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"Du hast alles kaputt gemacht, du, nur du!"

"Ich? Ach ja? Und was ist mit dir? Dein Egoismus hat meine Familie zerst�rt!"

~

Es klopfte an meine Zimmert�r. Schwerf�llig stieg ich aus meinem Bett, in dessen Decke ich mich eingemummelt und meine Ohren mit beiden H�nden zugehalten hatte, um nichts von dem Streit, der unten vor sich ging, an mein Ohr dringen zu lassen.

Ich wusste wer vor meiner T�r stand. Es war oft so. Mindestens zwei Mal die Woche.

Ich �ffnete die T�r. Davor stand meine kleine 5-j�hrige Schwester. Ihren Teddy hatte sie wie immer im Arm. Auf ihrem Nachthemd lachte eine Sonne mit Gesicht und Sonnenbrille. In ihren Augen spiegelte sich Angst.

Ich nahm sie an der Hand und zog sie in mein Zimmer. Hinter ihr schloss ich die Zimmert�r und drehte den Schl�ssel ein Mal herum. Das tat ich jedes Mal an solchen Abenden, aber jedes Mal erst dann, wenn Emma bei mir war. An solchen Abenden kam sie, fr�her oder sp�ter, aber sie kam.

Ich setzte mich in mein Bett und zog Emma neben mich. Ihren Kopf legte ich sanft an meine Schulter und strich ihr �bers Haar. Dann kuschelte ich sie behutsam in den Gro�teil meiner Decke ein. Wortlos strich ich ihr �ber ihre langen blonden Haare. Wenig sp�ter konnte man ihr gleichm��iges Atmen h�ren. Mir fiel das Schlafen in solchen N�chten nie leicht. Ich konnte die lauten Beschimpfungen, Anschuldigungen unserer Eltern nicht so leicht �berh�ren und einschlafen. Manchmal lag ich n�chtelang wach, und wenn Emma nicht da war, weinte ich oft. Ich weinte unserem alten, harmonischen Leben hinterher, dass wir einst lebten.

Es herrschte Schweigen am Fr�hst�ckstisch. Eisiges Schweigen. Wie jeden Morgen. Ich sa� wie immer neben meiner Schwester, uns gegen�ber unsere Eltern.

Keiner sagte etwas. Ich hatte es mir schon lange abgew�hnt, mit meinen Eltern zu sprechen. Und Emma zog sich immer mehr in ihre eigene Welt zur�ck. In ihre Welt, in der nur bestimmte Menschen Platz hatten.

Meine Eltern sprachen auch schon lange nicht mehr miteinander, und wenn, dann artete dies in einem gro�en Streit aus. Das letzte "Ich liebe dich" muss an Weihnachten gewesen sein. Weihnachten vor 3, 4 Jahren.

Mein Vater stand auf. Sein Fr�hst�ck hatte er in der Hand. Er fr�hst�ckte schon lange nicht mehr mit uns. Er ging jetzt ins B�ro. Manchmal, wenn er fr�h dran war, holte er vorher noch seine Freundin ab. Oder Geliebte, wie auch immer man das definieren wollte. Sie wohnte in einem kleinen Nebenort. Zu ihr ging er auch immer nach der Arbeit. Meistens kam er erst sp�t in der Nacht nach Hause. Wir wussten das, er versuchte nicht seine Beziehung zu dieser Frau zu verheimlichen. Zumindest innerhalb der Familie nicht. �u�erlich schien alles gl�cklich. Nach au�en hin gaben meine Eltern die Familie voller Liebe und Harmonie. Und das alles f�rs Image. Sie waren erfolgreiche Gesch�ftsleute, hohe Tiere im Hotel-Business. Scheidung? Undenkbar. Jedes Mal wenn ich dar�ber nachdachte, was meine Eltern aus ihrem Leben gemacht hatten, nahm ich mir vor, alles anders zu machen. Ich w�rde nie so gef�hllos leben wie sie. Niemals.

Meine Mutter hatte keine feste Beziehung. Sie brachte manchmal, wenn sie von ihrer Bar-Tour nach Hause kam, einen Mann mit. Manchmal waren sie schon wieder weg wenn ich morgens aufstand. Manchmal nicht. Es gab mir jedes Mal einen Sich ins Herz wenn ich diese widerlichen Typen sehen musste. Doch Emma tat mir dann am meisten Leid. So richtig verstand sie das doch alles noch gar nicht, sie war doch noch so klein... Den Glanz in ihren Augen hatte sie l�ngst verloren. Jetzt waren sie m�de und traurig. Ich verstand meine Eltern nicht. Wie konnten sie so auf sich fixiert sein, dass sie die Qualen, die ihre T�chter durchmachten, nicht bemerkten? Verhinderten? Ich versuchte stark zu sein, so zu tun als ob mir das alles nichts ausmachen w�rde, schon f�r Emma. Irgendjemand brauchte sie doch. Jemand der auf sie aufpasste und sie besch�tzte.

"Komm Emma, ich bring dich zu Molly", sagte ich zu meiner Schwester und erhob mich. Emma sprang erfreut von ihrem Stuhl auf und lief nach oben, um sich umzuziehen. Ich sp�rte den Blick meiner Mutter auf mir. Dann sprach sie mit mir. Meine Mutter sprach mit mir... "Ich find das toll wie du dich um Emma k�mmerst. Ich hab ja so schrecklich viel mit dem Hotel zu tun." Theatralisch fuchtelte sie in der Luft herum. Ich nickte nur. Und leise fl�sterte ich: "Ja, und mit dir selbst." Sie h�rte das nicht.

Ich stieg die Treppen hoch um Emma zu helfen.

"Hat Mollys Mum angerufen?", fragte Emma und lief gesch�ftig durch ihr Zimmer um ihre Spielsachen zusammenzupacken.

"Ja, Kerry hat angerufen. Du kannst heute den ganzen Tag bei den McFaddens bleiben."

"Toll!" Ich l�chelte. Emma freute sich jedes Mal wenn sie zu Molly durfte. Sie f�hlte sich wohl bei den McFaddens. Wenn sie mal wieder da war , schw�rmte sie hinterher immer von dem riesigen Garten, und der Schaukel. Und von Mollys Dad, wenn er mal zu Hause war. Bryan spielte dann immer mit seinen 2 T�chtern, Molly und Lilly, und wenn Emma zu dem Zeitpunkt bei ihnen zu Besuch war, behandelte er sie wie seine eigene Tochter. Spielte mit ihr verstecken oder warf sie in den gro�en Swimming Pool. Ich war ihm und seiner Frau sehr dankbar, denn ich konnte mich auch nicht st�ndig um Emma k�mmern. Und Kerry hatte mir versichert, ich k�nnte Emma jederzeit vorbeibringen. Ich glaube, sie ahnte, dass hier zu Hause nichts mehr so war wie fr�her.

"Hi Jenna. Hey Emma, na, alle Spielsachen dabei?", fragte Kerry und ging vor Emma in die Hocke, die eine gro�e Tasche um die Schulter trug. "Hast ja ordentlich was eingepackt."

"Ja, ich glaube ich hab nichts vergessen", antwortete Emma mit der Ernsthaftigkeit einer fast 6-j�hrigen und lief dann an Kerry vorbei auf Molly zu, die gerade aus der K�che kam.

"Danke, dass Emma f�r heute hier bleiben darf", sagte ich an Kerry gewandt.

"Ach, kein Problem, du kannst sie ja schlecht mitnehmen wenn du Geburtstagsgeschenke f�r sie einkaufst", lachte diese. "Au�erdem ist Bryan da, und er hat sogar schon gefragt ob Emma heute kommt." Sie zwinkerte mir zu.

"Danke. Ja, dann hol ich sie heute Abend wieder ab."

"Brauchst du nicht, ich kann sie auch nach Hause bringen..."

"Nein", erwiderte ich schroff. Dann schaute ich zu Boden und sagte leise: "Ich hol sie dann so gegen 6. Bye!"

"Bye", h�rte ich Kerry noch, als ich das Tor hinter mir schloss und mich auf den Weg zur Grafton Street machte.

~

"Haben Sie das auch in rot? Dieses rosa ist ja h�sslich."

"Nein, tut mir Leid."

"Schade. Trotzdem danke."

Ich lief weiter an den riesigen Regalen vorbei. Ein Geschenk brauchte ich noch, etwas sch�nes, wor�ber Emma sich ganz sicher freuen w�rde... Langsam schritt ich durch die G�nge der Abteilung f�r Kinderbekleidung. Ein rotes Kleid hatte sie sich gew�nscht. Aber anscheinend gab es dieses Jahr keine roten Kleider. Es war voll in den Gesch�ften, kein Wunder, es war Samstag. Ich ging nicht gerne samstags einkaufen, aber es musste sein, denn unter der Woche hatte ich genug mit der Schule zu tun. Ich nahm ein blaues Kleid in die Hand und schaute auf die Gr��e. "Nee, zu klein..." Na wenigstens kannte ich Emmas Gr��e. Als meine Mutter mal einen guten Tag gehabt hat, hatte sie Emma einen Pullover aus der Stadt mitgebracht. Er war 5 Nummern zu klein gewesen.

Ich beschloss es f�r heute gut sein zu lassen und die Sachen, die ich bereits gekauft hatte schnell nach Hause zu bringen und dann Emma abzuholen.

~

"Hi, da bist du ja schon. Und, f�ndig geworden?" Kerry l�chelte mich an als sie die T�r �ffnete.

"Fast. Nur noch das rote Kleid, was sie sich so w�nscht, dann bin ich fertig."

"Na dann. Komm doch noch kurz rein, Bryan und die Kinder sind im Garten." Sie �ffnete die T�r ganz sodass ich eintreten konnte.

"Den Weg kennst du ja", grinste sie und verschwand wieder in der K�che, aus der ein Duft von leckeren Spagettis trat. Dass meine Mutter f�r uns gekochte hatte, war ewig her.

Ich ging ins Wohnzimmer und �ffnete die Terrassent�r. Ich konnte schon Emmas Lachen h�ren als ich hinaustrat und f�r einen Augenblick die Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht genoss. Ich war gerne in dem Haus der McFaddens. Bryan und Kerry waren so gl�cklich und Molly und Lilly hatten es so gut hier.

"Hi Jenna, hier sind wir... Hey du freches M�dchen, bleib hier! Na warte, dich krieg ich auch noch!" Bryan rannte Lilly hinterher und fiel extra oft auf die Nase. Seine Kinder und meine Schwester kriegten sich kaum noch ein vor Lachen. Auch ich musste grinsen. Emma f�hlte sich hier so wohl. Hier hatte sie genau das, was ihr zu Hause fehlte. Liebe, Geborgenheit, Spa�.

"Hallo. Hi Emma, Molly, Lilly!" Ich ging auf sie zu. Emma kam sogleich zu mir gelaufen und strahlte mich an. "Hier ist es so sch�n Jen", rief sie, "viel sch�ner als zu Hause." Z�rtlich strich ich ihr �ber die Haare und gab ihr einen Kuss. "Ich wei� S��e, ich wei�", sagte ich leise. Dann gab ich ihr einen Klaps und sie lief wieder zu Molly und Lilly.

"Hi", h�rte ich Bryan neben mir und ich l�chelte ihn an.

"Hi." Kaum zu glauben, dass dieser Mann, der vor mir stand, ein ber�hmter Popstar sein sollte, mit mehr Geld als manch anderer. In kurzer Hose und T-Shirt stand er vor mir. F�r mich war er immer nur mein Nachbar gewesen, vielleicht auch weil ich mit dem Namen "Westlife" reichlich wenig anfangen konnte. Er war mein Nachbar. Und der Vater der Freundin meiner Schwester.

"So Lil, du bist dran", rief er seiner Tochter zu, "mal gucken ob du deine Schwester f�ngst!" Lilly lief sofort los und lachte laut.

"Na, wie geht�s euch denn so?", fragte Bryan w�hrend er die 3 M�dchen beobachtete.

"Gut", antwortete ich. Verlegen schaute ich auf den Boden als ich Bryans kritischen Blick auf mir sp�rte. Doch er nickte. "Na dann." Er l�chelte. "Sag mal, habt ihr beiden nicht Lust noch zum Abendessen zu bleiben? Kerry hat bestimmt nichts dagegen."

"Nein, danke, ich hab eine Lasagne im Ofen und muss auch ganz schnell wieder los..."

"Sind denn deine Eltern nicht da?"

"Nein", war meine knappe Antwort bevor ich nach meiner Schwester rief. "Emma, komm, wir m�ssen nach Hause!"

Emma hielt augenblicklich inne und sah mich mit gro�en Augen an. "Ich will nicht nach Hause, ich will nicht zu Mum und Dad!" Sie verschr�nkte die Arme vor der Brust und funkelte mich an.

"Wir m�ssen jetzt aber gehen. Nun komm." Ich nahm sie an der Hand und suchte eilig ihre Sachen zusammen, die auf der Wiese verstreut lagen. Ich ignorierte die einzelne Tr�ne, die verstohlen �ber meine Wange rollte.

"Ich will nicht, ich will nicht!"

"Emma jetzt f�hr dich nicht so auf", schrie ich meine Schwester an und fasste sie noch fester an der Hand. "Tsch��, und danke f�r alles", rief ich Bryan zu und hoffte, dass er das Zittern in meiner Stimme nicht bemerkte. Ich zog Emma zum Gartentor und lief schnellen Schrittes mit ihr auf die Stra�e. Nun lie� ich meinen Tr�nen freien Lauf. Emma musste rennen um mit mir mithalten zu k�nnen. Sie sah mich mit traurigen Augen an und als sie meine Tr�nen bemerkte, lehnte sie ihren Kopf an meinen Arm und streichelte sanft meinen Handr�cken. Dankbar dr�ckte ich sie an mich und gab ihr einen dicken Kuss aufs Haar.

~

"Jenna, Em... Bryan? Wo sind denn Jenna und Emma hin?" Suchend lie� Kerry ihren Blick �ber den Garten schweifen.

"Sie sind weg", erwiderte Bryan mit nachdenklicher Miene. "Also irgendwas stimmt da nicht, Emma wollte gar nicht mehr weg von hier." Bryan legte seinen Arm um seine Frau und gab ihr einen Kuss. "Sie hat sogar gesagt, sie will nicht zu Mum und Dad."

Kerry seufzte. "Ich wei�, ich mach mir ja auch schon Gedanken. Das ist doch nicht normal, Jenna ist gerade mal 16 und k�mmert sich um ihre Schwester als w�re es ihr eigenes Kind. Die Eltern habe ich auch schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Ich hab das im Auge Bryan, keine Sorge." Kerry befreite sich aus Bryans Umarmung. "So, und jetzt wird gegessen. Molly, Lilly? Essen!"

~


"Ich komm doch bald wieder meine S��e! Das ist doch nur ein kleiner Ausflug!"

"Trotzdem", erwiderte meine Schwester trotzig und dr�ckte mir ihren Pl�schhund namens Strubbel in die Hand.

Ich l�chelte und strich Emma �bers Haar. "Und an deinem Geburtstag bin ich ja wieder da. An dem Tag wo du dann ein ganz gro�es M�dchen bist!" Emma nickte heftig und ihre Haare flogen ihr um die ger�teten Wangen.

Meine Klasse hatte einen kleinen Ausflug nach Galway geplant, an dem ich nicht fehlen wollte. Ich hatte nie viel Zeit f�r meine Freunde, weil ich mich st�ndig um Emma k�mmerte, und ich wollte diese 2 Tage nutzen um mit ihnen zusammen zu sein. Trotzdem spukte mir der Gedanke im Kopf herum, dass Emma 2 Tage alleine w�re, alleine mit meinen Eltern. Ich hatte Angst, dass meine Mutter vielleicht wieder...

Es war Freitag Morgen. Ich hatte meine Sachen schon gepackt. Es war nicht viel, nur f�r eine �bernachtung. Samstag Nacht w�rde ich zur�ck sein, die Nacht vor Emmas 6. Geburtstag. Sie freute sich riesig darauf.

Mir war nicht wohl dabei, Emma hier zu lassen. Ich hatte Angst um sie. Meine Mutter hatte sie schon einmal geschlagen als ich nicht da war. Betrunken war sie sp�t nachts nach Hause gekommen und Emma hatte schlecht getr�umt und geweint und war zu unserer Mutter gelaufen... Als ich dann heimgekommen bin, lag Emma unter ihrer Decke verkrochen, weinend in ihrem Bett, ihren Pl�schhund Strubbel fest im Arm. Da habe ich mir geschworen, nie wieder w�rde ich nachts weggehen. Nie wieder.

"Und am Sonntag wollen wir ja noch in den Zoo. Und an unseren See mit den kleinen Entchen. Wir d�rfen nur diesmal das Brot zum f�ttern nicht vergessen. Denkst du dran?"

"Ja." Emma nickte.

"Und wir sollen an deinem Geburtstag �brigens zu den McFaddens kommen. Molly hat mir ins Ohr gefl�stert, dass sie mit ihrer Mummy zusammen ein Geschenk f�r dich gekauft h�tte..."

"Echt? F�r mich? Ein Geschenk? Ein Geschenk f�r mich, ein Geschenk f�r mich!", rief Emma und h�pfte durch ihr Zimmer.

"Hey, freu dich mal nicht zu fr�h, bis Sonntag musst du dich noch gedulden."

"Ein Geschenk, ein Geschenk!", lachte Emma unbek�mmert weiter. Ich fasste ihre H�nde und ging vor ihr in die Hocke. "Und von mir bekommst du doch auch noch was." Liebevoll stupste ich ihr auf ihre kleine, von Sommersprossen bedeckte, Nase. Emma lachte und fiel mir um den Hals. "Bis Sonntag Jenna!"

"Bis Sonntag meine Kleine. Ich komm dann auch noch zu dir rein, versprochen!"

"Und vergiss mich nicht, ja?"

"Wie k�nnte ich?" Ich l�chelte, doch im Inneren war mir nicht nach L�cheln zu Mute. Ich gab ihr einen dicken Kuss und umarmte meine Schwester noch einmal. Dann schnappte ich mir meinen Rucksack und meine Tasche. Emmas Pl�schhund trug ich. In die Tasche stecken durfte ich ihn nicht, er bekam darin ja keine Luft, meinte Emma.

"Tsch�h��!"

"Tsch�� S��e!" Ich warf ihr einen Luftkuss zu bevor ich langsam die T�r hinter mir schloss. Ich seufzte und stieg die Treppen hinunter. Mein Vater m�sste noch hier sein, er hatte heute frei und einer musste ja wegen Emma zu Hause sein. Aber ich verabschiedete mich nicht von ihm. Er hatte sich viel zu sehr von mir entfremdet.

Ich nahm einfach nur meine Jacke vom Haken, den Schl�ssel vom Tisch und ging aus dem Haus. Als ich am Gartentor angekommen war, drehte ich meinen Kopf und warf einen Blick nach oben. Emma stand am Fenster und winkte fr�hlich. Wahrscheinlich dachte sie immernoch an ihre Geschenke, die sie am Sonntag bekommen w�rde. Ich zwinkerte ihr zu. Dann �ffnete ich das Gartentor und �berquerte die Stra�e. Ein letztes Mal schaute ich in Emmas strahlendes Gesicht, winkte mit Strubbel in der Hand und lief dann zur Bushaltestelle. Ich musste mich beeilen, mein Bus w�rde in wenigen Minuten kommen...

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Leise schloss ich die Haust�r auf. Ich war m�de, es war 11 Uhr nachts, und ich sehnte mich nach meinem warmen Bett. Es war anstrengend gewesen, aber sch�n. Ich hatte es genossen mit meinen Freunden zusammen zu sein, Spa� zu haben und keine Verantwortung tragen zu m�ssen. Dennoch hatte ich Emma sehr vermisst und ich freute mich umso mehr sie wieder zusehen.

Durch den Spalt der angelehnten T�r des Wohnzimmers, sah ich Licht brennen. Und einen kurzen Moment sp�rte ich insgeheim den Wunsch, meine Eltern w�rden auf mich warten.

Ich stellte meine Tasche auf den Stuhl im Flur und h�ngte meinen Mantel an die Garderobe. Dann nahm ich Strubbel, den ich ganz nach oben in meine Tasche gepackt hatte, heraus und fl�sterte: "Gleich kommst du wieder zu deiner Emma."

Als ich mich umdrehte um die Treppen hochzulaufen, stand mein Vater im T�rrahmen. Ein Glas Cherry in den H�nden. Ich schaute ihn an, und pl�tzlich bekam ich ein Gef�hl, das ich zuerst nicht recht zuordnen k�nnte. Vielleicht die Vorfreude auf morgen, Emmas Geburtstag, der einer ihrer sch�nsten werden sollte. Vielleicht war es die Freude, dass mein Dad mich empfing. Vielleicht war es Angst, dass er mich empfing.

"Was machst du schon hier? Wir dachten du kommst erst morgen!"

Und weg war es, das Gef�hl erwartet zu werden.

"Nein", antwortete ich ruhig. Ich war nicht w�tend, und auch nicht sauer, ich war entt�uscht. Trotzdem lie� mich der Blick meines Vaters zittern. Meine H�nde wurden kalt und unbewusst dr�ckte ich Strubbel an mich. Was war hier los?

"Jenny, kommst du mal bitte? Wir m�ssen dir etwas sagen." Er deutete mir ins Wohnzimmer zu kommen. Seine Stimme war ausdruckslos. Er nannte mich Jenny. Erst jetzt bemerkte ich die Ringe unter seinen Augen. Und nun wusste ich, was das Gef�hl zu bedeuten hatte. Ich atmete schwer, und mein Blick folgte meinem Vater ins Wohnzimmer. Doch anstatt ihm zu folgen, drehte ich mich auf dem Absatz um und rannte die Treppen hinauf. Der Weg bis in den 1. Stock schien mir unendlich.

Ich lief zu meinem Zimmer und stie� die T�r auf. Mein Blick wanderte �ber die Schr�nke, �ber das Bett, doch ich konnte keine Emma entdecken. Mein Bett war zerw�hlt, sie hatte wohl hier geschlafen, doch sie lag nicht darin. Mein Atem ging immer schwerer und mir wurde gleichzeitig hei� und kalt. Ich rannte den Gang entlang zu Emmas Zimmer. Die T�r stand offen und ich kam erst in der Mitte des Raumes zu stehen. Hektisch schweifte mein Blick durch den Raum. Spielsachen waren auf dem Boden zerstreut und lie�en mich einen Augenblick die Augen schlie�en und hoffen, Emma gleich zwischen B�llen, Puppen und Figuren zu entdecken. Fr�hlich lachend w�rde sie mir um den Hals fallen. Doch es geschah nicht. Emma war nicht hier.

"Jenna...", h�rte ich eine Stimme hinter mir und ich schnellte herum. Meine Eltern.

"Jenna, wir..."

"Was habt ihr mit ihr gemacht? Was habt ihr mit Emma gemacht? Wo ist sie? Sagt mir verdammt nochmal wo Emma ist!", schrie ich und meine Augen funkelten sie an. Meine Beine zitterten und meine Finger krallten sich in Strubbel fest. Doch ich sp�rte nichts davon. Ich sp�rte nur die Angst, die sich in mir ausbreitete und immer gr��er wurde. Die Angst um meine kleine Schwester.

Mein Vater kam n�her, doch ich wich zur�ck. Er senkte den Kopf und fing an zu sprechen: "Wir haben das nicht gewollt, das musst du uns glauben", sagte er leise und tonlos, doch dann hob er energisch den Kopf und warf einen vorwurfsvollen Blick zu meiner Mutter. "Sie ist an allem Schuld. Sie hat alles kaputt gemacht!", rief er.

"Ich?!" Meine Mutter lachte.

"Ja du! Du bist betrunken nach Hause gekommen! Du hast Emma geschlagen! Du bist schuld, dass Emma tot ist!"

~

Dann war Stille. Mir war, als h�tte man mir den Boden unter den F��en weggezogen. Meine Finger hatten pl�tzlich keine Kraft mehr. Strubbel fiel auf den Boden, inmitten von Emmas anderen Sachen. Tr�nen sammelten sich in meinen Augen, doch ich weinte sie nicht. Diesen Triumph wollte ich meinen Eltern nicht g�nnen. Nie!

Meine Mutter sah meinen Vater b�se an, doch der zog nur den Kopf ein.

"Es... es tut mir Leid", brachte er hervor.

Dieser eine kleine Satz reichte mir. "Raus", schrie ich. "Raus! Raus!" Ich schrie so laut ich konnte. V�llig hysterisch trommelte ich mit meinen F�usten auf den R�cken meines Vaters. Jetzt lie�en sich auch die Tr�nen nicht mehr zur�ckhalten. Unaufhaltsam liefen sie �ber mein Gesicht, tropften auf den Pullover meines Vaters. Doch ich hatte keine Kraft mehr um ihm das heimzuzahlen, was mein Leben, und das von Emma zerst�rt hatte.

Sie verlie�en das Zimmer und schlossen die T�r hinter sich.

Ich lie� meine Arme sinken und schloss die Augen. Ich verbarg den Kopf in meinen H�nden und weinte. Weinte Tr�nen, die wohl auch Emma geweint haben musste, bevor ihr kleines Leben zu Ende ging. Ich weinte, bis meine Beine nachgaben und ich langsam auf den Boden sank.

~

Es war dunkel. Au�er ein paar Silhouetten der Schr�nke, des Betts, der Spielsachen auf dem Boden, konnte man nichts erkennen.

Ich sa� auf Emmas Bett, in der Bettdecke eingerollt, die Emmas Geruch angenommen hatte, das Blatt Papier in den H�nden haltend starrte ich in die Dunkelheit. Ich f�hlte nichts. Nur die Leere. Doch, vielleicht f�hlte ich Trauer, vielleicht auch Wut. Wut auf diese Welt, und auf dieses Leben.

Er hatte versucht mir weiszumachen, er w�re nicht schuld. Sie w�re schuld, nicht er. Er h�tte das nicht gewollt.

Es war ein Schock gewesen. Ich w�rde dieses Bild nie vergessen. Wie wir alle in Emmas Zimmer standen, und nur Emma fehlte. Wie meine Eltern sich gegenseitig Vorw�rfe machten. Wie er schrie, dass Emma tot sei. Dass meine Schwester tot sei!

Man hatte mir den Halt, den Sinn um dieses Leben zu leben, genommen. Einfach so. Man hatte mir meine Emma weggenommen. Sie war alles f�r mich gewesen. Nicht nur meine Schwester. Ich hatte sie geliebt, mehr als ich je einen Menschen h�tte lieben k�nnen. Sie war meine kleine Emma gewesen. Das kleine blonde M�dchen, mit den blauen Augen und dem Strahlen im Gesicht. Das M�dchen, das mich an den Rand des Wahnsinns getrieben hatte, als sie unbedingt einen Hund hatte haben wollen. Das M�dchen, das auf der Schaukel gesessen und unaufh�rlich gelacht und "H�her! H�her!" geschrieen hatte. Das M�dchen, das nie ohne eine Gute Nacht-Geschichte von mir eingeschlafen war. Das M�dchen, das meine Schwester gewesen war. Und es f�r immer bleiben wird.

Drau�en wurde es heller. Die Sonne ging auf. Mitternacht war schon lange vorbei. Emma w�re schon ein paar Stunden lang 6 Jahre alt gewesen. Wenn sie nicht gestorben w�re. Wenn sie nicht diesen Autounfall gehabt h�tte. Mein Vater hatte mir noch alles erz�hlt. Ich hatte es wissen wollen.

Meine Mutter war betrunken gewesen. Sie hatte Emma geschlagen, als sie etwas zu trinken haben wollte. Emma hatte angefangen zu weinen, war in ihr Zimmer gerannt. Mein Vater hatte von all dem nichts mitbekommen. Er war nach Hause gekommen, als man ein paar Meter entfernt Reifen quietschen h�ren konnte. Emma war vor ein Auto gelaufen. Ein Auto, das auf der Stra�e gefahren war, die man �berqueren musste um zu Molly zu gelangen. Die gro�e Stra�e, die kaum beleuchtet war.

Emma war sofort tot gewesen.

Eine Tr�ne tropfte auf das Papier. Die Farben verschwammen vor meinen Augen und ich konnte kaum etwas erkennen. Trotzdem wusste ich, was gemalt war. Ich hatte dieses Bild die ganze Nacht lang in den H�nden gehalten, immer und immer wieder angeschaut. Emma hatte das Bild f�r mich gemalt. Es hatte auf ihrem Bett gelegen. Sie hatte mir damit zeigen wollen, wohin ich musste, um ihr mein Geschenk zu geben. Ihr Geburtstagsgeschenk.

Sie hatte sich so auf ihren Geburtstag gefreut, warum sollte sie ihn nicht erleben? Warum?

Sie hatte Molly, mich und sich selbst neben einen gro�en, blauen See gemalt, indem Enten herum schwammen. Neben ihr lagen zwei, in buntem Geschenkpapier eingepackte Geschenke. Eins von Molly, und eines von mir. Wir hatten alle zu dem See kommen sollen, sie wollte dort auf uns warten. Es war die Fantasie eines kleinen M�dchens gewesen, mit der sie der Realit�t in Form unserer Mutter entfliehen wollte.

Sie hatte sich diesen Tag so sch�n vorgestellt, sie wollte mit mir und Molly ihren Geburtstag feiern, um jeden Preis. Sonst h�tte sie nicht vorgehabt am See zu warten. Die ganze Nacht. Warum hat man ihr das Gl�ck nicht geg�nnt? Warum musste sie ein paar Stunden vor ihrem ersehnten 6. Geburtstag sterben? Warum?

Ich sackte kraftlos in mich zusammen. Die Tr�nen rannen mir nur so vom Gesicht. Ich zog meine Beine fest an meinen K�rper und vergrub meinen Kopf in Emmas Kopfkissen und weinte, bis mich selbst zum Weinen die Kraft verlie� und Emmas Bild lautlos auf den Boden fiel.

~

Es war ein grauer Tag. Schwere Wolken hingen am Himmel und lie�en keinen Sonnenstrahl durch. Gelegentlich fielen ein paar Regentropfen herunter auf die Erde. Es war ein Tag, wie er meine Stimmung beschrieb. Genauso sah es in mir aus. Grau. Dunkel.

Eine Woche war seit Emmas Tod vergangen. Ein paar Stunden vor ihrem Geburtstag war sie gestorben. Und ich hatte bis heute nicht verstanden warum. Warum sie? Warum Emma?

Heute fand die Beerdigung statt. Mit einigem Abstand lief ich den Menschen langsam zu Emmas Grab hinterher. Es waren Menschen da, die ich nicht kannte. Es waren Familienangeh�rige da, die sich nie um Emma gek�mmert hatten und jetzt meinten, sie k�nnten ihr Vers�umnis mit ihrer Anwesenheit auf Emmas Beerdigung wieder gutmachen.

Ich bekam nicht mit was der Pfarrer sagte, als ich abseits von den anderen stand. Oder was meine Eltern sagten. Ich wollte die sch�ngeredeten Worte gar nicht h�ren. Und ich wollte meine Eltern genauso wenig sehen. Wie sie mit traurigem Gesichtsausdruck da standen, neben ihren tollen Gesch�ftsfreunden. Vielleicht bereuten sie wirklich, was sie getan hatten und wollten alles wieder gutmachen. Aber sie w�rden, das, was sie angerichtet hatten, nie wieder gutmachen k�nnen. Niemals!

Ich starrte nur auf Emmas Grab. Die vielen bunten Blumen, die darauf lagen... Die sch�n verzierten B�nder, die daran hingen und auf denen Erinnerungen wie "Emma, wir werden dich nie vergessen" oder "Wir lieben dich!" geschrieben standen. Pl�tzlich liebten sie Emma alle, aber gek�mmert hatten sie sich nie um sie.

Nach und nach verlie�en alle das Grab und den Friedhof. Sie warfen mir mitleidige Blicke zu als sie an mir vorbeiliefen. Manche versuchten mich zum Mitkommen zu bewegen, doch ich wollte nicht.

Als alle weg waren, ging ich langsam vor dem Grab in die Hocke. Strubbel hielt ich fest in meinen H�nden. Bed�chtig strich ich �ber ihren Namen, der mit verzierten Buchstaben in den Grabstein eingraviert war. Ein rotbrauner Stein mit goldener Schrift. Und selbst dar�ber hatten meine Eltern sich gestritten.

Behutsam legte ich meine rote Rose auf den Berg von Blumen. Eine einzige rote Rose sagte mehr als alles andere.

"Ich liebe dich meine Kleine", fl�sterte ich leise und eine weitere Tr�ne vermischte sich mit den Regentropfen, die vom Himmel fielen. Ich dr�ckte Strubbel fest an mich. "Ich pass auf ihn auf Emma", sagte ich kaum h�rbar. "Ich versprech�s dir."

"Und ich pass auf dich auf." Dies sagte eine Person, die entfernt von mir neben einem Baum stand und ein, in buntem Papier eingepacktes, Geschenk in den H�nden hielt und vorsichtig das Papier ein St�ck zur Seite schob und ein Regentropfen auf den roten, weichen Stoff fiel.

Es war Kerry.

~

Die Stra�en von Dublin waren verlassen. Es war sp�t. Den ganzen Tag war ich durch die Stadt gelaufen. Ich hatte nicht gewusst, wohin ich gehen sollte. Auf keinen Fall wollte ich nach Hause, nicht all den Leuten begegnen, die mich in den Arm nahmen um mir ihr herzlichstes Beileid auszusprechen. Ich wollte sie alle nicht sehen, keinen einzigen von ihnen.

Ich hatte eine Zeit lang am See verbracht, Emmas See, und ins Wasser geschaut, die kleinen Enten beobachtet. Und nachgedacht, �ber mein ganzes verdammtes Leben.

Ich wusste nicht genau, wo ich jetzt war. Wahrscheinlich irgendwo au�erhalb von Dublin. Ich war einfach nur gelaufen, ohne zu registrieren wohin.

Ich fand mich auf einer Br�cke wieder. Ich konnte ich nichts erkennen, so dunkel war es, aber ich konnte Wasser flie�en h�ren. Alles war so schwarz und dunkel und unheimlich. War es denn schon so sp�t?

Ich steckte die H�nde in meine Jackentaschen und ging einfach weiter. Tr�nen, die ich weinen konnte, hatte ich schon lange nicht mehr.

Wie ich so langsam auf der Br�cke entlang ging, einen Schritt vor den anderen setzte, h�rte ich Stimmen. Wirre Stimmen, die durcheinander auf mich einredeten:

"Sie ist schuld!" "Jenna, h�r mir zu..." "Emma ist tot..." "Es tut und Leid..." "Jenna, vergiss mich nicht!"

Ich hielt mir die H�nde �ber die Ohren und sch�ttelte heftig den Kopf. Ich wollte die Stimmen nicht h�ren, ich wollte das nicht alles noch einmal miterleben!

"Ihr seid Schuld!", schrie ich in die Dunkelheit. "Ihr alleine seit schuld, dass Emma tot ist!" Meine Stimme versagte und ich zitterte am ganzen K�rper. Langsam nahm ich meine H�nde runter. "Ich kann nicht mehr", weinte ich. "Ich kann einfach nicht mehr."

"Jenna..." Ich schrak auf und wirbelte herum. Ich hatte nicht gewusst, dass jemand hier war...

"Bryan?" Ich konnte nur seine Umrisse erkennen, doch ich wusste, dass er es war. Ich wusste es einfach.

"Jenna, komm mit mir. Wir gehen zu mir nach Hause. Dir muss doch schrecklich kalt sein! Kerry macht dir was warmes zu essen und... Aber bitte, komm zu mir!"

"Warum?"

Er gab mir keine Antwort.

"Warum verdammt nochmal?", rief ich. Ich fing kraftlos an zu weinen und vergrub mein Gesicht in den H�nden.

Bryan kam langsam n�her. "Weil die Br�cke hier eine Baustelle ist", sagte er ruhig. "Sie hat kein Gel�nder mehr an den Seiten und h�rt abrupt auf! Jenna, bitte, bitte komm zu mir!" Er streckte seine Hand aus.

Ich hob den Kopf. Die Tr�nen rollten weiter �ber meine Wange. Wieder dr�ckte ich Strubbel an mich. Ich hatte ihn den ganzen Tag nicht losgelassen. Er war das einzige, das mir von Emma noch blieb.

Meine Stimme war gefasst als ich sagte: "Wei�t du Bryan, mir schwirrt so viel im Kopf herum. Fragen, auf die ich keine Antwort wei�. Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Und Fragen, auf die es nur eine Antwort gibt."

"Jenna, komm..."

"Die Frage ist, wie ich ohne Emma weiter leben soll. Und darauf gibt es nur eine einzige Antwort: gar nicht."

Und bevor Bryan reagieren konnte, rannte ich in die entgegen gesetzte Richtung. Und sprang.

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