So schnell wie eine Sternschnuppe
Vielleicht war es das wenige, was ich hatte, dass mich immer wieder dazu �berredete, es doch noch einmal zu versuchen. Oft hatte ich das Messer schon in der Hand gehabt und es war meinem Handgelenk auch schon betr�chtlich nahe gekommen, aber nie den Pulsadern. Ich h�tte dem ganzen Mist hier ein Ende setzen k�nnen, aber das hatte sich mit meinem Gewissen nie vereinbaren lassen.
Zum einen war es die Angst vor dem Tod, vor dem, was danach kam, was mich immer wieder dazu brachte, das Messer aus meiner zittrigen Hand fallen zu lassen, bevor es zu sp�t war. Vielleicht war es aber auch der Druck, der von mir selber auf mich ausge�bt wurde. Ich wollte nicht sterben, bevor ich dieses und jenes mal ausprobiert hatte, nicht, bevor ich hier und da mal gewesen war.
Ich wei� nicht, wie es nach dem Tod weitergeht oder ob es �berhaupt irgendwie weitergeht, aber ich hatte Angst, irgendwann, wenn es l�ngst zu sp�t war, sagen zu m�ssen: "Hey, das h�ttest du noch tun k�nnen, aber jetzt geht es nicht mehr, weil du dein Leben aufgegeben hast."
Deshalb war ich immer noch am Leben, diesem Druck ausgesetzt, der nicht nachlie�, weil ich nicht die M�glichkeiten hatte, einfach das zu tun, was ich wollte.
Ich verbrachte diesen Tag wie immer in Dublin. Ich war immer in Dublin gewesen. Fast jeden beschissenen Tag meines Lebens hatte ich zwischen den eilenden Menschen und vorbeidonnernden Autos verbracht. An meine Kindertage konnte und wollte ich mich nicht erinnern. Klar, ich hatte Eltern gehabt, aber sie hatten kein Kind gehabt. Sie hatten nur mich, jemanden, der st�rte und gar nicht da sein sollte. Irgendwann waren sie dann wohl wieder nach Amerika abgezogen, dahin, wo sie hergekommen waren. Wei� Gott, warum sie in Irland gewesen waren, einem Land, in das sie nicht passten. Selbst meine Pflegeeltern hatte ich schon fast wieder vergessen. Sicher hatten sie sich M�he gegeben, aber ich wusste, dass sie nicht meine Eltern waren und sie wussten es genauso gut und ich hatte ihn irgendwann aufgegeben, den Versuch, diese zwei Menschen als meine Eltern zu akzeptieren. Vielleicht gibt es Menschen, die das k�nnen, aber ich hatte es nie gekonnt.
Ich wei� nicht, was schlimmer war. Auf der Stra�e zu leben oder bei Eltern, die nicht meine Eltern waren. Beides war schlimm, aber ich musste damit leben. Schon schlimm, wenn man die Wahl hatte.
Welches �bel willst du?
Wie jeden Tag, schlug ich mich wieder durch Menschenmassen, diesmal durch die Grafton Street. Oh wie ich sie hasste. Gesch�ft an Gesch�ft und an den Kassen dr�ngten sich die Leute, um etwas zu kaufen. Leute, die Geld hatten. Leute, die ein Haus hatten... ich verdr�ngte den Gedanken. Vielleicht konnten diese Leute nichts daf�r und vielleicht konnte ich etwas daf�r, dass ich gar nichts hatte, aber trotzdem hasste ich sie.
Aber noch schlimmer waren die Reichen. Die ganz Reichen, die ihre H�user meistens in S�ddublin stehen hatten. Villa an Villa.
Ich wusste nicht, wie viel sich auf ihren Konten befand, aber ich konnte mir vorstellen, dass es Zahlen waren, die ich nie gelernt hatte, bevor ich aus der Schule abgehauen war. Viel zu viele Ziffern f�r eine kleine Sch�lerin.
Nicht, dass ich wild auf das gro�e Geld war, aber es regte mich auf, dass es Leute gab, die ihr Geld durch die Gegend schleudern konnten, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu bekommen, wenn sie mit ihren Sportwagen an mir vorbeid�sten.
Dann w�nschte ich mir manchmal, dass ich doch blo� in irgendeinem kleinen Kaff leben k�nnte, in denen es diese Leute nicht in Massen gab. Aber ich war nun mal in Dublin und ich w�rde bis zum Ende meines Lebens hier leben. Und wer wei�, vielleicht war das Ende gar nicht mehr so weit. Hoffentlich, hoffentlich nicht.
Missgelaunt schlenderte ich weiter. Leute dr�ngten sich an mir vorbei, schimpften, hatten es eilig und hatten eigentlich nur das Ziel, m�glichst schell in den n�chsten Stress zu geraten.
Stress, die hatten Probleme.
Ich hatte es endlich geschafft, am Ende der Stra�e anzukommen. Rechts vor mir war ein Einkaufszentrum und ein bisschen weiter links konnte ich die ersten B�ume des St Stephen�s Green erkennen. Ich war total geschafft und deshalb suchte ich mir eine Hauswand. An der lehnte ich mich dankbar an. Ich �berkreuzte meine Beine, die von einer langen und weiten Jeans, die auf den Knien L�cher hatte, bedeckt wurden und verschr�nkte die Arme. Meine H�nde hatte ich in den �rmeln meines grauen Sweatshirts eingegraben.
Ersch�pft blieb ich eine Weile stehen. Ich lie� eine meiner H�nde aus dem �rmel gleiten und �ber die Wand des Hauses streichen. Gedankenverloren knibbelte ich an der Wand herum und riss kleine Papierfetzen raus.
Als ich ein paar davon unter den Fingern�geln kleben hatte, kehrte ich in die Realit�t zur�ck und drehte mich um, um zu gucken, an was sich meine Finger da zu schaffen gemacht hatten.
Als ich meinen Kopf gedreht hatte, starrten mich zwei Augen an. Weiter rechts noch ein paar und noch mehr. Ich trat einen Schritt zur�ck um mir das Gesamtwerk zu betrachten. War ja klar gewesen. Westlife at the point. Mein Gott, gab es denn auch noch ein anderes Thema, als dieses Konzert heute Abend? Ich ging zu dem Plakat. W�tend riss ich eine Ecke davon ab und erwischte die Haarspitzen eines braunhaarigen, der meiner Meinung nach Shane hie�. Ich zerkn�llte die Ecke und warf sie auf den Boden. Dann verschwand ich. Ich hatte keine Lust, mir das l�nger anzutun. Die verhassten Reichen...
Einen von ihnen hatte ich neulich erst gesehen, als ich mich mal wieder nach S�ddublin gezwungen hatte, s�dlicher, als die Grafton Street. Ich hasste die Gegend genauso wie die Leute, die hier wohnten.
Ich kannte Westlife nicht sonderlich gut, aber in Irland wusste eigentlich jeder verdammte B�rger, dass sie es waren, wenn sie �ber die Stra�e spazierten. Aber er spazierte nicht �ber die Stra�e. Er stand vor einem Haus. Er stand neben einen Transporter, aus dem lauter Kartons in das Haus geschleppt wurden. Ich wusste nicht, wie oft die reichen Leute umzogen, aber ich hatte sie oft gesehen. Zu oft.
Die Stra�e war leer gewesen. Hier war es oft leer. Eine ruhige und beschauliche Nachbarschaft und deswegen hatte er mich wahrscheinlich auch sofort gesehen. Wahrscheinlich der Grund daf�r, dass ich sofort wieder verschwunden war, um das Bild dieser Nachbarschaft nicht zu zerst�ren.
Warum auch sollte man Leuten dabei zuschauen, wie sie in eine neue Villa, vielleicht mit Pool, Sauna und zwanzig Schlafzimmern, einzogen? Wieso?
Aber jetzt hatte ich Hunger. Dieser Umzug war sowieso schon eine Woche her und meine Hunger verdr�nget das Ereignis, dass mir auch nur wieder eingefallen war, weil ich das Plakat gesehen hatte.
Am sp�ten Nachmittag hatte ich meinen Entschluss gefasst. Ich hatte keine Lust mehr, mir mit anzusehen, wie andere Leute lediglich das Problem hatten, sich hinter der B�hne fast in die Hose zu machen, w�hrend ich nicht mal eine eigene Toilette hatte und vor Hunger jeden Tag meinen Magen zu h�ren bekam.
Das Konzert heute Abend war die M�glichkeit und wenn der liebe Bryan, ich war mir fast sicher, dass es Bryan gewesen war, nicht schon wieder umgezogen war, dann wusste ich, wo er wohnte und wenn seine Frau ihn liebte, dann w�rde sie heute Abend ihre Tochter einpacken und sich zu Bryan zu gesellen.
Was ich vorhatte wusste ich nicht genau, aber ich hatte etwas vor.
Den Rest des Tages verbrachte ich damit, durch die Stra�en zu ziehen und Zipfel von Shanes Haaren abzurei�en. Wei� Gott, warum es immer Shane erwischte, aber ich hatte eine Vorliebe f�r die linke, obere Ecke.
Viele Jungendliche in meinem Alter standen wahrscheinlich schon die ganze Zeit am Point, kreischten sich die Lungen aus dem Hals und sangen irgendwelche Lieder. Aber als es langsam dunkel wurde, sah ich ein paar von ihnen, die noch nicht da waren. Mit Plakaten und Kuscheltieren zogen sie, meist zu zweit oder in kleinen Gruppen, durch Dublin und tauschten irgendwelche Tratschgeschichten aus.
Es war Zeit, sich langsam auf den Weg zu machen. Bis S�ddublin war es ein ganzes St�ck, aber ans laufen hatte ich mich gew�hnen m�ssen.
S�ddublin, aber an diesem Abend musste ich mich nicht zwingen. Ein ungeheures Gl�cksgef�hl trieb mich runter in das Viertel, in dem ich vor einer Woche schon gewesen war.
Einige Stra�enlampen erleuchteten den B�rgersteig und gew�hrten mir den Blick auf ein paar Vorg�rten, in denen viele, bunte Blumen wuchsen.
Meine Schritte hallten durch die Stra�e und je n�her ich dem Haus kam, desto schneller schlug mein Herz und ich hatte Angst, jemand k�nnte es h�ren.
Doch ich wusste, dass nicht pl�tzlich irgendwelche Rollos hochschnellen w�rde, weil irgendjemand das Gef�hl hatte, dass da drau�en auf der Stra�e ein Herz schlug, weil es etwas schlimmes wusste und jetzt weitersagen wollte. Es w�rden keine Lichter angehen, weil jemand das M�dchen h�rte, dass schnellen Schrittes auf ein bestimmtes Haus zu ging. Ich steckte meine H�nde in die Hosentasche und fand etwas darin. Ich zog es heraus und fand eine Plakatecke. Ich hatte keine Ahnung, wie viele davon ich an diesem Tag abgerissen hatte, aber das spielte auch keine Rolle. Ich kn�llte den Papierfetzen einmal fest zusammen, wobei meine Hand zitterte und die Fingerkn�chel wei� wurden, und lie� ihn achtlos fallen.
Als der Zettel auf die Stra�en gefallen war, spannte ich meine Finger wieder an und ballte meine Hand zu einer Faust, dass meine Fingern�gel sich in die Handfl�che bohrten.
Als ich das richtige Haus gefunden hatte, lie� ich wieder locker und schlang meine Finger um einen Pfosten des Gartenzauns. Ich schaute dar�ber hinweg und konnte mit Freude feststellen, dass alles dunkel war. Das riesige Haus stand verlassen und alleine da. Genauso alleine wie ich, aber in dieser Nacht w�rde es sich ertragen lassen. Ja, es war sogar notwendig.
Noch ein paar Schritte und ich hatte das Tor erreicht. Das Tor in eine andere Welt. Ein Tor, und die Welt drehte sich um. Ein Tor, und man lie� alles hinter sich. Ein Tor, das verschlossen war.
Ich r�ttelte noch einmal daran und gab auf.
Bevor ich zu viel Krach machte, entschied ich mich dann doch daf�r, einfach �ber den Zaun zu klettern. Ein Kinderspiel, wenn man an solchen Dingern schon die Bullen abgeh�ngt hatte. Aber wie schon so oft riss ich mir auch diesmal wieder die Hose auf. Noch eine sch�ne Erinnerung an die heutige Nacht. Ein Riss, wie alle anderen Erinnerungen auf meinen Knien. Jeder Riss f�r einen Zaun. Es gab Z�une, die hinterlie�en keine Risse, aber dann waren sie unwichtig.
Unsanft landete ich auf dem gem�hte Rasen, als ich vom Zaun sprang. Ich blieb kurz liegen und fasste mir ans Knie. Das hatte wehgetan, aber auch das war nichts neues. Es hatte Zeiten gegeben, da war ich zehn Minuten, ja, vielleicht sogar l�nger auf dem Boden liegen geblieben, aber desto �fter ich diese unsanften Abst�rze, k�rperlich oder seelisch, das spielte kaum eine Rolle, erlebte, desto k�rzer wurden die Pausen. Bereits nach wenigen Sekunden sprang ich wieder auf und stolperte um das Haus herum.
Jetzt galt es nur noch, in das innere des Hauses zu kommen. Und eins wusste ich: Der Kerl konnte sein Grab schaufeln, wenn er eine Alarmanlage besa�. Dann w�rde ich... wieder ballte ich die F�uste.
Ich ging weiter. Alle T�ren waren nat�rlich verschlossen, aber ich war nie so dumm gewesen, an �berdimensionale Gl�cksf�lle zu glauben. Das brachte zu viele Entt�uschungen.
Letztendlich hatte ich mich dann aber f�r ein Kellerfenster entschieden, dass in einem kleinen Schacht lag, der Dank einen gro�en Busches kaum zu sehen war. Ich zog die �ste beiseite und lie� meine Finger in die L�cher des Gitters gleiten, das auf dem Schacht lag. Mit viel M�he zog ich es hoch und schleifte es unter dem Busch hervor. Ich lehnte es an die Hauswand. In ein paar Stunden w�rde ich hier wieder weg sein und das Gitter w�rde da liegen, wo es die ganze Zeit gelegen hatte.
Das Fenster darunter w�rde nicht so unversehrt davonkommen. Im Garten hatte ich einen dicken Stein gefunden und der lag jetzt bereit in meiner Hand. Wenn das Fenster entdeckt wurde, dann w�re ich nicht mehr hier. Was sollte passieren? Mich kannte niemand und das w�rde auch so bleiben, dessen war ich mir sicher.
Das Glas klirrte unerwartet laut, als ich mit dem Stein darauf einschlug. Es hatte ein paar Schl�ge gebraucht, bis sich in der glatten Glasscheibe die ersten Spr�nge zeigten, aber dann war es auch nicht mehr schwer, ein Loch nahe des Fenstergriffs zu bekommen.
Vorsichtig streckte ich meine Hand durch das Loch und hielt inne. Mein Handgelenk sa� zwischen den Zacken, die ich mit dem Stein in das Glas gehauen hatte.
"Jetzt k�nntest du es tun", sagte ich mir und strich mit der Handgelenkinnenseite vorsichtig �ber eine der scharfen Kannten.
"Eine Laiche am Kellerfenster von Bryan McFadden. Wow. Das g�be Schlagzeilen und nicht zu knapp... und sch�n erst recht nicht..."
Aber ich tat es nicht. Ich wollte nicht, dass mich hinterher irgendjemand f�r so dumm hielt, mir beim Versuch, ein luschiges Kellerfenster einzuschlagen, die Pulsadern aufzuschneiden. Deshalb umfasste ich den Fenstergriff und drehte ihn vorsichtig herum.
Das Fenster lie� sich mit Leichtigkeit aufdr�cken und ich fing mit den F��en an. Im inneren des Hauses sp�rte ich irgendeinen stabilen Gegenstand, auf den ich meine F��e stellte. Dann kletterte ich ins Haus. Nichts. Keine Alarmanlage. Ich atmete erleichtert auf. Ich hatte vieles auf dem Kerbholz und wurde nie erwischt, aber das senkte meine Nervosit�t auch nicht. Mein Herz schlug bis zum Hals und wenn ich nicht bald eine Toilette finden w�rde, dann w�rde ich mir in die Hose machen.
Ich tastete mich durch den Keller und fand die Treppe. Was sollte ich im Keller?
Auch die Toilette fand ich schnell, aber das erste was ich tat, war nicht meine Blase zu erl�sen. Ich kotzte und zwar so richtig. Erst dann erledigte ich mein dringendes Gesch�ft. Ich h�tte mich gerne unten auf den Boden gehockt und mich ausgeruht, aber das tat ich nicht. Ich verlie� das Badezimmer, um mich umzuschauen.
Erst wagte ich es nicht, Licht anzumachen, aber dann tat ich es doch. Die meisten Rollos waren heruntergelassen und wenn jemand Licht sehen w�rde.. na und? Wie bescheuert musste man denn sein, um wegen eines Lichts gleich die Polizei zu rufen?
Alles war fast so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Dem Instinkt nach, war ich als erstes in die K�che gelaufen. Boah, wann hatte ich das letzte Mal vor einem vollen K�hlschrank gestanden? Mein Magen sagte mir, dass es eine Ewigkeit her war und ein Blick auf meine Rippen, die man regelrecht z�hlen konnte, best�tigte das.
Mit etwas Essbarem bewaffnet ging ich weiter ins Wohnzimmer. Dort stand ein riesiger Fernseher. Fast wie ein Privatkino. Zuerst setzte ich mich auf das Sofa. Ich machte alles, was ich lange nicht mehr gemacht hatte und ein Sofa war der pure Luxus.
Neugierig und kauend schaute ich mich um. In den Regalen befanden sich B�cher und der ganze Kram, den man nun mal in Regalen aufbewahrte. Aber dazwischen befanden sich lauter Sachen, von denen nicht jeder behaupten konnte, so etwas zu besitzen. Ein MTV Music Award? Nicht schlecht.
S�� fand ich die Fotos von Bryans Tochter? Hie� sie Molly?
Ich wei� nicht, was man eigentlich dabei versp�ren sollte, wenn man durch Bryans Haus schlich, aber vielleicht h�tten einige etwas anderes gesp�rt als ich.
Ich wollte nicht ein Foto von Molly mitnehmen, um hinterher sagen zu k�nnen: "Hey, das hatte Bryan auf seinem Regal stehen."
Es war eine Mischung aus Hass und �berlegenheit, die ich sp�rte. Zum ersten Mal hatte ich das Gef�hl, dass ich nicht ganz unten stand in der Gesellschaft. Da wo die anderen waren, da konnte ich auch hin, wenn ich nur ein paar Fenster einschlug. Ich verga�, dass dies alles hier nicht mir geh�rte. Und weil es in diesem Moment alles mir geh�rte, versp�rte ich das Bed�rfnis nach einem hei�en Bad.
Kein Problem du Einbrecher, das Bad ist oben
Ich �berh�rte das Wort Einbrecher. Ich war blo� jemand, der sich mal was ganz gro�es und f�r andere etwas so klitzekleines borgte. Nur f�r eine kurze Zeit.
Ich ging in den Flur und dann die Treppe hinauf. An der Wand hingen wieder viele Bilder, doch die schaute ich mir nicht an. Als ich oben in den Flur kam, musste ich mir �berlegen, hinter welche T�r ich als erstes schauen sollte. Ich konnte nicht verstehen, wie man so viele verschiedene M�bel besitzen konnte, dass sie diese vielen R�ume allein im ersten Stock ausf�llen konnten.
Ich verstand es, als ich hinter der ersten T�r ein Schlafzimmer fand und hinter der zweiten ein weiteres. Und ich verstand es noch besser, als ich mich hinterher, als ich in alle Zimmer einen kurzen Blick geworfen hatte, zwischen zwei Badezimmern entscheiden konnte.
Wieder dieses Gl�cksgef�hl, als das hei�e Wasser in die Badewanne str�mte. Ich suchte mir ein Handtuch und lie� dann meine Klamotten fallen. Ich f�hlte mich beobachtet, aber ich wusste, dass ich es nicht war und deshalb streckte ich einen Fu� �ber den Badewannenrand und hielt den gro�en Zeh ins Wasser. Es war superhei�, aber genau das wollte ich und deshalb lie� ich mich vollst�ndig in die Badewanne gleiten. Es war irrsinnig, was ich hier tat, aber es war auch die Erf�llung eines Wunsches. Ich erwartete nichts bestimmtes von diesem n�chtlichen Besuch, aber das Gef�hl, mal was anders zu machen, vielleicht sogar besser, war neu und es war toll.
Ich hatte nicht vor, m�glichst viel Shampoo in meine Haare zu schmieren oder einen Schaumberg von der Gr��e eines Eisbergs zu errichten. Ich lag im klaren Wasser, hatte die Augen geschlossen und sp�rte, wie das Wasser Autoabgase, das Stimmengewirr der Menschen und polternde Lastwagen aus mir heraussog. Hinterher w�rde ich alles im Abfluss verschwinden lassen, um neuen Platz zu schaffen, f�r das allt�gliche Leben, dass in wenigen Stunden weitergehen w�rde.
Weil ich keine Ahnung hatte, wie lange Wasser in einer Badewanne brauchte, um kalt zu werden, wusste ich auch nicht, wie lange ich da gelegen hatte. Verdammt, ich war so sauschlecht im sch�tzen.
Aber als sich auf meinen Beinen die ersten Anzeichen einer G�nsehaut bemerkbar machten stieg ich aus der Wanne. Das "schmutzige" Wasser lie� ich in den Abfluss laufen. Zitternd wickelte ich mich in das flauschige Handtuch ein. Am liebsten h�tte ich die alten Klamotten nie wieder angezogen, aber ich konnte auch schlecht in ein Handtuch gewickelt wieder durch das Kellerfenster klettern und durch Dublin laufen. Ich hob meinen grauen Pulli von der Erde auf, hielt ihn unter die Nase und lie� ihn sofort wieder fallen. Nein, bitte nicht, wo ich gerade aus der Badewanne gekommen war und sauber in ein wei�es, weiches Handtuch eingewickelt war. Nur die Jeans. Die Risse.
Ich zog sie an und ging dann in Jeans und BH durch den Flur. Wo waren doch eben die Schlafzimmer gewesen? Da hinten. Ich ging auf die T�ren zu und schleifte meinen Pulli, den ich an der Kapuze angefasst hatte, hinter mir her.
Jetzt hatte ich die Gelegenheit, mir eines der Schlafzimmer etwas genauer anzuschauen. Am liebsten h�tte ich mich in das riesige Bett gelegt, aber dazu hatte ich nicht den Mut. Wenn ich einschlafen w�rde, was ich in so einem Bett mit Sicherheit tun w�rde, dann hatte ich ein gewaltiges Problem. Und Probleme hatte ich genug.
Deshalb ging ich gleich zum Schrank, um nicht doch noch in Versuchung zu geraten.
Sie hat in meinem Bett geschlafen
Ein kleines M�dchen, dass sich verirrt hatte.
Die Decken lagen ordentlich auf dem Bett und sahen einladend aus... Nein!
Schnell schlossen sich meine Finger um den Schrankgriff und klammerten sich daran fest. Ich zog und die T�r ging auf. Ich konnte es nicht fassen. Die hatten mehr Klamotten als M�bel und ich zweifelte nicht daran, dass sich in dem anderen Schlafzimmer, und in dem dritten, dass ich gesehen hatte, noch mehr davon befanden. Diese Klamotten geh�rten eindeutig Bryan, also gab es irgendwo noch mehr Klamotten f�r den Rest der Familie. Aber ich wollte nicht Kerrys. Vorsichtig fuhr ich mit den Fingern �ber die Klamotten und w�nschte mir, dass ich es jeden Tag tun k�nnte. Aber ich konnte es nicht und deshalb tat ich es langsam und suchte mir mit viel Sorgfalt etwas aus.
Zuerst fand ich einen schwarzen Pulli. Den zog ich sofort an. Viel zu gro�, aber wenn ich die n�chste Nacht wieder auf einer Parkbank anstatt in einer Villa verbringen w�rde, dann konnten Klamotten nicht gro� genug sein. Also zog ich noch ein rotes Sweatshirt dar�ber.
Ich wei� nicht, wie besch�ftigt ich gewesen war, aber ich hatte nicht bemerkt, wie weit die Zeiger der Uhr es inzwischen auf dem Ziffernblatt geschafft hatten. Ich hatte nicht daran gedacht, dass jedes Konzert irgendwann einmal zuende ging, Westlife ihre letzten Zugaben gespielt haben w�rden...
Ich hatte nicht geh�rt, wie Bryan mit seiner kleinen Familie unten die T�r aufschloss und im Flur das Licht anging.
Bryan hatte bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Das Licht im Flur war an, im Wohnzimmer gab es vielleicht sogar Fu�abdr�cke von meinen dreckigen Schuhen, die sich eben �ber die nasse Wiese in Bryans Garten geschlagen hatten.
"Kerry", fl�sterte Bryan. Kerry stand neben ihm und hatte Molly auf dem Arm. Die kleine hatte den Daumen in den Mund gesteckt und war ruhig und selig am schlafen.
Kerry schaute sich um, w�hrend Bryan noch mehr fand, was ich hinterlassen hatte. Das w�re alles so egal gewesen, denn ich h�tte l�ngst wieder hier weg sein m�ssen. Aber stattdessen stand ich immer noch in Bryans Haus und hatte nichts bemerkt.
Ich bemerkte es erst, als ich leise Schritte auf der Treppe h�rte. Da schlich jemand, aber ich h�rte viel und auf einer Treppe, selbst wenn sie nicht knarrte, war es geradezu unm�glich zu schleichen.
Ich hatte es bis in den Flur geschafft und sogar die Lichter ausgemacht, aber ab da war ich nicht mehr f�hig, mich zu r�hren. Starr stand ich da im Flur und wartete, bis der jemand mich sah. Das Licht war aus, aber wozu gab es Lichtschalter. Der befand sich genau oben an der Treppe und Bryan, oder wer auch immer da die Treppe hochkam, brauchte nur den Arm ausstrecken und leicht auf den Schalter dr�cken.
Ich wusste nicht, f�r wen man mich als erstes halten w�rde, aber mit der zerrissenen Hose und den Rastaz�pfen machte ich bestimmt nicht den Eindruck, als w�rde ich aus der Nachbarschaft kommen und nach dem rechten sehen. Und erst recht nicht in Bryans Pulli.
Ich musste kurz die Augen schlie�en, als das Licht anging und Bryan, es war Bryan, wie sich wenige Sekunden sp�ter rausstellte, tat es auch. Und als wir sie beide wieder �ffneten, standen wir uns gegen�ber und starrten uns an. Mir blickten zwei Augen entgegen, die mich heute erst von dem Plakat angeblickt hatten. Irgendwo neben den Haarspitzen, die jetzt irgendwo unten auf der Stra�e und in ganz Dublin lagen.
Keiner sagte etwas und keiner r�hrte sich. In meinen Augen konnte man sicher so was wie Angst erkennen. Und Erstaunen. Und Reue. Ja, ich bereute es, nicht besser aufgepasst zu haben und jetzt war es zu sp�t.
Bei Bryan sah ich Verwirrung. Er hatte vielleicht alles erwartet, aber keine 16-j�hrige, die in seinem Haus herumstrolchte.
Bewegung kam erst herein, als ich drau�en eine Sirene h�rte. Er hatte die Polizei also schon verst�ndigt und die Polizei war verdammt schnell gewesen. Ich wusste nicht, wie lange Bryan schon unten im Haus war, aber auf dem Weg vom Badezimmer zum Schlafzimmer h�tte ich es gemerkt. H�tte ich es merken m�ssen!
Bryan senkte den Kopf, als ich mich erschrocken umdrehte und durch ein Fenster, dass sich hinten am Ende des Flures befand, das blinkende Licht eines Polizeiwagens sah.
Ich wurde nerv�s und blickte mich verzweifelt nach einer Fluchtm�glichkeit um. Aber es gab keine. Die einzige Weg war die Treppe und da stand Bryan.
Ein Fuchs in der Falle, der jetzt einfach warten musste, dass sie ihn mitnahmen. Ich war nie erwischt worden und ausgerechnet heute. Ausgerechnet von Bryan McFadden. Die verhassten Reichen!!!
Bryan sagte nach wie vor gar nichts. Meistens sah ich Leuten an, was sie f�hlten, aber diesmal konnte ich nicht sagen, ob er nicht wusste, was er sagen sollte, oder ob er es nicht wollte. Er hatte den Kopf noch immer gesenkt und man musste ihm lassen, dass er seine Gef�hle verdammt gut verstecken konnte, wenn er wollte.
Diejenigen, die jetzt die Treppe hochkamen, versuchten erst gar nicht, zu schleichen. Es polterte laut, als mindestens zwei Personen die Treppe hoch liefen. Bryan drehte den Kopf und lie� die Polizisten dann schweigend vorbei.
Einer von ihnen hielt mich fest und ich wehrte mich nicht einmal, weil es nichts brachte, seine Kr�fte mit einem Zweimetermann zu messen und somit zu verschwenden.
"Haben sie das M�dchen schon einmal gesehen?", wandte sich der andere an Bryan. Bryan senkte den Kopf wieder. Diesmal schaffte er es wohl nicht, dem Mann einfach so ins Gesicht zu l�gen. Unsicher und langsam sch�ttelte Bryan den Kopf. Er wusste, dass ich es war, dass ich die war, die damals beim Umzug in zerschlissenen Jeans zwischen den gepflegten Vorg�rten gestanden hatte.
Es tat verdammt weh, als der Polizist, der mir die ganze Zeit mit einer ungeheuren Kraft in den Oberarm gekniffen hatte, mir die H�nde auf den R�cken drehte. Klick.
Verdammt brutal schubste er mich die Treppe runter und schleppte mich nach drau�en, w�hrend der andere einen Notizblock aus der Tasche zog und sich einiges aufschrieb. Dann kam er ebenfalls nach drau�en.
"Ich sehe sie dann sp�ter", rief er Bryan noch zu und kam dann zum Auto, wo ich mich bereits auf der R�ckbank niedergelassen hatte.
W�hrend der Fahrt schwieg ich, ganz im Gegensatz zu den beiden Polizisten, die mir irgendwelche Fragen stellten. Pf, sollten sie doch selber rausfinden, wer ich war. Ich w�rde es nicht sagen. Niemandem.
Das Geb�ude der Polizei sah von innen genauso aus, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich hatte es nie betreten m�ssen. Und von au�en hatte ich mir das Ding auch nur selten angeschaut. Ich hatte mich fast nie in die N�he dieses f�r mich gef�hrlichen Ortes gewagt. Ich hatte vor wenigen Dingen Angst, aber wenn ich Angst hatte, dann vor der Polizei und der �ffentlichkeit, w�hrend mir Dunkelheit nie etwas ausgemacht hatte. Sie war besch�tzend. Man konnte einfach durch die Gegend laufen und f�hlte sich Geborgen im Schutz der Dunkelheit. Sie verschluckte einen einfach.
Sie brachten mich in einen Raum, der einem B�ro glich. Wahrscheinlich war es eins. In der Mitte stand ein Schreibtisch. Auf jeder Seite stand ein Stuhl. An den W�nden standen gro�e Regale, voll gef�llt mit Akten. Die Rollos der Fenster, die sonst einen Blick auf Dublin gew�hrten, waren heruntergelassen.
Ich rieb mit zuerst die Handgelenke, als ich sie wieder frei hatte und wurde dann auf den einen Stuhl runtergedr�ckt.
"Du bleibst hier sitzen", vernahm ich eine Stimme hinter mir und dann Schritte. Sie lie�en mich alleine und machten die Glast�r zu. Ich blickte in den Flur, dar die W�nde gr��tenteils aus gro�en Fenstern bestanden. Die beiden Polizisten waren nach rechts gegangen.
Du bleibst hier sitzen!
Nie im Leben. Ohne zu �berlegen stand ich auf und spazierte raus auf den Flur. Hinter allen T�ren und Fenstern sa�en irgendwelche Leute und waren am Arbeiten. Ich wagte es nicht, loszurennen. So beachtete mich niemand und ich schlug schnell den Weg ein, den ich eben gekommen war. Mein Erinnerungsverm�gen hatte mich noch selten verlassen.
Mir kamen sogar Leute entgegen, aber ich ging ruhig, �u�erlich sah es zumindest so aus, an ihnen vorbei. Sie gr��ten freundlich zur�ck, wenn ich ihnen mit einem k�nstlich freundlichen Blick zunickte.
Auf den Treppen wurde ich schneller. Sie waren leer und ich konnte ungehindert immer zwei Stufen auf einmal nehmen.
Du bleibst hier sitzen!
Ich fragte mich, ob die zwei Polizisten schon wieder zur�ck waren, oder zumindest der jemand, den sie holen wollten. Verdammt, ich sollte mich beeilen, bevor jemand Alarm schlug. Aber ich hatte das Erdgeschoss schon erreicht und auch den langen Flur, der geradewegs auf die Ausgangst�r zuf�hrte. Ich legte noch einmal einen Endspurt ein, weil der Flur leer und die Anmeldung nicht besetzt war.
Meine Schritte, die auf dem grauen Linoleumboden des Geb�udes ein wenig quietschten, wurden schneller. Immer schneller und dann h�rte man sie gar nicht mehr. Man h�rte nur noch einmal ein helles Quietschen, als ich eine Vollbremsung machte, weil in der Eingangst�r eine Gestalt auftauchte, die genauso erstaunt stehen blieb wie ich.
Bryan.
Und wieder standen wir uns gegen�ber und r�hrten uns nicht. Sollte sich denn die verdammte Szene von vorhin wiederholen, weil keiner etwas tat und die Bullen schon wieder unterwegs waren? Wahrscheinlich waren sie schon im Treppenhaus und w�rden von hinten durch den Flur gelaufen kommen und vor dem einzigen Ausgang, den es gab, oder zumindest dem einzigen, den ich kannte, stand mal wieder Bryan und schaute mir verwirrt entgegen.
Jetzt oder nie!
Ich setzte mich wieder in Bewegung und rannte so schnell ich konnte auf Bryan zu. Der stand immer noch da, r�hrte sich aber nicht. Er riss lediglich die Augen auf. Die Chance nutze ich und raste an ihm vorbei. Unsere Schultern ber�hrten sich und durch meinen Schwung wurde Bryan ein wenig nach hinten gerissen. Erschrocken drehte er sich um und schaute hinter mir her. Auf dem Flur blieb es nach wie vor leer und als Bryan sah, dass bis jetzt niemand gemerkt hatte, dass ich weg war, rannte er los. Ich h�rte seinen schnellen Schritte hinter mir. Sie waren verdammt schnell. Ich hatte mich in Dublin nie erwischen lassen. Diese Verfolgungsjagden waren etwas, an das ich mich gew�hnt hatte. Ich hatte mich notgedrungen daran gew�hnen m�ssen.
Aber ich muss zugeben, dass es jedes Mal die gleichen gewesen waren, die mich durch die Stra�en gehetzt hatten. Jedes Mal die M�nner in Uniform, die ich so sehr f�rchtete. Vielleicht war es die Angst vor ihnen gewesen, die mich jedes Mal dazu getrieben hatte, noch schneller zu rennen. Aber es war leicht, sie abzuh�ngen. Sie kannten Dublin gut. Ich kannte Dublin besser. Keine Minute meines Lebens hatte ich damit verschwendet, in einem B�ro zu sitzen und Phantombilder zu erstellen. Nahezu jede Minute meines Lebens war ich durch Dublin gelaufen.
Und Bryan? Er war durch ganz Europa gelaufen, aber ich hielt ihn trotzdem f�r f�hig, mich bis zum totalen K.O. durch Dublin zu hetzen. Meine Ausdauer war nicht schlecht, aber ich sp�rte, wie Bryans K�hlschrankinhalt sich vom Magen aus Richtung Speiser�hre machte. Nicht mehr lange und ich w�rde mich �bergeben. Mitten auf der Stra�e.
Ich lief nach Norden. Dank der Fahrt mit dem Polizeiwagen war ich schon ein ganzes St�ck n�her ans Stadtzentrum herangekommen. Den Teil kannte ich wie meine Westentasche. Dort w�rde ich mich verstecken k�nnen und dann w�rde ich mich dazu entscheiden, irgendwo ein Ende zu setzen.
Nein, ich w�rde niemandem den Gefallen tun, mich umzubringen. Aus Dublin rauszukommen, dass w�re ein Ende. Dann gab es auch wieder einen Anfang und wenn ich dabei drauf gehen w�rde. Dann hatte ich es wenigstens versucht.
Also rannte ich weiter, vor Augen immer das Ziel, morgen nicht mehr in Dublin zu sein. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich Wochen sp�ter immer noch hier sein w�rde.
Bryans Schritte hinter mir wurde nicht langsamer, geschweige denn leiser. Er war immer noch hinter mir und ich fragte mich, wie viel Power man nach einem zweist�ndigen Konzert wohl noch haben durfte. Es gab wohl kein Gesetz, denn dann h�tten sie Bryan jetzt einlochen k�nnen. Er rannte schon viel zu lange hinter mir her.
Alles was ich h�rte waren seine Schritte, meine Schritte und mein Atem. Viel zu schnell atmete ich ein und aus, aber ich konnte nicht mehr und wenn ich nicht bald w�rde stehen bleiben k�nnen, dann w�rde ich mich verschlucken, das sp�rte ich. Ich wollte schlucken, aber es ging nicht. Mein Hals war trocken und die Luft str�mte in viel zu kurzen Abst�nden in meinen Lungen rein und wieder raus. Und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es bei Bryan anders war. Wir waren so weit Richtung Norden gelaufen und jetzt kamen wir in die Gegend, die mir etwas bekannter war. Ich f�hlte mich hier wohler.
Es hatte angefangen zu regnen und stockdunkel war es l�ngst. Es tat gut, den kalten Regen auf der Stirn zu sp�ren.
Ich rannte gerne nachts durch den Regen, auch wenn ich dabei verfolgt wurde. Verdammt oft war mir das passiert und manchmal hatte ich meinen Spa� gehabt. Der fing erst dann an, wenn ich merkte, dass mein Gegner mich nicht einholte.
Dieses Mal machte es keinen Spa�. Es ging lediglich ums �berleben. Ausgerechnet heute, wo mein Verfolger nicht langsamer wurde und nicht den Eindruck machte, m�de zu werden. Es waren immer die Gegner gewesen, die aufgegeben hatten, aber heute sollte es anders sein. Das Essen. Mit leerem Magen konnte man schnell Schwindelgef�hle bekommen, aber nicht mehr dann, wenn man den ganzen Tag einen leeren Magen hatte. Dann wurde einem schlecht, wenn man nur etwas Kleines gegessen hatte.
Ich war fast am Fluss. Ich rannte die Stra�e entlang und dann um die Ecke. Dabei schlug ich mir den Ellebogen an. Ich verk�rzte meine Schmerzpause von wenigen Sekunden auf null. Ich rannte weiter und konnte schon die vielen Br�cken sehen, die �ber den Fluss f�hrten. Es war erstaunlich, wie leer es hier an diesem Abend war.
Ich wollte eine der Br�cken nehmen, doch vorher verlangsamte ich ungewollt mein Tempo und lief auf das Gel�nder am Fluss zu. Es ging nicht mehr. Ich beugte mich �ber Br�stung und �bergab mich.
In dem Moment, als ich mich nach vorne beugte, wurde es still hinter mir. Die Schritte von Bryan waren verstummt. Er war stehen geblieben.
Als ich fertig war, h�tte ich weiterrennen sollen. Aber es ging nicht mehr, deshalb drehte ich mich um und lehnte mich an das Gel�nder. Bryan stand immer doch da, ungef�hr zehn Meter von mir entfernt. Er hatte weggeschaut, vielleicht ein wenig angewidert, als h�tte ich vorher gesagt, er solle mir dabei nicht zuschauen.
Ein wenig z�gernd drehte er den Kopf wieder zu mir. Ich stand immer noch v�llig ersch�pft da und atmete schwer. Ich hatte die H�nde auf die Knie gest�tzt, um nicht umzufallen. Ich war nahe dran, aber das w�re auch egal gewesen. Ob Bryan mich lebendig oder ohnm�chtig einsammelte, das war v�llig gleich. Obwohl ich lieber ohnm�chtig sein wollte. Dann w�rde ich die Blicke nicht ertragen m�ssen.
Bryan setzte sich in Bewegung. Aber er rannte nicht. Langsam ging er auf mich zu. Man konnte mir wahrscheinlich ansehen, dass ich keinen Meter mehr laufen konnte. Da konnte er sich auch Zeit lassen.
Ich blieb stehen und wartete auf Bryan.
Er brauchte mich nur noch zu packen und...
Bryan war zwei Meter vor mir entfernt. Er war wieder stehen geblieben. Seine Haare waren nass und einige Regetropfen tropften von seinem Kinn. Er hatte die H�nde in den Hosentaschen vergraben und stand einfach da. Gott, das war Folter. Konnte er mich nicht gleich mitnehmen? Nein, er stand da und warf mir unidentifizierbare Blicke zu, die mich regelrecht durchbohrten und auf dem Gel�nder aufspie�ten.
"WAS?", schrie ich, als ich es nicht mehr aushielt.
Mein Atem ging jetzt in lauten und langen Z�gen, wie die eines Monsters, dass innerlich kochte und gleich auf seinen Gegner losgehen w�rde, um ihm den Hals umzudrehen. Aber ich war nicht am kochen. Vielleicht ein wenig, weil Bryan mich auf die Folter spannte, aber eigentlich war ich nur ersch�pft. Vielleicht ein wenig entt�uscht von mir selber. Eigentlich wartete ich jetzt nur noch darauf, dass der Kerl was unternahm.
"Willst du mir eigentlich verraten, wer du bist?", fragte Bryan ruhig und kickte einen Kiesel weg, der vor seinen F��en gelegen hatte. Das war eine Frage, f�r die ich meine Antwort seit Jahren parat hatte. Sie lag immer auf meiner Zunge und musste nur noch herausgeschmissen werden. Sie lag auf der Zunge, aber heute klebte sie fest und deshalb sch�ttelte ich einfach den Kopf. Ich w�rde der Polizei nicht verraten wer ich war und Bryan w�rde ich es auch nicht verraten.
"Mann, was renne ich dir eigentlich hinterher?"
Meine Augen wurde gro�. Der war nicht hinter mir hergelaufen, weil er meinen Namen wissen wollte. Der wollte mich �rgern, der wollte mich warten lassen.
"Ich hab dich nicht darum gebeten", war der erste Satz, den ich an diesem Tag loswurde. Bryan senkte den Kopf und sch�ttelte ihn hin und her. Regentropfen flogen aus seinen Haaren. Er sah ein wenig aus, wie ein nasser Hund, der trocken werden wollte. Leider war er kein Hund. Hunde waren nicht so gemein.
"Was ist?", fragte ich noch einmal, als eine kurze Stille eingetreten war und Bryan sich immer noch nicht r�hrte. Dann streckte ich meine Arme nach vorne.
"Willst du mich nicht mitnehmen?"
Bryan stand immer noch reglos da.
"Deswegen bin ich nicht hier", sagte er und sch�ttelte wieder den Kopf. "Ich dachte, ich k�nnte dir irgendwie helfen, aber ich glaube nicht, dass ich das kann..."
"Wie bitte?" Ich dachte, ich h�tte ihn nicht richtig verstanden.
"Ich sagte, dass ich nicht vorhab, dich wieder zur Polizei zu bringen..."
"Warum hast du sie dann gerufen?", schrie ich ihn an, wobei ich mich nach vorne beugte und mich hinten mit den Armen am Gel�nder festhielt.
Jetzt wurde Bryan ungeduldig, was f�r mich v�llig unerwartet kam. Er hatte die ganze Zeit ruhig dagestanden und jetzt wurde er bissig.
"Verdammt, weil ich nicht erwartet hatte, dass ich einem 16-j�hrigen, oder wie alt du auch immer sein magst, M�dchen begegne, wenn ich die Treppe hochkomme."
Jetzt senkte ich den Kopf und es tat mir sogar ein wenig Leid, dass ich ihn so angeschrieen hatte.
"Sorry", murmelte ich v�llig ungewollt, aber ich glaube, er h�rte es auch gar nicht, so leise hatte ich es gesagt.
"Also wenn du was brauchst... ich..."
Bryan wusste nicht, wie er fortfahren sollte, aber ich hatte ihn schon verstanden und das hatte er gemerkt. Ich sch�ttelte den Kopf.
"Nein, aber du k�nntest mir einen viel gr��eren Gefallen tun..."
Bryan wartete. Er sah aus, als h�tte er in diesem Moment alles getan.
"...dann lass mich einfach nach hause gehen."
"Nach hause?", fragte Bryan.
Ich musste tief durchatmen, weil ich ihn nicht anschreien wollte, aber es brachte nichts.
"Meine G�te, muss mir denn jeder Vollidiot auf die Nase binden, dass ich gar nichts hab?"
Bryan fuhr einige Zentimeter zur�ck. Diesmal war er es, der ein leises "Sorry" herausbrachte.
"Und, darf ich jetzt gehen?", fragte ich vorsichtig und schob meinen K�rper langsam ein paar Meter nach rechts.
"Halt", sagte Bryan und ich hielt sofort inne und dr�ckte meinen K�rper an die Metallstangen hinter mir. Bryan kam noch ein paar Schritte auf mich zu. Es war kein halber Meter mehr zwischen uns und das machte mir Angst. Er schaute mit tief in die Augen und sagte laut und deutlich: "Du sagst niemandem, wo ich wohne. NIEMANDEM!!!"
Ich nickte und schluckte dabei einen dicken Klos in meinem Hals herunter. Die ersten Tr�nen kullerten �ber meine Wangen und ich war sicher, dass Bryan sie sah, auch wenn es regnete.
"Wem soll ich es denn erz�hlen?", fragte ich, um eine Anspielung auf Bryans Bemerkung �ber mein zuhause, das gar nicht existierte, zu machen.
Bryan schaute weg.
"Okay, ich will nur nicht, dass sich diese n�chtlichen Angriffe auf meinen Kleiderschrank zur Angewohnheit anderer Leute werden."
Ich blickte an mir herunter.
"Ach ja...", sagte ich und machte Anstalten, die Pullis auszuziehen. Bryan streckte seinen Arm aus und hielt mich fest. Das erste mal, dass er mich ber�hrte und ich lie� ihn sogar, w�hrend ich sonst dauernd zur�ckschreckte, wenn mir jemand zu nahe kam.
"Du kannst sie behalten. Ich will nicht irgendwann durch Dublin laufen und mich daf�r verantwortlich f�hlen, wenn ich ein M�dchen sehe, dass ohne Pulli durch die Stadt l�uft."
Er l�chelte und ich brachte sogar ein "Danke" heraus. Wahrscheinlich das erste Mal in meinem Leben.
Bryan fasste mit seiner Hand unter mein Kinn und schob es hoch, dass ich ihm wieder in die Augen schauen musste. Nach ein paar Sekunden lie� er wieder los und trat ein paar Schritte zur�ck.
"Du solltest lieber verschwinden, bevor ich mir die ganze Sache noch mal anders �berlege!"
Ich nickte und lie� endlich das Gel�nder los. Ich drehte mich um und ging los. Von Bryan h�rte man nichts und als ich meinen Kopf noch einmal drehte, stand er immer noch da.
Er wird so lange da stehen bleiben, bis du weg bist.
Also ging ich weiter.
"Hey", h�rte ich Bryans Stimme hinter mir. Sie war laut und eindringlich. Ich blieb stehen und drehte mich noch einmal um. Der Regen hatte aufgeh�rt und Bryan stand unver�ndert auf der Stra�e.
"Wenn du mal wieder das Gef�hl hast, dass du gar nichts hast, dann schau einfach mal an den Himmel. Es ist August. Jetzt hast du die gr��ten Chancen."
Ich wusste nicht genau, was er meinte, aber ich merkte es mir und ging weiter. Bryans Blicke verfolgten mich, das konnte ich regelrecht sp�ren. Er stand immer noch da, auch wenn ich ihn nicht sehen konnte. In einer Minute w�rde er gehen. In einer Minute w�rde ich die Stra�e zum Hafen erreichen und um die n�chste Ecke biegen.
Sp�ter lag ich am Hafen. Ich hatte mir eine Bank gesucht und mich darauf gelegt. Ich hatte Kopfschmerzen, weil meine Gedanken aufgewacht waren und nun durch den Kopf schwirrten. Ich dachte �ber Bryan nach. Was hatte er mit der Jagd durch Dublin erreichen wollen? Es war ihm nicht um seine Pullis gegangen und auch nicht um das Sandwich, dass jetzt in kleinen St�cken im Fluss rumschwamm, dar�ber war ich mir im klaren, aber es gab trotzdem noch zwei M�glichkeiten. Vielleicht hatte er mir wirklich nur diesen letzten Satz sagen wollen, aber vielleicht hatte er auch wirklich nur Angst gehabt, dass ich irgendwem erz�hlte, wo er wohnte.
Ich w�rde es nicht weitersagen und auch diesmal gab es zwei M�glichkeiten, warum ich es nicht tun w�rde.
Ich w�rde nie erfahren, warum. Das lag ganz an Bryan und seinen zwei M�glichkeiten. Wenn er mir gefolgt war, um mir das mit dem Himmel zu sagen, was vielleicht wichtig war, dann tat ich es aus Dankbarkeit nicht und wenn er sich blo� Sorgen um sein Haus machte, dann tat ich es nicht, weil ich wollte, dass der Besuch in seinem Haus etwas blieb, was nur ich geschafft hatte. Wenn er ein Egoist war, dann war ich es auch, so einfach war das.
Und der letzte Ratschlag von ihm...
Ich verstand ihn, als an diesem Abend etwas �ber den Nachthimmel huschte, dass f�r alle da war und nichts kostete. Es war klein, hell und so schnell, dass es nur f�r den Bruchteil einer Sekunde zu sehen war.
So schnell wie eine Sternschnuppe.