[...] Die Bedeutung der Tschechisch-Deutschen Erkl�rung besteht haupts�chlich darin, da� sie uns befreit. Indem wir die Geschichte unvoreingenommener historischer Forschung anvertrauten, haben wir vor allem die Historiker selbst befreit: Sie m�ssen nicht mehr unangenehmen Fakten nur deswegen ausweichen, weil deren Beschreibung ungute politische Konsequenzen haben k�nnte.
Durch die Befreiung der Historiker haben wir aber noch viel mehr getan: Wir haben dadurch zur Freiheit all unserer Mitb�rger und der Politiker beigetragen. [...] Ein kleines Beispiel: Wenn ich - sehr wohl wissend, warum - vor zwei Jahren nur sagte, da� die aus unserem Land stammenden Deutschen bei uns als G�ste willkommen sind, so kann ich heute ohne Bef�rchtungen auch hinzuf�gen: da� sie nicht nur als G�ste, sondern auch als unsere einstigen Mitb�rger beziehungsweise deren Nachkommen willkommen sind, die bei uns jahrhundertealte Wurzeln und das Recht darauf haben, da� wir diese ihre Verbundenheit mit unserem Land wahrnehmen und achten. [...]
Konkret bedeutet es auch, da� wir in der Zukunft jene Begriffe oder Schlagw�rter meiden sollten, die - unter anderem dank ihrer poetischen Nebelhaftigkeit - in dem historischen Bewu�tsein der anderen eine andere Bedeutung als bei uns haben, oft sogar eine sehr negative Bedeutung. Sie wissen wohl, da� ich �ber solche Wortverbindungen spreche wie zum Beispiel "Schlu�strich", verstanden in Deutschland als ein Ausdruck f�r den Versuch, b�se Dinge zu vergessen, oder "Recht auf Heimat", was bei uns als gehobene Bezeichnung f�r einen schlichten territorialen Anspruch betrachtet wird. [...]
Was bedeutet "Heimat"?
Der Mensch ist keine Erscheinung an sich, deren Identit�t in keinem Zusammenhang mit ihrer Umgebung st�nde und davon v�llig unabh�ngig w�re. Im Gegenteil, unsere Identit�t wird durch zahlreiche Schichten oder Kreise dessen mitgestaltet, was im allgemeinen als unser Zuhause bezeichnet werden kann.
Unsere Familie; der Kreis unserer Freunde oder unserer Glaubensbr�der; das Haus, in dem wir leben; unsere Gemeinde oder unser Bezirk, einschlie�lich der Landschaft, die ihn pr�gt; unsere Firma oder unser Beruf; unser Verein; unsere Volksgruppe oder unsere Nation; der Staat, dessen B�rger wir sind; aber auch der breitere Zivilisationskreis, zu dem wir uns durch unsere Wurzeln und unsere Geschichte zugeh�rig f�hlen; und letzten Endes auch unser Erdenb�rgertum.
Nur eine dieser Schichten nennen wir Heimat. Gew�hnlich verstehen wir darunter das Land, in dem das Volk lebt, dem wir angeh�ren. Als sich allm�hlich Nationen im modernen Sinne des Wortes zu konstituieren begannen und Eigenstaatlichkeit gewannen, wurde unter dem Begriff Heimat offensichtlich immer deutlicher der eigene Nationalstaat verstanden und unter dem Begriff Patriotismus die Gef�hlsverbundenheit sowohl mit dem eigenen Volk und dem von ihm bewohnten Land als auch - in zunehmendem Ma�e - mit dem Staat, den dieses Volk aufbaut oder um den es k�mpft.
Ich glaube, wenn man heute Heimat sagt, verbinden damit die meisten Menschen eben die zuletzt beschriebene Bedeutung. Anders gesagt, sie sehen die Heimat als eine praktisch abgeschlossene, feststehende, genau definierbare Struktur, die zu keinen weiteren �berlegungen anregt. Ist eine solche Einstellung zur Heimat die einzig m�gliche, richtige und zukunftsorientierte Haltung?
"Heimat", das am h�ufigsten benutzte und am besten zutreffende deutsche Wort f�r das, was im Tschechischen "vlast" genannt wird, ist vom urgermanischen "haima" abgeleitet, welches nicht nur die uns nahestehende und vertraute Welt, also eine Schicht unseres Zuhauses bezeichnete, sondern auch die Welt und das Weltall in seiner Gesamtheit, das hei�t, das Universum. �hnlich bedeutet das altisl�ndische Wort "heimspekja", �ber das Heim und die Heimat zu sprechen, aber auch �ber das Weltall nachzudenken, das hei�t, zu philosophieren. [...]
Urspr�nglich bezeichnet also das Wort Heimat keine abgeschlossene Struktur, sondern das Gegenteil: eine Struktur, die �ffnet; einen Leitfaden, der vom Bekannten auf das Unbekannte, vom Sichtbaren auf das Unsichtbare, vom Verst�ndlichen auf das Geheimnisvolle, vom Konkreten auf das Allgemeine weist. Es ist der feste Boden unter den F��en, auf dem der Mensch steht, wenn er sich zum Himmel hin ausrichtet.
Am einfachsten ist nat�rlich, �ber den Begriff Heimat nicht viel nachzudenken und bei der traditionellen Bedeutung zu bleiben beziehungsweise die Auffassung von Heimat als einer abgeschlossenen Struktur weiter zu bekr�ftigen und zu vertiefen. Dieser Weg ist nicht nur unkompliziert, sondern auch f�r gewisse Gesellschaftsschichten und deswegen auch f�r gewisse Politiker ziemlich verlockend. Er bietet jedem ein bequemes Ruhekissen bekannter Realien und die Umarmung einer bekannten Gemeinschaft. Zugeh�rigkeit zu dieser Gemeinschaft - als der h�chste Wert - l�scht individuelle Verantwortung aus und wird zu einer leicht erkennbaren Sicherheit in einer unsicheren Welt. Ich bin Tscheche, Deutscher oder Franzose, ich werde mich in dem kollektiven Willen des Stammes aufl�sen und als dessen passiver Bestandteil durch das Leben schweben. In ihrer extremen Form gebiert eine solche Einstellung nicht mehr und nichts Besseres als Chauvinismus, Provinzialismus, Gruppenegoismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Wozu solche kollektiven Gem�tszust�nde f�hren, wenn sie von nationalistischen Anf�hrern geschickt angespornt werden, wissen wir alle nur zu gut: zu Gewalt, ethnischen S�uberungen, Kriegen und Konzentrationslagern. Die Auffassung von Heimat als einer abgeschlossenen Struktur birgt in sich die Gefahr, da� die Heimat eher als ein ungel�ftetes Loch statt als Sprungbrett der menschlichen Entfaltung betrachtet wird. [...]
Ich glaube, da� die moderne Welt mit der Zeit die traditionelle Auffassung des Nationalstaates als einem Gipfelpunkt der nationalen Existenz und dadurch als de facto Ende der Geschichte hinter sich l��t. In dieser Auffassung war die Tatsache, da� ein Volk seinen Staat hatte, wichtiger als das, was f�r ein Staat es war und auf welchen Werten er beruhte. Eine allm�hliche �berwindung des Nationalstaates in seiner traditionellen Auffassung sollte meines Erachtens auch eine neue Reflexion des Begriffs Heimat herbeif�hren.
Wir sollten lernen, die Heimat wieder - so wie es wahrscheinlich einst geschah - als unseren Teil der "Welt im Ganzen" zu empfinden, das hei�t als etwas, das uns einen Platz in der Welt verschafft, statt uns von der Welt zu trennen.