ISBN 3-932069-40-4
Diese Anthologie bietet einen erstaunlichen Querschnitt durch die grenzenlose Welt der Phantasie.
Das Spektrum ist breit gestreut von der Erzählung mit einer irrealen Handlung
in einer irrealen Welt bis hin zur scheinbar realen Geschichte,
die sich erst im letzten Satz als nachdenklich stimmende Fantasy-Story zu erkennen gibt.
Rund um den Globus führt die Geschichtensammlung.
An der deutschen Nordseeküste, auf Mallorca, in Afrika oder in Indien
ist die Fantasy ebenso beheimatet wie im Land der Orks und Oger oder in Ishkor.
Vielfältig wie die Schauplätze im Diesseits und Jenseits ist auch die Liste der Autoren:
Horst Jüssen, Alfred Bekker, Armin Rößler, Kurt Jaeger, Irene Salzmann,
Axel Gieseking, Katharina Holz, Till Louis Schreiber, George P. Russel,
Carin Chilvers, Thomas Pfanner, Artur J. Ruetter, Kurt Lehmkuhl,
Rolf-Peter Wille, Dirk Brakenhoff und Dorthe Landschulz.
Nach der letzten Geschichte wird sich jeder Leser fragen,
ob er gerne anstelle von Francesco im Land der Delphine wäre.
Manch einer wird es sich wünschen,
manch anderer verwünschen...
"Eines Tages muss es doch aufh�ren", wandte einer zaghaft ein. Er sprach leise, als ob er selbst nicht an seine Worte glauben mochte. Wie sie alle hielt auch ihn die Trostlosigkeit der Lage fest in ihrem kalten Griff.
Der T�rmer nahm bed�chtig einen tiefen Schluck aus seinem Krug, stellte diesen wieder sorgsam auf den derben, h�lzernen Tisch und antwortete: "Ein ganzer Sommer und ein ganzer Winter sind vergangen, seit sich die Wolken vor die Sonne schoben und sie vor unseren Blicken verbargen. Nun soll es angeblich wieder Sommer sein, doch wir merken nichts davon. Noch immer prasselt der Regen auf uns und unser Land herab. L�ngst stehen die Felder unter Wasser. Auch die n�chste Ernte wird ausfallen und der Hunger ist schon jetzt schlimm genug. Viele sind krank geworden, vor allem die Alten und die ganz Jungen. Wie sollen sie jemals wieder gesunden, wenn der Himmel seine Schleusen ge�ffnet h�lt? So lange sind die Wolken jetzt schon das einzige, was wir sehen k�nnen, wenn wir unsere Augen nach oben richten, dass ich nicht mehr auf die reine Hoffnung vertrauen m�chte, dass eine Besserung kommen wird. Wir m�ssen etwas tun. Ich muss etwas tun."
Das war eine lange Rede f�r den sonst so schweigsamen, in sich gekehrten Mann. Doch auch ohne seine Worte war jedem der Ernst der Lage bewusst.
"Aber was? Was willst du tun?", fragte ein anderer. "Uns sind die H�nde gebunden. Wir k�nnen die M�chte des Schicksals nicht beeinflussen."
"Vielleicht k�nnen wir das doch", sagte der T�rmer. "Ich werde den Hohen Herren aufsuchen und ihn bitten, eine L�sung zu finden."
"Den Hohen Herren?", echote die Runde aufgeregt durcheinander. "Du glaubst, er wird dich anh�ren? Und du meinst, ihn schert unser Schicksal?" Die Ungl�ubigkeit sprach f�rmlich aus ihren Gesichtern.
"Hohe Herren", brummte der T�rmer, "brauchen ein Volk, �ber das sie herrschen k�nnen. Wenn ihr Volk vom Regen davongeschwemmt worden oder elendiglich verhungert ist, mangelt es ihnen an Untertanen. Ich denke schon, dass er mich anh�ren wird".
Er sah ihnen an, dass sie nicht an einen Erfolg glaubten. Niemand hatte es jemals zuvor gewagt, den Hohen Herren um Beistand zu bitten. Zu weit stand dieser m�chtige Mann �ber ihnen, als dass sie �berhaupt auf den Gedanken gekommen w�ren, seine Unterst�tzung zu erflehen. Aber andererseits, und das wusste der T�rmer mit untr�glicher Gewissheit, hatte es auch niemals zuvor eine Situation gegeben, in der eine vergleichbare Verzweiflung geherrscht hatte und sie nicht allein h�tten bew�ltigen k�nnen. Deshalb musste es sein und deshalb musste er gehen. Er war der richtige Mann daf�r. Der einzige, der den Mut dazu aufbringen w�rde.
Und so machte er sich auf die Reise.
Poetisch subtil, aber um so tiefer, wirken hingegen die Geschichten, in denen das Grauenvolle nur fl�chtig angedeutet erscheint. Horst J�ssens "Die geheimnisvolle Insel", erz�hlt schlicht und klassisch und verf�hrt mit dem, was sie verschweigt. Diese Insel hat etwas von Gerst�ckers "Germelshausen". Eine klassische Abenteuergeschichte ist das wohl wahre Erlebnis Kurt Jaegers aus seiner Fliegerzeit in Nigeria, geschildert in "Eine r�tselhafte Entscheidung". Die Spannung entsteht hier durch den Kontrast zwischen der kalten, zum Teil englischen Fachsprache und der stets lauernden Gefahr. Einfach aber wirkungsvoll ist auch Armin R��lers streng mittelalterliche Erz�hlung "Das Land der Wolken", ein Land, das mich etwas an Alfred Kubins phantastischen Roman "Die andere Seite" erinnert. Ein weiteres Phantasiereich von strenger Hierarchie beschreibt Alfred Bekkers "Dway'lion der Magier". Selbst mythologische Wesen hausen hier wie ja auch in Katharina Holzs alt�gyptischem Traum "Amduat-Ra�s Reise durch die Unterwelt". Doch wenn mich "Dway'lion" etwas an den "Lord der Ringe" erinnert so umweht "Amduat-Ra" ein Hauch von Harry Potter. Ein Hauch von Andersens "Meerjungfrau" hingegen, ein geheimnisvoller Geruch von Fisch und Meer, umweht Irene Salzmanns "Das Land der Delphine", w�hrend Dirk Brakenhoffs "Der H�ter des Waldes" zun�chst wie Endes "Momo" oder die moralische "Unendliche Geschichte" anmutet, dann jedoch mit einem recht unerwarteten Ende �berrascht. Man kann sowohl Weinen als auch Lachen.
Und hier haben wir nun die phantastische Verbindung aus Satire, Humor und Horror, am gelungensten vielleicht das "Krokomaul" von Carin Chilvers, skurrile und sentimentale Memoiren einer sterbenden Krokohandtasche, erz�hlt mit Flair und Flamboyance. Aber auch "Mittags kommt das Grauen" von Irene Salzmann ist eine recht witzige Satire von einem, "der auszog, das Gruseln zu lernen". Sehr charmant erz�hlt ist Till Louis Schreibers Hommage � Hoffmann, "Onkel Alberts Porzellanpuppe", doch ohne den d�monischen Einschlag von ETA. Eher experimentell hingegen wirkt Dorthe Landschulzs "Der Dichter". Konzentriert lesen mu� man hier, wenn man den Wechsel der Erz�hler und den fließenden �bergang der Realit�ten verstehen will. Etwas f�hlte ich mich beim Lesen wie jener Kunstliebhaber in Akira Kurosawas "Dreams", der sich pl�tzlich in einem Bild Van Goghs wiederfindet.
Was w�re eine Sammlung phantastischer Geschichten ohne Indien? Artur J. Ruetter hat dieses exotische Land bereits vor 30 Jahren auf einer Weltreise mit dem Fahrrad besucht, und sein "Reisender zwischen den Welten" ist der offensichtlich wirkliche Bericht einer phantastischen Vision. Die Erz�hlung enth�lt aber auch viel Lokalkolorit, und besonders k�stlich ist die indische Art der Teezubereitung (der Filter ist ein ausgekochter Damenstrumpf). In meiner eigenen Geschichte, "Der Cognacschwenker von Varanasi", ist Indien eigentlich nur eine poetische Erfindung. Diese fast surreale Geschichte einer Seelenwanderung ist vielleicht zum Teil inspiriert von Edgar Allan Poes phantastischer Schilderung der Stadt Benares in "A Tale of the Ragged Mountains".
Reich und bezaubernd, manchmal auch witzig und sogar schockierend ist das Leben im Land der Phantasie, in das diese Anthologie des Betzel Verlags einen verf�hrerischen Einblick gibt - so verf�hrerisch �brigens, wie bereits der Umschlagentwurf von Irene Salzmann.