Lustlos


Heute fragte mich doch glatt jemand, ob ich nicht Lust h�tte, ein gro�es Konzert zu geben. Ein noch gr��eres, als ich es jemals gegeben habe. Und ich muss zugeben, einen kurzen Augenblick habe ich �berlegt. Wie w�re es denn, mal wieder vor einem Millionen-Publikum zu spielen und damit eine viel gr��ere Masse zu erfreuen, als ich es bisher getan habe. Nat�rlich habe ich solche Konzerte schon massenweise gegeben, Tausende von H�nden ber�hrt, die nach mir gegriffen haben und mich voller Elan dort hingestellt und das Beste aus mir herausgeholt. Jedenfalls dachte ich immer, noch besser k�nnte ich nicht werden. Und schon beim n�chsten Konzert �bertraf ich mich selbst. So wurden die Hallen immer voller, mein Leben immer stressiger und mein Herz immer leerer. Es war einfach kein Platz mehr da. Kein Platz mehr f�r die nat�rlichsten Dinge, f�r Spa�, Urlaub und vor allem f�r die Liebe. Doch wie sollte ich jemanden die Liebe geben, wenn ich doch noch nicht einmal mich selber liebte. Und wie sollte ich verlangen k�nnen, dass mich jemand wirklich lieben und verstehen kann, wenn ich mich noch nicht einmal selber kenne und demjenigen Zeigen kann, wer ich eigentlich bin und was dieser jemand an mir lieben kann. Denn die Dinge, f�r die ich ber�hmt bin, machen mich doch nicht alleine aus. Ich bin doch viel mehr. Ich bin doch nicht nur der Mann, der auf der B�hne steht. Oder bin ich es doch? Und lasse dem anderen Ich in mir einfach keinen Platz mehr?
Jedenfalls sagte ich diesem guten Mann, der mir jenen Vorschlag macht, ab. Ich wollte es einfach nicht, hatte keine Lust, mich triumphierend feiern zu lassen und zu sehen, wie weit oben ich wirklich noch bin. Es interessiert mich einfach nicht mehr. Lieber wollte ich mich erneut an meinen Schreibtisch setzen und weiter schreiben, alles aufschreiben, was mir durch den Kopf geht und weiterhin Fragen stellen. In der Hoffung, es w�rde eine Antwort geben. Vielleicht nicht hier und jetzt, aber irgendwann mal. Sicher, irgendwann werde ich wissen, warum ich so handele und warum ich �berhaupt da bin, existiere und nicht als eine fette Kr�te durch die Welt h�pfe. Sondern als das intelligenteste Wesen auf Erden, als Mensch. Oder sind wir gar nicht so intelligent? W�re es nicht vielleicht doch schlauer, als Kr�te durch die Welt zu ziehen, Eier zu legen und nur abzuwarten, bis der Storch kommt und einen frisst? So ist doch nun mal das Leben. Aber warum essen wir denn die ganzen Pflanzen und Tiere auf, und nicht uns selber? Weil wir so intelligent sind, oder warum? Und warum suche ich dann nach so vielen Dingen? All meine Tiere scheinen sich gar nichts daraus zu machen. Sie scheinen nie dar�ber nachzudenken, was der Sinn ihres Daseins ist, und sie scheinen alle sehr gl�cklich zu sein. Ist es also nicht auch ein Verdammnis, der man mit der Intelligenz ausgesetzt ist?
Wie dumm muss man denn sein, um gl�cklich leben zu k�nnen? So dumm, wie die meisten Menschen mir vorkommen, denen ich begegne? Oder sind sie am Ende gar nicht so dumm? Sind sie einfach nur so schlau und kennen schon alle Antworten? Aber warum geben sie mir dann keinen Rat?
Wenn ich ein M�dchen treffe, und die m�chte, dass ich auf einem Zettel unterschreibe, dann tu ich das meistens auch. Aber wozu? Was will sie damit? Klar, sie will allen zeigen, dass sie mich gesehen hat, und wahrscheinlich dichtet sie dann noch allerlei Unterhaltungen dazwischen, die niemals stattgefunden haben, aber das kann mir ja egal sein. Ich frage mich nur, was sie im Endeffekt damit wollen. Sie k�nnen es doch nicht zuhause aufh�ngen, wer w�rde sich schon das lieblose Gekritzel eines jungen Mannes �bers Bett h�ngen? Ich habe mal zuhause stundenlang auf einen Zettel geschrieben. Immer nur meinen Namen, mal schnell, mal langsam, mal krakelig und mal ganz ordentlich. Und ich bin zu keiner Antwort gekommen. Ich habe sie alle weggeschmissen, weil sie ohne Bedeutung f�r mich waren. Und die handeln damit, als w�re es Gold. Aber daf�r kann ich mir doch nichts kaufen. Ich kann doch nicht in einen Laden gehen, und mit meiner Unterschrift bezahlen... es sein denn, ich setze sie unter einen gedeckten Scheck. Also wo ist der Sinn?
Und es reicht ja nicht, dass sie eins haben. Nein, manche kommen jeden Tag stehen immer dort, und wollen jedes Mal ein neues Autogramm. Und ich schreibe zum hundertsten Mal meinen Namen auf ein Fetzen Papier und hoffe, dass sie nun endlich gl�cklich und zufrieden sind. Doch das werden sie wohl nie sein. Vielleicht ist es bei ihnen so, wie mit meinen Fragen. Je mehr ich nachdenke, und je mehr Fragen ich stelle, umso mehr neue kommen mir auch in den Sinn. Es scheint ein ewiger Kreislauf zu sein, aus dem auch nie wieder hinaus kommen werde. Und niemals hat auch nur einer gefragt, wozu das Ganze....
Heute jedenfalls hatte ich keine Lust irgendetwas gro�artiges zu planen. Kein Konzert, nein, davon hatte ich wei� Gott genug gegeben. Und auch auf einen Stadtbummel mit meinem Bruder verzichtete ich. Lieber zu Hause bleiben und meine Ruhe haben. Doch auch darauf habe ich irgendwie keine Lust. Was ist denn nur los mit mir? Ich k�nnte mich den ganzen Tag ins Bett legen und schlafen, aber was bringt mir das dann? Es w�re wieder nur verlorene Zeit, die ich sinnlos vertr�deln w�rde. Und mit Sicherheit g�be es dann wieder faules Gerede zwischen meinen Geschwistern. Also stehe ich auf, gehe hinunter in das Studio und versuche, eine neue Melodie zu finden...



Patrick Kelly

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By Barby K. 1998






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