brachte. Sie machte die sexuelle Revolution des 20. Jahrhunderts. Doch auch sie hätte sich vor 25 Jahren nicht die 400.000 Menschen beim Berliner Christopher-Street-Day 2001, die geflaggten Rathäuser, den schwulen Berliner Bürgermeister und die „Homo-Ehe" vorstellen können.

Doch zurück zu der Kernfrage: Ab wann ist ein Mensch denn nun homosexuell? Ist es der verheiratete Familienvater, der sich in der Mittagspause in den Schwulenpark schleicht? Ist es die Familienmutter, die im Traum einen Orgasmus mit ihrer besten Freundin hat? Ist es eine Frau oder ein Mann, die/der gleichgeschlechtlich liebt, aber keinen Sex macht? Ist es eine Frau oder ein Mann, die/der gleichgeschlechtlich Sex macht, aber nicht liebt? — Schon diese Fragen zeigen die Unhaltbarkeit der Etiketten.

Verschärfend hinzu kommt, dass Individuen sich in unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedlich sexuell orientieren können. Studien signalisieren allerdings auch bei einem solchen „erotischen Kontinuum" einen Gendergap. So haben Männer eher die Tendenz zu homosexuellen Kontakten in der Jugend und zur späteren Heterosexualität, Frauen haben genau umgekehrt eher die Tendenz zur Heterosexualität in der Jugend und zur späteren Homosexualität.

Erklärungen dafür drängen sich auf: Frauen erwachen sexuell in unserer Kultur später als Männer, ältere Männer haben Vorteile von der traditionellen Heterosexualität und Frauen Nachteile, junge Männer haben Vorteile von einer frühen Homosexualität mit älteren Männern — und ältere Frauen haben Vorteile vom späten Wechsel zur Homosexualität, weil Alter in der lesbischen Wertewelt nicht automatisch erotisch entwertet (bei Männern ist es genau umgekehrt). Außerdem haben eben manche Frauen nach Jahrzehnten Heterosexualität einfach die Schnauze voll oder finden Frauen einfach liebenswerter. Die Motive für die sexuelle Wahl sind also auch hier weder zwingend biologischer, noch eruptiv erotischer, sondern vor allem psychosozialer Natur.

Wobei es unterschiedliche Stufen von homosexueller Dringlichkeit gibt:



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25 Jahre nach der sexuellen Befreiung der Frauenbewegung wurde die Bisexualität Mitte der 90er Jahre zum Trend ausgerufen. Schwer zu sagen, ob die Bi-Mode der Homosexualität die Spitze durch Integration bricht — oder aber ob sie Vorbote einer wirklichen sexuellen Freiheit für alle ist.


Das geht von denen, die es sich kaum anders vorstellen können, bis hin zu denen, die auch locker bisexuell leben könnten — wäre da nicht der große Unterschied, der gelebte Bisexualität leicht zwischen die Geschlechterfronten geraten lässt. Entscheidend für den Grad dieser inneren Dringlichkeit ist ein Bündel von Einflüssen und Prägungen. Zwar könnte sich wohl kein bewusster Mensch auf einer Hetero/Homo-Polaritäten-Skala bei 100% Hetero oder 100% Homo einstufen - aber die sexuelle Identität kann schwanken zwischen 90 % Hetero und 90 % Homo.

Im Zuge der Frauenbewegung ist dann so manche Frau übergelaufen und von 90% Hetero auf 90% Homo umgeschwenkt. Die Schätzungen der Anzahl homosexuell lebender Frauen unter engagierten Feministinnen schwanken zwischen 10 bis 20%. Und in Amerika bezeichnen sich Frauen mit College-Abschluss achtmal so häufig als homosexuell wie Frauen ohne. Was die Männergesellschaft verständlicherweise nervös macht. Denn Sexualität ist für Mehrheit der Frauen quasi unlösbar mit Liebe verknüpft. Und die Liebe entscheidet, welcher Mensch in unserem Leben den wichtigsten Platz erhält.

Männer haben neben dieser Liebe eine lange Tradition von Freundschaft mit dem eigenen Geschlecht: Frauen sind erst mühsam dabei, das zu lernen. Was bedeutet: Eine heterosexuell lebende Frau investiert gemeinhin 90 % ihrer privaten Gefühle und Energien in den geliebten Mann. Die Energie der Frauen, die sich in Frauen verlieben, gehr also den Männern verloren.

Was aber suchen diese Frauen in Frauenbeziehungen, was sie in Männerbeziehungen nicht haben: Schon Untersuchungen aus den 70er und 80er Jahren zeigten, dass sie vor allem Gleichheit suchen. So fand Sigried Schäfer von Hamburger Sexualforschungsinstitut heraus, dass 94 % aller homosexuell lebenden Frauen „Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein" bei ihrer Partnerin schätzen. 95 % Finden es gut, wenn beide berufstätig sind und sich auch die Arbeit im Haushalt teilen. Und 69 % finden die sexuelle Befriedigung beider gleich wichtig.

20 Jahre nach den ersten Protesten der Frauenbewegung wurde die Bisexualität Mitte der 90er Jahre zum Trend ausgerufen. Schwer zu sagen, ob die Bi-Mode der Homosexualität die Spitze brechen soll, indem sie sie integriert — oder aber ob dies Vorboten einer wirklichen sexuellen Freiheit sind. Für eine Frau ist ein solcher erotischer Spagat zweifellos schwieriger, weil die anerkannte Verbindung mit einem Mann sozial so viel schwerer wiegt als die minder geachtete Verbindung mit einer Frau. In einer von Männern dominierten Welt bedeutet männliche Homosexualität eben immer noch Mann plus Mann — und weibliche Homosexualität Frau minus Frau. Schwule sind Männerbündler, Lesben finden sich in der Frauenecke.

Schon Simone de Beauvoir wusste: „Eine Frau, die den Schutz des Mannes nicht mehr genießt, steht wehrlos einer höheren Kaste gegenüber, die sich aggressiv, spöttisch oder feindselig zeigt. Als ,erotische Perversion' wird die weibliche Homosexualität eher belächelt. Insofern sie aber eine Lebensweise impliziert, löst sie Verachtung oder Empörung aus." Und sie erläuterte: „Die Homosexualität kann für die Frau eine Möglichkeit sein, ihrer Weiblichkeit zu entfliehen — wie auch eine Möglichkeit, die Weiblichkeit anzunehmen." Will sagen: Die frauenliebende Frau kann sich als die Andere, als Mann projizieren (undstößt dabei rasch an ihre Grenzen) - oder aber einfach die gleiche gelassene Frau sein vollen.

Und schon für die Autorin des „Anderen Geschlechts" ist „jede Frau von Natur aus (auch) homosexuell" und: „Homosexualität eine aus der Situation heraus gewählte Haltung, die begründet und frei angenommen ist". Alice Schwarzer


Bei dem Text handelt es sich um einen gekürzten, überarbeiteten Nachdruck des Kapitels "Was ist eine Lesbe' aus "Der große Unterschied", erschienen im Herbst 2000 bei Kiepenheuer & Witsch.


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