Until the sun will go down
Tr�ume nicht dein Leben!
Lebe deinen Traum!
Die Sonne ist schon ein roter Ball. Bald wird sie im Meer versinken und alles wird dunkel werden. Es wird nicht mehr lange dauern, dann ist sie nur noch ein halber Ball, dann noch weniger, aber ein wenig Zeit bis dahin bleibt mir noch und ich glaube, ich habe Zeit, meine Geschichte zu erz�hlen.
Jetzt kann es nicht mehr lange dauern. Eigentlich h�tte ich es nicht h�ren sollen, aber ich h�rte es, als der Arzt es meiner Mutter erz�hlte. Ich wei�, dass lauschen sich nicht geh�rt, aber wer von uns hat es noch nicht getan und au�erdem ging es hier um mich und ich fand es unm�glich, dass ich nicht die Erste war, die es erfuhr. Nein, es war meine Mutter und h�tte ich es nicht geh�rt, dann h�tte es die ganze Welt gewusst, ohne dass man mir was erz�hlt h�tte.
Ich kann nicht behaupten, dass der Arzt meiner Mutter Mut machte. Nein, er sagte es, als w�re ich ein Gegenstand, der nun mal irgendwann kaputt geht. Nicht zu fassen, dass ich mir so etwas gefallen lassen musste. Aber nein, ich konnte nicht einmal aufstehen und dem Arzt an die Gurgel springen. Ich konnte ihm blo� durch den T�rspalt hindurch ansehen, wie er keine Miene verzog, nicht mal Mitleid zeigte, als er es sagte. Ich lag in meinem Bett und konnte die Beine nicht bewegen. Wieso war ich denn noch hier? Es brachte ja doch nichts. Ich wollte keine f�nf Minuten l�nger hier bleiben, nicht mit diesem Menschen, den es wahrscheinlich nicht mal k�mmerte, was in mir oder meiner Mutter vorging.
Sie war sofort gegangen, als sie es geh�rt hatte. Sie hatte es wohl an diesem Tag nicht mehr gewagt, mir unter die Augen zu treten. Die Tr�nen waren vielleicht sp�ter gekommen, als sie realisiert hatte, was sie da eben gesagt bekommen hatte.
Ich schloss die Augen und schluckte. Sechszehn Jahre waren verdammt viel, wenn man sich �berlegte, was man in sechszehn Jahren alles machen konnte. Sechszehn Jahren waren aber verdammt wenig, wenn es davor und danach gar nichts gab und andere Leute achtzig Jahre Zeit hatten. Sechszehn Jahre, das war unfair.
Den Rest des Tages verbrachte ich alleine. Zweimal schellte das Telefon, aber ich ging nicht dran. Ich nahm jedes Mal den H�rer kurz in die Hand und legte ihn wieder auf die Gabel, damit das l�stige Schellen aufh�rte. W�re doch blo� der Arzt reingekommen. Dann w�re jemand da gewesen, den ich h�tte anschreien k�nnen. Ich wollte schreien, alles rausschreien, was rausmusste, aber es ging nicht. Stattdessen lag ich stumm auf meiner kaputten Wirbels�ule und starrte die wei�e Wand gegen�ber an.
Drau�en d�mmerte es bereits, als ich den Blick von der Wand l�ste und hin�ber zum Fenster schaute. Ein zartes Rosa zog sich �ber die Schleierwolken am Himmel. Darunter sah ich einen blauen Streifen, den Horizont. Hier oben aus dem siebten Stock konnte ich das Meer und davor noch ein paar Giebel Dublins sehen. Leider nur ein St�ck von der Stadt, die ich so sehr liebte und vielleicht... bestimmt nie wieder sehen w�rde.
Das Rosa hatte sich in ein wundersch�nes und kr�ftiges Rot verwandelt. Im Westen Irlands ging gerade die Sonne unter. Ich stellte mir einen Sonnenuntergang vor, von denen ich so viele gesehen hatte. Der rote Feuerball versank langsam im Meer, f�rbte alles rot, was sich in der N�he befand und nahm die W�rme, die �berall gelegen hatte mit sich, um sie am n�chsten Morgen wieder auszupacken.
Wie viele Morgen w�rde ich noch erleben?
Ich konnte es nicht sagen und deshalb war mein letzter Wunsch in diesem Moment, dass ich noch einmal einen Sonnenuntergang sehen k�nnte. Nur noch einen.
Ich hatte lange �ber diesen Wunsch nachgedacht und das Rot vor meinem Fenster nur noch schwach wahrgenommen. Jetzt, wo ich wieder nach drau�en schaute, war es verschwunden. Der Himmel war dunkelblau und die Nacht war sternenklar. Die ersten Sterne funkelten schon und ich konnte den Mond sehen, der silbrig am Himmel stand und wenigstens ein wenig Licht spendete. Beruhigt dar�ber, dass diese sch�nen Sachen nie vergehen w�rden, schloss ich meine Augen und lie� alles, was mich bedr�ckte, hinter mir.
Als ich wieder aufwachte, war es immer noch dunkel. Der Mond stand immer noch am Himmel. Ich wusste nicht, wie viel Uhr es war, aber es musste mitten in der Nacht sein. Der Himmel war noch dunkler als zuvor und den schimmernden Ring aus Licht, der sich um den Mond herumzog, konnte man noch deutlicher erkennen. Ich betrachtete ihn eine Weile und geriet ins Schw�rmen.
Ich wurde erst wieder aus meinen Gedanken gerissen, als es an der T�r klopfte. So sp�t in der Nacht? Das war nahezu unm�glich und wenn es wieder einer dieser �rzte war, dann war es auch noch unversch�mt. Ich rief nicht herein, sondern zog meine Decke weiter hoch. Gleich w�rde es wieder klopfen und dann wieder... Es klopfte nicht ein weiteres Mal. Die T�r wurde sofort ge�ffnet.
In der T�r stand eine Gestalt, die ich nicht sofort erkennen konnte. Sie stand eine Weile im T�rrahmen, dann kam sie auf mich zu.
"Gib mir deine Hand", fl�sterte sie und ich konnte erkennen, wie die Gestalt mir den Arm entgegenstreckte. Ich war zerrissen, ob ich es tun sollte oder nicht. Ich kannte die Person nicht und f�hlte mich ein wenig ver�ppelt, andererseits h�tte ich zu gerne die Hand ergriffen und mich hochgezogen, wer auch immer diese Person war, die da mitten in der Nacht in mein Zimmer spazierte, obwohl die Besuchszeit l�ngst vorbei war.
"Gib mir deine Hand", wiederholte die Person etwas lauter und beugte sich weiter nach vorne.
Ich fing an zu wimmern. "Ich... ich kann doch nicht... es geht nicht...", weinte ich und zog die Decke noch h�her, so, dass ich noch gerade �ber den Rand hinwegschauen konnte.
"Es geht", sagte die Stimme und zog an der Decke. "Du kannst es!"
Die Stimme wurde fester und lauter. "Du kannst es", sagte sie wieder und das gab mir Mut. Mein Gegen�ber wusste, was es wollte und ich wusste, dass es richtig war. Ich schlug die Decke ein St�ck weit zur�ck und nahm meine Hand hoch. Ich erfasste den Arm, bevor er wieder zur�ckgezogen werden konnte, und zog mich daran hoch. Ich blinzelte und versuchte zu erkennen, wer es war, der mich da so ermutigte, aber ich konnte nichts sehen, au�er einem schwarzen Umriss. Wenn es doch blo� ein wenig heller w�re. Keine Zeit, sich dar�ber Gedanken zu machen.
"Jetzt steh auf und komm mit", sagte die Stimme und in dem Moment lie� ich die Hand los und mich zur�ck in die Kissen gleiten. Es war unfair, mich zu so etwas aufzufordern. Ich konnte nicht laufen und ich w�rde es nie wieder k�nnen. Ich w�rde sowieso nie wieder etwas tun k�nnen.
Die Person beugte sich noch weiter nach vorne und ergriff meinen Arm, um mich wieder hochzuziehen.
"Steh auf!"
Ich wollte mich wehren, aber diesmal packte die Hand fester zu und lie� mich nicht wieder los. Sie zog weiter, bis ich aufrecht im Bett sa� und nicht wusste, was ich machen sollte. Ich konnte gar nichts machen, ich konnte mich lediglich um die Schmerzen in meinem Handgelenk k�mmern, die wohl auch nicht aufh�ren w�rde, wenn mein Gegen�ber mich nicht sofort loslie� und sich verzog. Ich hatte keine Lust mehr auf diese bl�den Scherze.
"Verdammt, steh auf", sagte die Stimme wieder und das nicht zu freundlich und bittend. Wahrscheinlich w�rde die Geduld dieser Person irgendwann ausgehen, dachte ich. Falsch gedacht. Es gab immer noch Leute, die hatten immer in den v�llig falschen Momenten viel zu viel Geduld. Mit einem Ruck wurde ich wieder hochgezogen. Ich konzentrierte mich auf meine Beine, die seit Wochen schlaff und leblos dalagen. Nie h�tte ich mir ertr�umen lassen, dass ich je wieder etwas in ihnen sp�ren w�rde, aber ich tat es. Vorsichtig bewegte ich den gro�en Zeh, dann das Knie.
Ich hob es an und bewegte es �ber die Bettkante. Als ich es auf den grauen Linoleumboden des Krankenhauses stellte, bekam ich ein wenig Angst und wollte es zur�ck ziehen, aber wieder wurde ich festgehalten. Da setzte jemand alles daran, dass ich aufstand und deshalb tat ich es, immer mit dem Gedanken im Kopf, dass ich gleich umkippen und auf den Boden fallen w�rde. Erst als ich aufrecht dastand, lie� die Hand mich los. Ich kippelte, blieb aber stehen. Jetzt wollte ich aber wissen, wer mir da gegen�ber stand, aber als ich mich umschaute, war da niemand mehr.
Ich stand in der Dunkelheit und dachte an Halluzinationen, als ich hinter mir ein leises Poltern h�rte. Es kam vom Schrank und als ich mich umdrehte kam der Jemand mir mit ein paar Klamotten entgegen.
"Zieh dir was an, es ist ganz sch�n kalt, so sp�t in der Nacht."
Ich nickte. Ich war zu geschockt, um etwas zu sagen. Wenn der Jemand mit mir weggehen wollte, dann w�rde er es tun und ich w�rde viel zu verwirrt sein, um nein zu sagen oder mich zu wehren. Ich nahm den Pulli und die Hose und zog die Klamotten an. Dann suchte ich meine Schuhe und stieg mit den F��en hinein. Als ich damit fertig war, hatte der Jemand schon die T�r ge�ffnet und winkte mir, mitzukommen. Ein kurzer Gedanke an den Arzt und die schrecklichen Sachen, die ich an diesem Ort erlebt hatte, lie�en mich sofort zur T�r hinauslaufen. Ich folgte der Person durch viele Flure. Sie lief ernorm schnell und erst an den Aufz�gen konnte ich sie einholen. Ich sah noch, wie die Person den Aufzugknopf dr�ckte, worauf ein kleines Licht an der Wand erleuchtete, und sich dann entspannt an die Wand lehnte, um auf den Aufzug zu warten.
Ich lief die letzten Meter zum Aufzug, wobei die schwache Beleuchtung an der Decke kaum erkennbare Schatten auf mein Gesicht warf. Ruhig und gelassen wartete die Person auf mich, doch ich w�rde sie nicht l�nger "Die Person" nennen m�ssen, denn im schwachen Licht, dass sich durch den ganzen Flur zog, konnte ich endlich erkennen, mit wem ich es zu tun hatte.
"Bryan", schrie ich, als er mir in die Augen schaute und l�chelte.
Ein heftiges R�tteln an der Schulter und entferntes Stimmengewirr weckten mich. Ich schlug die Augen auf und musste sie sofort wieder schlie�en, weil die Sonne, die von drau�en durch das Fenster schien, mich blendete. Und das erste, was ich sah, als ich mich an die Helligkeit gew�hnt hatte, waren die Augen des Arztes.
"Du hast gleich eine CT", war das erste, was er mir entgegenschmiss.
"Eine CT?", fragte ich ungl�ubig. Wozu sollte das denn jetzt noch gut sein. Ab jetzt hatte sowieso gar nichts mehr einen richtigen Sinn und war doch blo� dazu da, um noch zehn Mal festzustellen, dass alles dreifach sinnlos war. Doch der Arzt nickte grinsend, als ich ihn ungl�ubig und fragend anstarrte.
"Ja, wenn du deine Beine bald wieder bewegen willst..."
Ich zuckte zusammen, aber auf die Frage des Arztes, was denn los sei, sagte ich nichts. Er wusste selber, dass er mich anlog, das brauchte ich ihm nicht zu sagen, indem ich ihm eine knallte und deshalb lie� ich es. Ich hatte sowieso nichts mehr zu sagen. Die kleine Welt, die sich im Moment um mich drehte, wurde immer kleiner und verlogener. Die Einzige, die die ganze Wahrheit wusste, die war ich und wenn das so weiterging � und lange w�rde es nicht mehr dauern, dann w�rde es gar nicht mehr weitergehen � dann w�rde ich auf ewig die Einzige bleiben, die wusste, was in meinem Kopf vorging und vorgegangen war.
Der Arzt war der schlimmste. Ich f�hlte mich wie ein kleines Kind. Gro� genug, um die Wahrheit zu verstehen und zu klein, um sie zu vertragen. Zumindest wurde ich so behandelt. Zudem hatte er mich gerade aus einem der sch�nsten Tr�ume geholt, die ich je gehabt hatte. Vielleicht... ja, wahrscheinlich der letzte sch�ne. Vielleicht auch der letzte �berhaupt. Wer wei�, vielleicht war es meine letzte Nacht auf dieser Welt gewesen. Ich wusste es nicht.
Ich hatte lediglich meine Wunschliste, auf der bis jetzt nur ein Sonnenuntergang stand, um einige Punkte erweitert. Ich wollte pl�tzlich so viel. Viel zu viel.
Ich schob die Gedanken an meine W�nsche beiseite. Eigentlich schob sie der Arzt zur Seite, als er mich mit aus dem Zimmer nahm. Stumm lag ich in meinem Bett und sagte gar nichts. Dieser Wei�kittel w�rde es sowieso nicht verstehen. Er verstand gar nichts. Das einzige, was er so ungef�hr ausgerechnet hatte war, dass er bald einen Patienten weniger haben w�rde. Einen unwissenden Patienten, der doch so viel mehr wusste, als er selbst, wo er doch nicht mal wusste, was ich wusste.
Am Mittag war ich wieder in meinem Zimmer. Niemand war vorbei gekommen. Meine Mutter kam meistens nachmittags, wenn sie mit der Arbeit fertig war und auf meine Klassenkameraden brauchte ich auch nicht zu warten. Die sa�en in der Schule und b�ffelten irgendwelche Formeln. Formeln, die hatte wohl auch der Arzt zu viele gelernt. Er war ein Perfektionist, der die schlechten Sachen verschwieg und kein Herz hatte. Er hatte vielleicht ein Herz, aber dann hatten seine bl�den Redensarten, die er sich angeeignet hatte, es ganz sch�n verbaut. Eine Mauer drum gebaut, die keine Gef�hle durchlie�. Oben drauf stand ein Wachmann namens Formel, der alles erschoss, was durch die Mauer wollte. Blo� nicht zeigen, was man dachte. Gef�hle konnte man nicht in Formeln fassen.
Beim Nachdenken wurde ich m�de. Ich wollte weinen, aber die Tr�nen hielt ich so lange zur�ck, bis ich eingeschlafen war.
Diesmal war ich alleine aus dem Bett gestiegen. Langsam lief ich durch den Flur, gespannt, was mich diesmal erwartete. Ich hatte sogar noch ein wenig Hoffnung, dass ich Bryan wiedertreffen w�rde. Ja, ich flehte und bat regelrecht darum, als ich mit zu F�usten geballten H�nden durch den Flur lief.
Mein Wunsch wurde erh�rt. Bryan, wenn er es denn war, lehnte immer noch an der Wand und wartete auf den Aufzug. Als er meine Schritte h�rte, drehte er sich um und schaute mir dabei zu, wie ich ein wenig unsicher auf ihn zukam.
Als ich fast vor ihm stand und sein Gesicht schon wieder erkennen konnte, sagte er: "Ich hab hier auf dich gewartet. Wir sollten und beeilen, wir haben nicht so viel Zeit."
"Wozu nicht so viel Zeit?", fragte ich �ngstlich. Keine Zeit mehr, das kam mir reichlich bekannt vor, denn meine Zeit war begrenzt. Viel zu begrenzt. Man geht seinen Lebensweg, der durch die vielen Baumst�mme, Steine und Fl�sse holperig und schwer zu begehen wirkt. Aber man springt einfach �ber die Steine und man schafft es. Aber irgendwo gibt es eine Mauer, die steht bei jedem woanders, bei einigen gibt es mehrere und man bleibt erst an der letzten h�ngen. Bei mir gab es eine und ich stand direkt davor. Die Mauer war viel zu hoch und meine Versuche, hin�berzuklettern, waren alle misslungen. Ich w�rde es nicht schaffen. Vor Ersch�pfung w�rde ich ohnm�chtig werden. Lange konnte es nicht mehr dauern. Keine Zeit.
Ich bekam keine Antwort auf meine Frage.
"Shhhh", machte Bryan und legte dabei seinen Zeigefinger auf den Mund. "Komm mit!"
Die Aufzugt�ren �ffneten sich und Bryan zog mich in den Aufzug. Er dr�ckte auf den Knopf f�r Erdgeschoss und die Kiste setzte sich in Bewegung.
"Die anderen werden bestimmt schon ungeduldig. Sie warten unten, weil Nicky nicht Aufzug fahren wollte."
Ich musste grinsen. Grinsen zum ersten mal seit Wochen. Alles war so echt, wirkte so echt. Ich �berlegte eine Weile, ob es ein Traum ist. Ich konnte es nicht sagen, aber egal, was es war, ich w�nschte mir, dass es niemals enden w�rde.
Die T�ren �ffneten sich wieder und wir stiegen aus dem Aufzug. Unten im Flur brannte eine kleines Licht an der Rezeption und eine Nachtschwester beobachtet den Flur. Ich hatte Angst, sie w�rde mich sehen, als sie mir ein paar Blicke zuwarf, aber sie sah mich nicht. Nein, sie schaute durch mich hindurch, als w�re ich nicht da. Vielleicht war ich es ja auch gar nicht.
Gegen�ber der Rezeption standen ein paar St�hle, die von vier Personen besetzt wurden. Nach Bryans Bemerkung im Aufzug konnte ich mir sogar denken, wer es war. Doch auch Kian, Shane, Nicky und Mark wurden von der Nachtschwester nicht gesehen. Sie schaute nicht mal auf, als sie st�hler�ckend aufstanden und auf uns zuliefen.
Shane schaute zweifelnd auf die Uhr und warf Bryan einen vielsagenden Blick zu, den ich wahrscheinlich am besten �bersehen sollte, aber ich machte mir trotzdem Sorgen. Niemand schien Zeit zu haben und ich wusste nicht einmal wof�r. Nie hatten die Leute Zeit im Leben, daran hatte ich mich gew�hnt, aber alles war anders geworden, als ich merkte, was es wirklich bedeutet, keine Zeit mehr zu haben und ich wurde unruhig, als Shane so ungl�cklich auf seine Uhr schaute.
"Na dann los", sagte Nicky nicht sonderlich unternehmungslustig, als m�sste er auf eine Beerdigung. Vielleicht war es ja auch so etwas.
Ich zweifelte, ob ich mitgehen sollte, wenn doch alles so bl�d war, aber ich hatte keine Wahl. Bryan, Shane, Kian und Mark waren schon auf dem Weg zu den gro�en Glast�ren als Nicky mich bei der Hand nahm und mich ebenfalls mit hinauszog. Drau�en war es k�hl und ein leichter Wind wehte. Es tat gut, denn ich war seit Wochen nicht mehr drau�en gewesen. Ich war mir sicher, dass dieser Moment, in dem ich nach drau�en trat, ein H�kchen hinter einen der W�nsche machte, die auf meiner heimlichen Liste standen. Erledigt.
Am Himmel wurde es hell. Es konnte nicht mehr lange dauern, dann w�rde die Sonne aufgehen und einen neuen Morgen hervorbringen.
Wieder blickte einer der Jungs zweifelnd um sich, als die ersten Sonnenstrahlen auf den Parkplatz vor dem Krankenhaus fielen. Diesmal war es Mark, der nerv�s wurde und die anderen Jungs ansteckte. Ich war froh, dass sie mir nichts erz�hlten, denn man konnte ihnen ansehen, dass es nichts sch�nes war, woran sie dachten. Gar nichts sagen, das ist besser als l�gen.
Nicky kramte in seinen Hosentaschen herum und bef�rderte etwas Silbernes zum Tageslicht. Bei n�herem Hinschauen war es ein Autoschl�ssel. Damit ging er auf das einzige Auto zu, dass auf dem Parkplatz stand und weil Nicky mich immer noch nicht losgelassen hatte, wurde ich mitgezogen. Alle folgten ihm. Auf dem Parkplatz stand ein rotes Cabriolet, das in der Sonne gl�nzte, und Shane �ffnete die Beifahrert�r. Bryan sprang hinten ins Auto, daneben lie�en sich Mark und Kian nieder.
"Wenn ich bitten darf", sagte Shane ganz Gentleman und deutete mit der einen Hand auf den Beifahrersitz. Nicky lie� meine Hand los, die schon ganz feucht war. Ich wei� nicht, warum sie es war, aber alles war so durcheinander. Ich wusste nicht, warum ich das alles tat und warum Westlife das alles taten und warum �berhaupt alles so war.
Shane sprang noch mit auf die R�ckbank, auf der es langsam eng wurde und nun stand neben der ge�ffneten Beifahrert�r und weil er so nett l�chelte, als w�re es sein letzter Wunsch, dass ich mich nun endlich ins Auto setzte, lie� ich mich auf dem Beifahrersitz nieder.
Nicky lie� die T�r zufallen und ging um das Auto herum. Da nur noch neben mir frei war, wollte er wohl fahren, was er auch tat. Am Himmel konnte ich die Sonne noch nicht sehen. Sie befand sich hinter dem Krankenhaus, aber als Nicky den Wagen vom Parkplatz lenkte, wurde sie sichtbar und tauchte alles in ein wundersch�nes Gold, wie ich es noch nie gesehen hatte. Die Stra�en waren noch nicht sonderlich voll, aber wenn sie es gewesen w�ren, dann h�tte es auch nicht gest�rt. Im Slalom fuhr Nicky durch die anderen Auto und �berquerte, ohne seine Miene zu verziehen, rote Ampeln. Die anderen Autofahrer waren alle wie die Nachtschwester. Sie sahen uns nicht, sie hupten nicht und die Polizei tauchte auch nicht auf. Deshalb verlor ich schnell meine Angst und genoss es, dass der Wind durch meine Haare blies. Ich hielt die Nase in die Luft und schnupperte. Weg war die stickige Zimmer- und Laborluft. Jetzt roch es nach einem Morgen in Dublin und ich erinnerte mich an die Tage, in denen ich um diese Zeit zur Schule gegangen war. Genau das, was ich jetzt in die Nase bekam, hatte dann immer in der Luft gelegen. Ein Morgen in Dublin, der immer so allt�glich gewesen war, wie alles anderen, das ich jetzt viel besser wahrnahm.
Ich hatte f�r einen Moment die Augen geschlossen und als ich sie wieder �ffnete, merkte ich, dass wir in eine Gegend Dublins gekommen waren, die ich sehr gut kannte. An der n�chsten Kreuzung links...
Nicky bog links ab. Ich wusste nicht, woher er wusste, das ich genau da wohnte, aber das war wieder eine dieser Fragen, auf die es nie eine Antwort geben w�rde, genau wie die Frage "Warum?", dich ich mir die ganze Zeit h�tte stellen soll, aber ich tat es nicht, weil es Zeitverschwendung war. Man w�rde Zeit verschwenden, die man gar nicht hatte und Sachen, die praktisch schon so unm�glich waren, waren schlecht. Und f�r Schlechtes hatte ich noch weniger Zeit, als f�r bl�de und sinnlose Fragen.
Wenige Minuten sp�ter tauchte die Fassade unseres Hauses auf. Der Schornstein rauchte.
Shane fuhr auf das Haus zu, das wundersch�n in der Sonne lag und richtig einladend aussah, und brachte den Wagen davor zum stehen.
"Geh rein, hier bist du doch zuhause!"
Schade, es war sch�n in Gesellschaft der Jungs zu sein, aber es brachte alles nichts. Ich �ffnete die Autot�r und stieg aus. Als ich die Stufen zu unserer Haust�r hochging, blickte ich noch einmal zur�ck auf Nicky, Shane, Mark, Kian und Bryan, die immer noch da im Auto sa�en. Kian nickte mir auffordernd zu. Eine Aufforderung, nicht noch einmal zur�ckzublicken und endlich zu gehen.
Alles sah wie immer aus. Vorsichtig lie� ich meine Hand �ber die Klingel gleiten. Das machte ich ein paar Mal, bis ich wirklich das Gef�hl hatte, zuhause zu sein, und auf die Klingel dr�ckte.
Sofort wurde die T�r aufgerissen und ich blickte...
...in das Gesicht meiner Mutter. Sie hatte sich neben mein Bett gesetzt und mich vorsichtig geweckt. Ich r�mpfte die Nase, als ich merkte, dass es anders roch als sonst. Es roch wirklich gut.
Meine Mutter hatte gekocht und das Essen auf meinen Nachttisch gestellt. Es war noch ein wenig warm. Sie half mir, mich halbwegs aufzusetzen und dann fing ich an, das Essen in mich hineinzuschlingen. Meine Mutter sah mir l�chelnd dabei zu. Sie freute sich wohl.
Gar nichts sagen, das ist besser als l�gen.
Gott sei Dank hatte sie das auch begriffen und ich nahm es ihr nicht �bel, dass sie gar nichts sagte. Ich h�tte es nicht mit ansehen k�nne, wie sie die Worte, die ihr auf der Zunge lagen, �ber ihre Lippen qu�lte und dabei alle Tr�nen vergoss, die sie bei sich hatte. Ich h�tte es einfach nicht ertragen k�nnen. Reichte es denn nicht, dass ein Mensch und abertausend Menschen auf der ganzen Welt litten?
Als ich fertig war g�hnte ich.
"Ich bin m�de", nuschelte ich und g�hnte ein zweites Mal. Meine Mutter dr�ckte mich runter auf mein Kissen.
"Schlaf ein wenig", antwortete meine Mutter und strich mir eine Haarstr�hne aus dem Gesicht. Ich schloss die Augen und schlief ein. Ob es der richtige Zeitpunkt daf�r gewesen war, das w�rde ich mich nicht fragen. Es w�rde nie eine Antwort geben. Denn es gab keinen richtigen Augenblick.
Ich stand wieder vor der Haust�r und blickte auf die Stra�e. Ich war satt und zufrieden. Das Auto stand zu meiner Verwunderung immer noch auf der Stra�e. Ich hatte gedacht, sie w�rden wegfahren, aber sie warteten. Kians nerv�sen Blick an den Himmel, der inzwischen strahlend hell und blau geworden war, und auf seine Uhr �bersah ich dieses Mal. Der Platz neben Nicky war immer noch frei und ich lie� mich wieder darauf nieder. Ohne etwas zu sagen, setzte Nicky den Wagen wieder in Bewegung. Ich hatte keine Ahnung, wo er hinwollte, aber irgendwann merkte ich, dass er Dublin verlie�. Die H�user dr�ngten sich nicht mehr dicht an dicht nebeneinander, es roch weniger nach Autoabgasen und es wurde gr�ner.
Wir hatten die Vororte Dublins alle hinter uns gelassen, als Nicky anfing, nerv�s mit den Fingern auf das Lenkrad zu trommeln. Er h�rte erst damit auf, als ich mich nerv�s in meinen Sitz dr�ckte und Kian von hinten auf die Schulter tippte.
"Hey, wir schaffen das!"
Was schafften wir? Ich durchschaute das ganze nicht, wollte es aber auch nicht. Es war alles so sch�n, w�re nicht alle so nerv�s und angespannt. Es war wundervoll, durch die Wiesen, die von etlichen kleinen Steinmauern durchzogen wurden, zu fahren und alle Probleme hinter sich zu lassen. Und Probleme hatte ich genug. F�r das tolle Cabrio waren sie einfach zu langsam. Sie w�rden mich nicht einholen. Das beruhigte mich und als Nicky aufh�rte, so nerv�s zu wirken, entspannte ich mich wieder und blickte �ber die weite, gr�ne Ebene. Gr�n war die Farbe der Hoffnung und ich bekam wieder welche.
Irgendwann wurde ich m�de. Es war noch hell und die Sonne schien wundersch�n, aber ich schloss trotzdem die Augen und d�ste ein wenig vor mich hin. Den Kopf hatte ich auf meine Schulter gelegt. Nicht gerade bequem, aber ich war ersch�pft und deshalb nahm ich es hin. Die ganze Zeit hatte ich gemerkt, wie meine Kr�fte schwanden, aber jetzt musste ich schlafen, so m�de war ich inzwischen.
W�hrend ich schlie� h�rte ich viele Stimmen.
"Sie schl�ft sehr viel", sagte eine Stimme, die von einem Mann stammte, aber ich h�rte blo� die Stimme und konnte nicht sagen, wer es war, der da sprach. Ich h�rte eine Frau schluchzen, aber bevor ich mir dar�ber Gedanken machen konnte, wer da weinte, wurde ich geweckt und das nicht zu sanft.
Das Auto war �ber ein gro�es Schlagloch gefahren. Der Ruck, der darauf folgte, lie� mich hochfahren und ich schaute mich erschrocken um.
Nicky blickte mich kurz von der Seite an. "Schon okay", sagte er. Ich lehnte mich entspannt zur�ck, als ich seine beruhigende Stimme h�rte. Am Himmel d�mmerte es und die ganze Landschaft f�rbte sich. Das Gras und die vielen kleinen Mauern wurden fast Gold, als die Abendsonne sich rot f�rbte alles in ein d�mmriges Licht tauchte. Wundersch�n.
Es wurde windiger und ich musste mein Haar immer wieder zur�ckstecken, damit ich �berhaupt noch etwas sehen konnte. Nicky blickt noch einmal auf die Uhr und legt ein schnelleres Tempo ein. Erst, als vor uns ein blauer Streifen auftauchte, wurde er langsamer. Wir waren am Meer und Bryan, Shane, Nicky, Mark und Kian hatten es die ganze Zeit so eilig, genau hierher zu kommen. Sie hatten es ja anscheinend geschafft, auch wenn ich noch nicht so ganz begriff, was das alles sollte. Aber von mir fiel doch ein ganzes St�ck Anspannung ab, als ich merkte, dass sich auch die Jungs entspannten und sich gegenseitig siegessicher anl�chelten.
Nicky stieg als erstes aus dem Wagen, dann die anderen und dann auch ich. Ich hatte schon ganz vergessen, dass ich wieder laufen konnte, aber es war ein sch�nes Gef�hl, zu laufen. Nicky hatte das Auto nah ans Meer gebracht, doch ein St�ck war noch zu laufen. Ein kleiner Pfad schl�ngelte sich zum Meer hinunter und endete an einem wundersch�nen Strand, wo die Wellen ans Ufer schlugen.
Unten am Strand lie� Bryan sich im Sand nieder und starrte hinaus auf die weite See.
"Wir haben es geschafft", sagte er �bergl�cklich, als sich die anderen neben ihm niederlie�en. Ich setzte mich ebenfalls zu ihnen und wagte es nun endlich, das zu fragen, was mir die ganze Zeit auf der Zunge lag.
"Was haben wir geschafft?"
Diesmal war es Nicky, der seinen Zeigefinger auf die Lippen legte. Keiner sagte etwas. Shane deutete nur kurz auf die See, wo die Sonne wie ein roter Feuerball am Himmel stand und dem Horizont immer n�her r�ckte.
Jetzt sitze ich hier, hab meine Geschichte erz�hlt und die Sonne ist fast untergegangen. Gleich ber�hrt sie den Horizont und dann wird sie verschwinden, Es ist totenstill und man kann nur das Rauschen des Meeres h�ren, denn keiner sagt etwas. Jetzt habe ich es begriffen. Und wenn die Sonne untergegangen ist, dann werden es alle begreifen, aber dann ist es zu sp�t.
Die Sonne ist noch halb zu sehen, als Nicky die erste Tr�ne vergie�t. Er wischt sie aber sofort wieder weg, als ich ihn von der Seite ansehe. Ich blicke wieder zur Sonne, die immer kleiner wird. Der Himmel schimmert in allen Farben, von blau und rot und mittendrin die Sonne.
Dann ist sie weg. Es ist vorbei. Alles.
H�tte ich die Zeit zur�ckdrehen k�nnen, ich h�tte es jetzt getan, aber es ging nicht und jetzt war die Zeit gekommen, in der man alles so hinnehmen musste, wie es kam.
Shane fasst als erster den Entschluss aufzustehen. Er will nicht versuchen, die Sache hinauszuz�gern und die anderen wollen es auch nicht. Kian streckt seine Hand aus und zieht mich hoch. Er und die anderen wissen, wie und wo es weitergeht, aber ich wei� es nicht und mir bleibt nichts anderes �brig, als abzuwarten.
Abwarten tut weh, wenn man wei�, dass ein Ende kommt und man wei� nicht, wie es kommt.
Bei mir kommt es auf vier Beinen. Und das, was zu den vier Beinen geh�rt, stand bestimmt auf meiner Wunschliste. Pferde.
Sie kommen im seichten Wasser auf uns zugaloppiert und machen vor uns halt. Ich suche mir eines von ihnen aus und greife in die lange M�hne, der nicht mehr viel fehlt, um auf den Boden zu kommen.
Von hinten ergreifen mich zwei H�nde und heben mich hoch. Ich will mich umdrehen und gucken, wer es ist, aber da sehe ich, dass Mark schon vor mir ist und mir zuwinkt und deshalb drehe ich mich nicht um sondern folge Mark, der auf das Wasser zureitet.
Pferde konnten nicht schwimmen, das hatte ich ja gleich gesagt. Aber sie brauchten nicht schwimmen k�nnen, solange sie fliegen konnten. Als das Wasser tief geworden war, waren sie einfach in die Luft gegangen, denn jetzt war sowieso nichts mehr unm�glich. Ein paar Schleierwolken zogen an uns vorbei, als wir immer h�her in die Luft gingen und es immer heller wurde. Ich hatte das Gef�hl, als w�rde es schon wieder Morgen werden, als ob die Sonne aufgehen w�rde, aber das tat sie nicht. Jetzt nicht mehr. Wir ritten blo� irgendwohin, wo es hell war.
Es war stetig heller geworden und jetzt war es ganz hell. Hier war gar nichts, es war blo� hell. Vielleicht ein wenig blau. Und da wo es am hellsten ist, da bleiben unsere Pferde stehen. Ich wei�, dass ich absteigen muss und deshalb tue ich es. Niemand m�chte es hinausz�gern, weil es doch nichts bringt, und ich will es auch nicht.
"Alles okay?", fragte Bryan.
Ich nicke, denn pl�tzlich ist alles okay. Ja, es ist wirklich alles okay. Bryan nickt zufrieden und drehte sich um, bevor ihm die Tr�nen kommen.
"Wir sehen uns wieder", ruft er. "Irgendwann."
Die anderen folgen ihm und werden f�r mich immer kleiner, bis sie nur noch kleine Punkte sind und dann ganz verschwinden, wie die Sonne es getan hatte.
Es ist alles okay. Ich bin alleine, aber geduldig warte ich ab.
Vor mir wird es noch heller. Immer heller und das helle Blau verwandelt sich langsam in ein Wei�.
Irgendwer rei�t an meiner Schulter und sch�ttelt mich hin und her, aber darauf achte ich nicht mehr. Jetzt w�rde mich keiner mehr wecken. Eine Stimme in meinem Unterbewusstsein sagt noch "Da ist nichts mehr zu machen" dann ist es still. Es wird noch einmal hell und ich wei�, dass ich sie alle wieder sehen werde. Irgendwann. Irgendwann in der Ewigkeit. Aber jetzt wird mich keiner mehr wecken. Nie wieder.