Anstandslos


Ich fange an zu beten... Habe die letzten Tage die Bibel studiert, habe gelesen und mir meine Gedanken dazu gemacht. Was auch immer mit all den Wiederspr�chen gemeint sein sollte, so kann man doch nicht wirklich leben. Oder doch? Also las ich... ich las jedes Wort, tagelang, aber ich habe nichts verstanden. Sollte ich mir wirklich von der Kirche helfen lassen? Meine Familie ist sehr katholisch, meinem Vater war es immer wichtig, dass wir wussten, woran wir uns halten und woran wir glauben sollten. Aber wie sollte ich denn ein Opfer nach dem anderen bringen, warum mich dauernd rein waschen und warum auf Knien rumrutschen und nur beten und danken... Das konnte doch nicht das Leben sein. Das konnte das Leben doch nicht so lebenswert machen, wie alle immer sagten.
Oder sollte ich all die S�nden begehen und vor Demut nicht mehr geradeaus sehen k�nnen? Wie w�re es denn, Sex vor der Ehe, ein uneheliches Kind, eine L�ge nach der anderen, die ich den Menschen vorsetze.
Ich bin doch auch nur ein Mensch. Und vor allem bin ich ein junger Mann, der auch Triebe und W�nsche hat. Machen es die Tiere denn nicht auch? Bin ich ein solches wildes Tier, das in mir w�chst und meine Sehns�chte nach Befriedigung suchen l�sst?
Ohne Anstand an die Sache heran zu gehen, war es das nicht, was einen spontan und fei machte? Und war es nicht die Bibel, die einem sagte, man solle auf das Innere h�ren und seinen n�chsten lieben?
Wenn die Kirche mir nicht helfen w�rde, wer dann?
Und wenn es doch einen Gott gab, wie konnte er zulassen, dass einem kleinen Kind eine derartig wichtige Person genommen wurde... die eigene Mutter !
Ich war viel zu klein, um es zu verstehen. Ich erinnere mich, wie sie mich in den Arm genommen hatte und sagte, sie w�rde wohl bald auf eine kleine Reise gehen. Und irgendwann w�rde ich zu ihr kommen und sie wieder sehen. Ich glaubte ihr, und ich hatte keine Angst. Aber hatte sie mich angelogen? Warum hatte sie nicht gesagt, sie w�rde f�r immer gehen, und mich allein mit meinen Geschwistern zur�ck lassen. Das war eine harte zeit. Meine �lteren Geschwister sagten, es w�re f�r sie sehr schwer. Sie hatten noch alle Erinnerungen und wussten, warum sie gehen musste. Die j�ngeren sagten, es w�re f�r sie besonders schwer, da sie unsere Mutter nicht kannten. Was bleibt einem kleinen Kind, das keinerlei Erinnerung an die Frau hat, die es getragen und geboren hatte.
Und mittendrin war ich !
Aber seht mich an, f�r mich ist es auch schwer. Ich wei� noch, wie sie war, ich erinnere mich an ihre W�rme, ihren Duft und ich sehe sie oft vor mir. Als ich anfing, �ber sie nachzudenken, war es anfangs nur Wut und Hass. Wie konnte sie es nur wagen, einfach fortzugehen. All die Kinder einfach dort zulassen, der J�ngste gerade mal ein Jahr alt. Und niemand wusste mehr, wie es weiter gehen sollte. Oh wie ich meine Mutter hasste !
Ohne Anstand zerschlug ich Geschirr und Fenster, schloss mich dann wieder ein um meine Wut zu sammeln und begann dann, einfach wieder weiter zu spielen.
Und jetzt? Jetzt w�rde ich niemals auch nur noch einen schlechten Gedanken gegen meine Mutter verschwenden. Und wenn einer das tun sollte, dann w�rde ihn meine Reaktion schon Vernunft lehren. Der Hass ist mehr auf mich gewandert, mehr zu meiner Selbst geworden und l�sst mich manchmal Dinge tun, die ich niemals wollte... Doch viel zu viel geht einfach an mir vorbei. Ich glaube, ich kann einfach niemals sagen, dass ich eine absolute Befriedigung all meiner Fragen finden werde, niemals eine Antwort bekomme. Denn wer sollte mir die bringen?
Was sagt denn die Wissenschaft?
Sie sagen, da war mal ein Urknall. Irgendein riesiges Ding, das einfach �ber und explodiert ist und danach ganz geordnet Wasserstoff, Luft, kleine Tiere und zu guter Letzt sogar Menschen entstanden sind. Wir kommen und gehen, doch wo ist der Sinn?
Warum soll ich mich mein Leben lang qu�len, den Menschen ein lachen zeigen und mich verstellen, wenn ich eh eines Tages gehen werde und dann alles umsonst war. Was w�rde dann von mir bleiben? Etwa das, was meiner Mutter geblieben ist? Ein kleines w�tendes Kind, dass sie so hasst, weil sie sterben musste? Oh wie ich mich selbst deswegen nun verdamme... mich in die H�lle schicke und das Gef�hl habe, niemals etwas wieder gut machen zu k�nnen.
Doch bin ich nicht gut? Mache ich meinen Job nicht perfekt genug? Wie oft sagte mir mein Vater, ich m�sse besser werden. Und wie oft sagte er mir, ich m�sse h�rter an meinen Job rangehen. Doch alles was ich ernte, ist nur Lob und dank. F�r die Au�enwelt bin ich ein Genie. Ein wahres Wunderkind, das niemals auch nur einen Fehler machen kann. Oh wie gut kann mein Vater es vertuschen. Und wie gut kann ich anstandslos durch die Welt ziehen und ohne jemals auch nur einen Schimmer von Schuld auf mich sitzen zu lassen.



Patrick Kelly

_________________________________________________________________________

By Barby K. 1998






>>


Hosted by www.Geocities.ws

1