Farblos


Ich habe heute meine ganzen Aufzeichnungen durchgelesen und bin zu dem Entschluss gekommen, es doch irgendwann mal der �ffentlichkeit zu stellen. Sollen sie doch alle lesen, wie verloren und vor allem trist auch ich mich manchmal f�hle. Wer immer lacht, der kann schlie�lich auch weinen. Und wer immer fr�hlich scheint, der muss nicht auch immer gl�cklich sein. Oh, welch deprimierende Aufzeichnungen sind es doch. Und zeigen mich wahrscheinlich von einer anderen Seite....
Doch sollte es so sein? Bin ich wirklich so ungl�cklich? Nein, ich muss ihnen auch einmal meine sch�nen und fr�hlichen Seiten n�her bringen. Das muss einfach sein, nachdem, was ich bisher notiert habe. Denn wie gesagt, nicht alles scheint so grau und farblos, wie ich es notiert habe. Auch ich kann lachen, und auch ich kann Dinge aufschreiben, die sie noch nie geh�rt haben. Und vor allem kann ich auch Antworten auf ein paar Fragen geben. Denn wer sollte mich besser kennen, als ich selber? Und wenn ich mich nicht kenne, wer dann? Niemand... auch wenn es alle glauben, und auch wenn alle immer meinen, meine Gedanken erfassen und meine Trauer in den Augen zu sehen. Wenn ich sie nicht sehe, dann die Anderen doch erst recht nicht. Oder t�usche ich mich da?
Ich will ihnen mal erz�hlen, was ich letzte Nacht getr�umt habe. Es war ein kalter Traum, wie aus einem Schwarz-Wei�-Film entsprungen. Und selten ist mir ein Traum derart in Erinnerung geblieben. Ich sehe noch genau die tristen Bilder vor mir. Einen jungen Mann, lange Haare und ein aschgraues Gesicht. In seinen Augen lag nichts als die falblose Wut. Er ging auf und ab, setzte sich nieder und schien gelangweilt, aber auch angespannt und regelrecht genervt zu sein. Von was? Ich wei� es nicht. Es war niemand sonst zu sehen. Nur ein kahler Raum, mit einem kleinen Stuhl in der Mitte, auf den er sich immer wieder niederlie�, um dann erneut aufzustehen und ziellos umherzugehen. Im Grunde h�rt sich dieser Traum langweilig und nichtssagend an, da nichts weiter geschah. Doch sah man sich diesem Mann genauer an, dann konnte man ganze B�nde sprechen h�ren. Obwohl er schwieg, schrie er unentwegt. Und obwohl er nicht weinte, sah ich kleine Tr�nen der Verzweifelung hinunterlaufen. Und als ich langsam aber sicher, mich n�her zu ihm traute... erkannte ich, dass es ein Ebenbild meiner Selbst war. Ich war es, der dort umherging, nicht wusste wohin, nicht wusste warum, und niemals aus diesem Raum rauszukommen schien. Ein Raum, der so trist und grau war, wie man es sich nicht vorstellen konnte. Ein Raum, ausgef�llt mich v�lliger Leere, so leer, wie diese grauen Augen.
Als ich aufwachte, dachte ich noch eine Weile dar�ber nach. Ich sah in den Spiegel, und es schien, als w�ren meine Augen wirklich grau geworden. Aschfarben, von all den Tr�nen, die einst meine Wangen hinunterliefen und all den unbeantworteten Fragen, die durch meine farblose Welt wanderten und nach Antworten suchten. Jetzt frage ich sie, k�nnen sie sich vorstellen, dass ich ihnen auch die positiven Seiten meines Lebens darstellen k�nnte? Sie wissen es nicht? Sie glauben es nicht? Oder denken sie gar, in meinem Leben g�be es nichts positives? Oh, bevor sie einen falschen Eindruck bekommen, lassen sie es mich versuchen.
Es gibt viele kleine Dinge, die mich zum lachen bringen, die mich dadurch auch fast wieder weinen lassen. Also einfach Dinge, die mich rundum gl�cklich machen. Zum Beispiel, wenn ich sehe, wie andere Menschen gl�cklich sind. Wenn meine Familie lacht, dann lache ich mit. Jeder spontane Witz l�sst mich fast auf den Boden fallen. Aber dennoch l�sst mich auch jede Kleinigkeit, jeder ernste Blick, und jede kr�nkende Nachricht in Tr�nen ausbrechen. Immer sage ich mir, es w�re nicht passiert, wenn ich nicht ich w�re. Wenn ich doch nur ein Junge, wie jeder andere w�re, wenn mir nicht hundert M�dchen nachstellen und sch�ne Augen machen w�rden. Wenn sie nicht besessen von Gier an mir rei�en w�rden und nicht krankhaft im Glauben w�ren, ich w�rde auch nur einen Funken ihrer Gef�hle erwidern. Wenn all das nicht so w�re... h�tte sich dann damals das M�dchen nicht meinetwegen umgebracht? H�tten sich nicht hundert weitere auf Konzerten derart schlimm verletzt, dass sie ins Krankenhaus mussten? Und h�tte ich selber dann nicht meine Freundin betrogen, meine Mutter gehasst und meine Geschwister verraten? W�ren all die Dinge, die mir bereits verziehen wurden, die ich mir aber wohl niemals vergeben werde, dann wirklich niemals geschehen? Also war es wieder alles nur meine Schuld oder wie? Aber wenn jemand an einer Droge stirbt, dann ist doch nur derjenige Selber schuld, und nicht die Droge. Bin ich etwa eine Droge, die andere nur massenweise schlucken und sich damit ins Verderben treiben? Aber ich bin doch ein Mensch... mich kann man nicht kaufen, auch ich habe Gef�hle und ich hatte doch niemals die Absicht, jemandem wehzutun. Und pl�tzlich bin ich ja ein absoluter Unmensch, weil ich allen das Herz breche, nicht mit ihnen eine sch�ne Nacht verbringe, oder mich einfach nur mal nicht zu ihnen gesellen will. Welch ein Verbrechen der Menschlichkeit... und dennoch bin ich mir keiner Schuld bewusst. Sehen sie mich einmal an und sagen sie mir, was sie sehen. Sehen sie einen jungen Mann, der gl�cklich ist, sich alles leisten kann und die schw�rmerischen Blicke der Kinder triumphierend und geehrt genie�t? Oder sehen sie ein graues Gesicht, graue Augen und ratlose Blicke... so wie ich sie gesehen habe? Ich bitte um Antwort. Vielleicht nicht hier und jetzt, aber irgendwann, wenn wir uns sehen und ich nicht mehr auf einem Stuhl sitze oder durch einen grauen Raum marschiere... sondern, wenn die Welt ihre Farben wieder gefunden hat, und ich sie erneut mit meinen blauen Augen anstrahlen kann... irgendwann !



Patrick Kelly

_________________________________________________________________________

By Barby K. 1998






>>


Hosted by www.Geocities.ws

1