�Mama, ich habe nichts getan�, weinend stand ich vor den Beinen meiner Mutter und sah zu ihr hinauf. Meine Erinnerungen sind schwach, doch sie war wirklich b�se mit mir. Und das kam selten vor. Ich hatte meine Schwester derart ver�rgert, dass sie zu unserer Mutter gelaufen war und mich verpetzt hatte. Meine Mutter, mit meiner j�ngsten Schwester auf dem Arm, schimpfte nicht mit mir, sie versuchte mir zu erkl�ren, was ich falsch gemacht hatte. Und ich glaube, ich habe es verstanden. Ich mag damals drei gewesen sei, vielleicht gerade vier, ich wei� es nicht, jedenfalls hatte ich mir damals geschworen, meiner Schwester nie wieder weh zutun.
Meine Mutter war es wohl auch, die mir beibrachte, dass man einen Menschen niemals bestrafen d�rfte. Denn dann wurde sein Verhalten zwar unterdr�ckt, aber er konnte sich niemals �ndern. Man sch�chterte ihn damit nur ein, und irgendwann traute man sich gar nicht mehr, �berhaupt den Mund aufzumachen.
Man musste alles erkl�ren, den rechten Weg zeigen und dem Menschen eine Chance geben, sich zu �ndern. Und das konnte man nur, wenn man darauf gesto�en wurde.
Als meine Mutter dann schlie�lich viel zu fr�h von uns gehen musste, da waren wir fast auf uns allein gestellt. Es gab niemanden mehr, der mir etwas beibringen konnte und es dauert eine Weile, bis ich einsah, dass ich von nun an mehr auf meine �lteren Geschwister zu h�ren hatte. Und nat�rlich spielte unser Vater eine besonders gro�e Rolle. Er war es auch, der uns im Endeffekt wieder hinter die Mikrofone brachte. Es war das einzige, was wir konnten, und als wir wieder anfingen zu singen, da war gleich klar, das wir einem Image entsprechen sollten. Eine ganze Familie, und jeder singt. Und wenn einer es nicht so sonderlich gut konnte, dann wurde eben ge�bt. Ganz egal, was darunter leiden musste. Wie oft habe ich mit meinen Geschwistern tagelang nur gesungen und alles gelernt, was es zu lernen gab. Und wie oft habe ich spielende Kinder gesehen, die durch die Stra�en liefen und musste wieder zur�ck nach Hause um zu �ben.
Manchmal, da hatten wir nat�rlich auch frei. Dann mussten die �lteren in die Stra�e ziehen und musizieren, und ich blieb mit den J�ngeren zuhause und spielte den ganzen Tag in unserem Bus. Doch es war nichts normal geblieben. Ich hatte mich nie gefragt, ob es gut so war, und ob ich nicht vielleicht doch irgendwie anders aufwuchs, als andere Kinder. Das sah ich erst viel sp�ter. Mit 7 Jahren fing ich richtig an, mitzumachen. Von da an war ich bei fast jedem Konzert dabei und meinem Vater war bald bewusst, dass gerade das die Leute sehen wollten. Je j�nger die Kinder, umso s��er waren sie, und umso mehr Fehler wurden entschuldigt. Umso sensationeller war es dann auch, wenn sie sich schon wie ein Profi verhielten und eine gute Show liefern konnten. Und das konnte ich.
Also war ich schnell der kleine s��e Junge, der immer Sp��e machte und nichts lieber tat, als auf der B�hne zu sehen. Ob es nun gut war, oder nicht. Nat�rlich haben damals noch die �lteren die meiste Zeit das eigentliche Konzert bestritten, doch wir, mein j�ngerer Bruder und ich, wurden schnell zum �H�hepunkt�, zur Attraktion im Menschenzoo.
Kinderarbeit? Schulpflicht? All die normalen Gesetze, die uns daran h�tten hindern k�nnen? Nein, so was gab es nicht. Wir waren die Kellys, eine Ausnahme in jeder Hinsicht, und keine der normalen Regeln galten bei uns. Auch ein Ph�nomen, das immer wieder faszinierte und uns unbeschwert auf die Arbeit konzentrieren lie�.
Zu diesem Zeitpunkt packte mich der Ehrgeiz. Ich wollte hoch hinaus so wie wir es alle wollten. Mein Vater hatte uns immer wieder Mut gemacht, uns weiter getrieben und gesagt, wir h�tten das Zeug dazu. Vielleicht war es wirklich anfangs nur das Image, das faszinierte und uns die M�glichkeit gab, weiter zu treiben. Jedenfalls �berl�uft mich jetzt halbwegs ein kalter Schauer, wenn ich die alten Lieder h�re. Wie einfallslos und wie primitiv sie doch waren. Aber ihre Performance war einmalig, so was hatte es nie zuvor gegeben. Und wir liebten es, trotz all der harten Arbeit.
Pl�tzlich standen wir an einem Punkt, wo es eine Entscheidung zu treffen gab. Was wollten wir? Wollten wir es wirklich erreichten, und die Welt erobern? Ja, das wollten wir, daran hatten wir gearbeitet. Ich war �lter geworden, hatte mich v�llig in die Band eingeklinkt und war schon l�ngst der Frontmann. Und nach einer Weile waren wir alle m�de, wir dachte, wir w�rden st�ndig auf uns selbst gestellt sein, alles selber erarbeiten und die Fans einer immer gr��er werdenden Gefahr aussetzen. Und dann kam der Durchbruch.
Von dann an mussten wir nichts mehr in die Hand nehmen, wir bekamen immer mehr Leute, die halfen, f�r uns arbeiteten und uns zur Seite standen. Und es war ein Ziel, das wir lange angestrebt hatte. Oh wie gl�cklich wir damals waren, wie erfreut, wenn wir einen Fan trafen, der uns um ein Autogramm bat und wie stolz, wenn wir zu all den gro�en Galen eingeladen wurden. Ich, wo ich doch noch so jung war, stand in allen Zeitungen. Ich war der gro�e King !
Manchmal denke ich, diese Zeit war der Anfang vom Ende. Noch mal ein kleiner H�henflug, bevor man endg�ltig den Halt verliert und alles au�er Kontrolle ger�t. Doch so war es nicht. Ich liebte die Zeit, anfangs war es ein sch�nes Gef�hl und ich wollte nichts anderes mehr machen, als Musik. Doch mit der Zeit, wurde es eng. Zu eng f�r meine Tr�ume und viel zu eng f�r meine eigene Entwicklung. Wer so jung vor diese schwere Entscheidung gestellt wird, der hat keine Ahnung, was es f�r das Leben bedeuten kann. Und wer immer nur das Image eines kleinen Jungen hat, f�r den ist es schwer, selber erwachsen zu werden.
Ohne Scham und Anstand trieben wir uns gegenseitig nur noch mehr nach oben, und damit immer mehr in die Enge. Und v�llig schamlos trieben sich alle mit. Wer hat schuld? Niemand, es ist der Lauf der Zeit. Ich habe nur das getan, was ich wollte, und das ist Musik machen. Nat�rlich haben wir uns dem Publikum angepasst, das gezeigt, was sie sehen wollten und was ihnen wohl gefallen k�nnte. Und in mein Verderben habe ich mich allein getrieben, also werde ich mich da auch wieder rausholen, ganz egal wie. Nur eins werde ich niemals tun: Alles aufgeben, was ich die ganzen Jahre getan habe. Lieber sterbe ich mit meiner Musik im Ohr als irgendwann allein und einsam in v�lliger Stille.