F / RUM 1997. 100 Min
Regie: Tony Gatlif,
Buch: Tony Gatlif,
Musik: Tony Gatlif, Monika Juhasz-Miczura "Nora Luca", Rona Hartner "Disparaitra", "Dandaro", "Lanto", Adrian Simionescu "Tutti Frutti", Esma "Djelem"
Kamera: Eric Guichard,
Schnitt: Monique Dartonne,
Darsteller: Romain Duris (Stéphane), Rona Hartner (Sabina), Izidor Serban (Izidor), Ovidiù Balan (Sami), Don Astileanu (Dimitru), Valentin Teodosiu (Denech), Florin Moldovan (Adriani)
Kinostart: 28/8/1998
Ein junger Mann aus der Fremde durchquert das winterkalte Rumänien auf der Suche nach einer geheimnisvollen Sängerin: Nora Luca. Stéphanes verstorbener Vater hatte die Kassette in seinen letzten Lebenstagen unentwegt gehört. Stéphane trifft in einem Dorf auf Izidor, einen alten Zigeuner, mit dem er trinkt, singt und lacht. Im Glauben, daß der Alte ihn zu Nora Luca führen wird, schließt er sich ihm an. Am nächsten Morgen ist das Dorf in Aufruhr: Wer ist der Fremde, der im Bett des Dorfältesten schläft? Ein Hühnerdieb? Doch Izidor erklärt seinen Leuten, daß der junge Franzose sein Freund sei und die Sprache der Roma lernen wolle. Nach und nach wird aus dem Argwohn der Dorfbewohner Akzeptanz, und Stéphane wird sogar zu einer Hochzeit mitgenommen, wo Izidor mit seinen Freunden zum Tanz aufspielt. Die Tänzerin Sabina, die früher in Belgien gelebt hat, wird zu seiner Dolmetscherin, die ihn Anfangs als Fremden beflegelt, dann aber für ihn entflammt. Stéphane ist fasziniert von Sabinas Leidenschaft und Sinnlichkeit, ihrem wilden, unbezähmbaren Freiheitswillen.
Anfangs macht Stéphane Aufzeichnungen zu den verschiedenen Zigeunermusikern, die er kennenlernt. Mehr und mehr wird ihm aber bewußt, daß er die Musik der Zigeuner nur hier und jetzt - und mit dem Herzen - verstehen und bewahren kann.
Auf der Suche nach der Musik seines Vaters findet Stéphane die Liebe, eine neue Familie, eine neue Welt...
Gadjo Dilo ist weder eine Ethno- noch eine Sozialstudie, sondern eine einfache Liebesgeschichte zwischen einer Rumänin und einem Franzosen. Dabei ist Gadjo Dilo schön und poetisch, anarchisch und gewalttätig wie ein Kinderreim.
In der schönsten Szene sieht man Izidor am Grab eines frisch verstorbenen Freundes. Er nimmt einen Schluck aus seiner Schnapsflasche, gießt den Rest, als sei es Weihwasser, über den Grabhügel und beginnt zu tanzen, selbstvergessen und nach einem eigenen Rhythmus. Es ist, als bewegten sich die Figuren nach einer allgegenwärtigen, unhörbaren Musik, die dann, wenn sie zu ihren zusammengeflickten Instrumenten greifen oder zu singen anfangen, aus ihnen herausbricht und sich manifestiert. Und so wie die Musik voller falscher Noten ist, verschwimmen auch die Dialoge in einem lautmalerischen Singsang, so daß die Verständigung, gerade zwischen Stéphane und den Dorfbewohnern, eher über klangliche Eigenschaften der Wörter funktionieren.
Tony Gatlif engagierte mit Romain Duris als Stéphane und Rona Hartner als Sabina nur zwei professionelle Schauspieler, den Rest der Darsteller rekrutierte er aus den Bewohnern des rumänischen Drehortes. Auf diese Weise wurde für Duris die Erfahrung seiner Filmfigur, die des Fremden, des "Gadjo", innerhalb einer verschworenen Gemeinschaft, zugleich seine eigene beim Drehen, und das beläßt den Begegnungen, in denen neugierig gemustert, verlegen geschwiegen, wild durcheinander geredet wird und damit dem ganzen Film eine lose, holprige und von sinnlicher Lebendigkeit und chaotischer Schönheit strotzende Form. (Mark Stöhr, Schnitt)
Silberner Leopard in Locarno 1997
„Dieser Film erinnert mich an meine Kindheit, vor allem an die Zeit meiner Jugend - arm zu sein und glücklich zugleich. An etwas Sorglosigkeit, die das Leben erst schön macht. Aber auch an die Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung einer ganzen Volksgruppe." (Rudolf Sarközi, Obmann des Kulturvereins Österreichischer Roma)
Mit den Augen und Ohren eines Fremden taucht Regisseur Tony Gatlif in diese urtümliche Welt ein, die vor Tönen, Farben und Lebenslust überbordet, ohne daß der Fortissimofilm je in die Klischees abgleitet. (Zürcher Tagesanzeiger)
Der Film des in Algier geborenen und in Frankreich lebenden Tony Gatlif, Gewinner des silbernen Leoparden am Festival von Locarno 1997, hält sich bei ausführlichen Begründungen nicht auf, bezaubert aber durch seine schwebende Poesie, den balladenhaft improvisierenden Ton und eine Zigeunerfolklore, die nie klischiert anmutet. (Neue Zürcher Zeitung)
Es handelt sich um eine Musik, die die Angst und den Seelenschmerz eines Volkes herausschreit. Deshalb ist Zigeunermusik so schön. Sie bricht aus allen Sinnen hervor, sie ist voller falscher Noten. Die Instrumente sind aus allen möglichen Dingen zusammengeflickt. Ihre Musik ist eine Revolte. Nichts ist vorgefertigt, alles wird herausgeschrien. Und genauso habe ich mir den Film vorgestellt. (Tony Gatlif)
Der 1948 als Michel Dahmani geborene Regisseur algerischer und zigeunerischer Herkunft hat wiederholt die Kultur der Fahrenden dokumentiert. Für sein vorletztes Werk, Latcho Drom, hat er wie Stéphane als Ethnologe gearbeitet und Musikstücke gesammelt. Danach stellte er sich die Frage, "inwiefern das filmische Festhalten dieser Musik den Menschen, die sie spielen, überhaupt nützt oder schadet. Um diese Problematik wollte ich einen Spielfilm realisieren." Entstanden ist mehr, nämlich einer der bewegendsten Filme darüber, wie die Fähigkeit zu fühlen und sich auszudrücken den Menschen ebenso zeichnet wie auszeichnet.
Denn mal wünscht man so bedingungslos empfinden zu können wie Izidors Clan, und dann ist man wieder erleichtert, dazu nicht imstande zu sein. In jedem Fall wächst der Respekt vor den Roma und ihrer Andersartigkeit, die schicksalhaft und darum im Grunde tragisch ist. Trotzdem meidet der Autor die große Geste und verfällt auch nie in Sentmentalität, obwohl er viele Klischees aufgreift, die mit Zigeunern verbunden sind. "Das Geheimnis", erklärt Gatlif seine Inszenierung, "heißt ganz einfach Wahrheit. Alles ist echt, außer den beiden Hauptdarstellern, doch denen habe ich alles ausgetrieben, was sie als Schauspieler gelernt haben. So sind auch diese Profis echt geworden." In seiner Darstellung gehen Pathos und Groteske Hand in Hand. Große Gefühle, körperlich ausgedrückt, wirken immer auch komisch. Und die Roma können nicht anders, als Ihre Emotionen mitteilen, sie würden sonst an ihnen ersticken. Überlebensnotwendige Ventile sind Musik und Gesang, aber auch expressive Gestik und Mimik sowie eine Sprache, die an Direktheit nicht zu überbieten ist. So kommt es, daß der Zuschauer in einigen emotionsgeladenen Szenen sowohl mitfühlt als auch unwillkürlich schmunzelt oder lacht. Darum, und weil viel gerannt wird, erinnert Gadjo Dilo an Werke aus der Kintoppzeit, wo ebenfalls der Körper universell verständliches Medium der Gefühle war. Vielleicht schwingt deswegen leise Nostalgie beim Betrachten des Filmes mit: Ob die Herzen früher nicht doch wilder waren? (Tibor de Viragh, Der Zürcher Oberländer)
(alle Texte: Filmcasino)
Ein junger Franzose kommt in ein abgelegenes rumänisches Dorf, das von Roma bewohnt ist. Auf der Suche nach einer Sängerin, deren Musik sein Vater in der Todesstunde hörte, trifft er einen alten Musikanten und ein Zigeunermädchen, das seine erste große Liebe wird. Mit Hilfe dieser Begegnungen philosophiert der Film über Wurzellosigkeit und das Findern der Heimat in sich selbst. Die Leistungen der Darsteller und eine Vielzahl folkloristischer Ingredienzen machen ihn zu einem Werk voller archaischer Kraft und Poesie, zu einer Hymne auf die Urgewalt der Gefühle.
Die Handlung ist nicht neu: Der Held kommt in eine Umgebung, von der er wenig weiß, die ihn aber von Anbeginn an fasziniert. Er beginnt, dieses Universum für sich zu erschließen, wie ein Kleinkind, mit dem Nachplappern unbekannter Worte und dem neugierigen Blick aus weit aufgerissenen Augen. Später, nach der Katastrophe, wird er aus dem Paradies vertrieben, verläßt es aber als ein neugeborener Mensch: reicher an Lebenserfahrung und Wissen, sensibler für "fremde" und eigene Gefühle. Tony Gatlif baut die Mauern zwischen seiner Hauptfigur, dem jungen Franzosen Stéphane, und den Roma, in deren Dorf er gerät, von vornherein nicht allzu hoch. Stéphane hat schon vor der ersten Begegnung eine imaginäre Bindung zur Kultur der "Zigeuner": Sein Vater, der vor kurzem starb, hörte in seiner Todesstunde ein Tonband mit Liedern der Roma-Sängerin Nora Luca; nun hat sich der Junge auf die Suche nach ihr begeben. Zur selben Zeit, als er in den Umkreis des Dorfes gerät, wird - parallel montiert - ein anderer junger Mann von Polizisten abgeführt. Es ist der Sohn des Musikers Izidor, und weil der Alte nicht ohne Kind zu existieren vermag, adoptiert er Stéphane vom Fleck weg und öffnet ihm sein Haus.
Gatlifs Kunstgriff besteht darin, Klischees einfach umzudrehen: Der Pariser Junge tritt so in den Film ein, wie sich ein durchschnittlicher Mitteleuropäer einen "Zigeuner" vorstellen würde: vagabundierend auf den Landstraßen Rumäniens, mit zerschlissenen Schuhen und abgeschabten Kleidungsstücken. Die Roma dagegen sind seßhaft: Sie wohnen in eigenen Häusern und Zelten, haben sich ihr Dasein weitgehend eingerichtet, sind Kesselflicker oder Musikanten oder Mütter vieler Kinder. Nicht sie werden als "Hühnerdiebe" beschimpft sondern der "Fremde" aus Paris. Ein scherzhaftes Spiel mit bitterernstem Hintergrund. Die merkwürdige Beziehung zwischen dem jungen Stéphane und dem alten Izidor fesselt von der ersten Sekunde an. Weil der Alte als eine Art Dorfoberhaupt gilt und die Verwandt- und Bekanntschaft weitgehend auf ihn hört, erspart das dem Film lange Umwege. Gatlif steuert schnurstracks auf seine inhaltlichen Fixpunkte zu - Liebe und Folklore. Beides hilft den Menschen, so sein Credo, einen Platz zu finden, der Heimat genannt werden darf; und beides wird ausgiebig zelebriert. Hinter der Legende vom Sterben des leiblichen Vaters und Stéphanes Suche nach Nora Luca steckt mehr als nur ein dramaturgischer Anlaß für überbordende folkloristische Ingredienzen. Nach und nach offenbart der Junge, daß es nicht nur der Tod war, der ihm den Vater nahm. Auch als dieser noch lebte, hatte er sich der Familie oft entzogen: auf monatelangen Reisen um die Welt, beim Erforschen des Liedguts anderer Völker. So ist die Odyssee des Sohnes gleichsam eine Suche nach dem Geheimnis des Vaters, nach den Ursachen von dessen Wurzel- und Heimatlosigkeit.
In der letzten Szene schlägt Stéphane dann rigoros einen anderen Weg ein als sein Vater, der das Leben wie ein Besessener auf Tonbändern speicherte und dabei immer auf der Flucht vor sich selbst war. Der radikale emanzipatorische Akt des Jungen, das Vernichten der Audiokassetten, hat natürlich mit dem Ersatzvater zu tun: Izidor trug seine Heimat stets im Herzen und bedurfte keiner Reisen oder technischer Gerätschaften, um sich zu finden. Dramaturgisch untermauert wird der pointierte Epilog auch durch die Liebesgeschichte zwischen Stéphane und Sabina, einem Roma-Mädchen, das ihn erst abweist, sich dann aber mit all seinen Sinnen öffnet. Als er den Dorfleuten zum ersten Mal das Tonband mit Liedern von Nora Luca vorspielt, blickt es durchs Fenster; Gesang und Sabinas Gesicht überlagern sich - eine Sequenz, die signalisiert, daß der Junge zwar nicht die Gesuchte, dafür aber seine eigene große Liebe gefunden haben könnte. Später finden sich die beiden am Ort ihrer Geburt, gleichsam einer magischen Quelle, und laufen ausgelassen, nackt und frei durch den Wald: Adam und Eva in der rumänischen Wildnis. Kontrapunktisch zu diesen Bildern setzt Gatlif die Vertreibung aus dem Paradies: eine Montage, in der sich Liebe und Haß als Urgewalten begegnen. Die Roma müssen aus ihrem Dorf fliehen - ein Exodus, der keinen metaphysischen, sondern einen sehr realen, sozial motivierten Grund hat. Izidors "wahrer" Sohn kehrt aus der Haft zurück, provoziert in der Kneipe ein paar rumänische Männer, die dann die Siedlung stürmen und anzünden.
Dieses brutale Brandschatzen ist der fulminante Höhepunkt einer Reihe sorgsam gesetzter, dichter Beobachtungen über das Verhältnis zwischen Rumänen und Roma. Mit wenigen Strichen gelingt es Gatlif, die Spannungen zwischen beiden Volksgruppen transparent zu machen, etwa das feindselige Schweigen der Rumänen, sobald Roma ihre Gaststätte betreten. Die unsichtbare Mauer wird nur durchlässig, wenn "Zigeuner" bei rumänischen Familienfesten zum Tanz aufspielen. Eine der berückendsten Szenen entspringt der utopischen Hoffnung auf andere, bessere Möglichkeiten des Zusammenlebens, auf Gleichheit und Brüderlichkeit. Als Izidor seinen Ersatzsohn zum ersten Mal stolz in der Kneipe vorstellt, läßt er seiner Fantasie über die gesellschaftliche Anerkennung der Roma in Frankreich freien Lauf. Dort seien sie längst in die privilegierten Berufsgruppen aufgestiegen, würden als Anwälte und Oberste arbeiten; niemand zeige mit dem Finger auf sie, im Gegenteil: "Alle mögen sie." In solchen Szenen erweist sich der transsylvanische Dorfmusiker Izidor Serban, ein Laie, als unübertreffliches Naturtalent. Ihm verdankt der Film einen Großteil seiner Stärke und Schönheit. Unvergeßlich etwa der Tanz des alten Mannes am Grab eines Bekannten, ein Kraftakt, bei dem sich gängiges Ritual und ehrliche Trauer zu einer emotionalen Explosion ballen. Neben Serban haben es die anderen Hauptdarsteller schwer, auch Romain Duris als Stéphane, der oft in der Rolle des passiven Zuschauers verharren muß. Wenn "Gajdo dilo" in einigen wenigen Bildern den Eindruck kunstgewerblicher Exaltiertheit hinterläßt, liegt das nicht zuletzt an Rona Hartner als Sabina, die zu viel chargiert, die "Exotik" eines Zigeunermädchens mitunter grell und impulsiv ausstellt. Romain Duris und Rona Hartner sind die einzigen Berufsakteure des Films. Alle anderen Darsteller fand Gatlif an den rumänischen Originalschauplätzen. Ihre Mitwirkung verhilft "Gadjo dilo" zu einzigartigen authentischen Momenten: etwa in solch beiläufigen, leisen Szenen wie jener, in der sich Roma-Frauen über die Zahl der Babys in französischen Familien unterhalten und befremdet von Stéphane abrücken, als sie erfahren, daß in Mitteleuropa die Ein-Kind-Familie dominiert.
Mit "Gajdo dilo" hat der aus einer algerischen Zigeunerfamilie stammende Gatlif seine dritte Arbeit über Roma-Schicksale vorgelegt. Nach "Die Prinzen" (1983, fd 25 242) über das Scheitern eines jungen Mannes an den elenden Umständen einer Pariser Vorstadtsiedlung und "Latcho drom" (1992), einer Skizze über den Weg des Roma-Volkes von Rajastan nach Andalusien ist "Gadjo dilo" der publikumswirksamste, sinnlichste Teil des Triptychons: Ein tragikomisches Werk voller archaischer Kraft und Poesie, eine Hymne auf die Urgewalt der Gefühle. Und ein Film, in dem Authentisches und Gleichnishaftes auf glückliche Weise verschmelzen. (Ralf Schenk, film-dienst)
Eine kalte Winternacht. Vor einer abgelegenen Polizeibude irgendwo im rumänischen Nirgendwo hocken zwei Männer. Der alte Roma Izidor (Izidor Serban) jammert, flucht, klagt und säuft: Sein Sohn wurde verhaftet und sitzt im Knast. Der junge Franzose Stephane (Romain Duris) versteht nichts, trinkt aber halberfroren gerne mit. Am nächsten Morgen ist das Zigeunerdorf in heller Aufregung - ein Fremder liegt im Bett des Dorfältesten Izidor. Jung und alt steht mit angstvoller Scheu vor der Hütte - wird der langhaarige Weiße einen Fluch aussprechen? Nachdem sich der verkaterte Izidor sehr, sehr langsam und leise erinnern kann, darf Stephane bleiben. Doch die Vorbehalte der Dorfbewohner sind noch lange nicht ausgeräumt, denn "Gadjo Dilo" kehrt auf freche Weise bekannte Vorurteilen um: So sind die Bewohner des Dorfes beim Auftauchen des Fremden sehr beunruhigt und schauen erstmal nach, ob zuhause nichts geklaut wurde! Auch legen sie viel Wert darauf, daß er sich mal gründlich wäscht. Stephane und Izidor sprechen nicht die gleiche Sprache, sie verstehen sich aber doch - manchmal. Der Franzose sucht eine bekannte Romasängerin, Nora Luca, deren Musik sein Vater und nun auch er immer wieder von einer Kassette hören. Es dauert eine Weile bis der Konservenmensch begreift, daß hier noch andere Frauen derart bis in Innerste anrührend singen können. Ja, daß hier jeder seine Musik über irgendein Instrument herauslebt. Irgendwann erkennt der lachende, freundliche junge Mann auch die wilde, neugierige, aufbrausende Sabina (Rona Hartner), die ihm bei der Suche nach Nora Luca hilft. Zuerst verspotteten Stephane buntbekleidete Frauen mit Goldzähnen in ihrem breiten Lachen und viel Stolz in ihrer aufrechten Haltung. Jetzt ist er wie ein (Ersatz-) Sohn für Izidor, singt tanzt und lebt zusammen mit den anderen.
"Gadjo Dilo" ist einer der wenigen Filme, die das Publikum auf der Seite des Fremden mitfühlen lassen. So lernt Stephane die Sprache seiner Gastgeber und nicht umgekehrt. Nur Sabina hat früher in Belgien etwas Französisch gelernt. Gadjo Dilo heißt in der Sprache der Roma tatsächlich "Verrückter Fremder". Der sagenhaft lebendige Film ist letzter Teil einer Trilogie, dem "Les Princes" und "Latcho Drom" voranging.
"Gadjo Dilo" gewann 1997 den Silbernen Leoparden und die ungeteilte Begeisterung des Publikums in Locarno. Das ergreifende und mitreißende Vergnügen lebt von und mit der Musik, die tief aus dem Herzen und aus dem Bauch kommt. Im Moment größten Glücks und tiefster Trauer ist dieser Gesang der Seele am stärksten. (Wenn in Doris Dörries "Bin ich schön?" ein alter Spanier, der aussieht wie Dietmar Schönherr, seine Trauer heraussingt, muß man sich erneut Gedanken machen, ob eine angeblich zivilisierte, stille Art der Trauer überhaupt gesund sein kann ...) Die herzerfrischende Komödie idealisiert vielleicht das freie und intensive (Er-) Leben der Roma. Ganz kann sich "Gadjo Dilo" aber nicht von Rassismus, Fremdenhaß und Gewalt abkehren. Der Film voller Kraft und Leben zeigt außer Duris und Hartner, die sich über ihre Rollen sehr nahe gekommen sein sollen, nur rumänische Laiendarsteller. (Günter H. Jekubzik, FILMtabs)
Auf der Suche nach den alten Liedern, «Gadjo Dilo» von Tony Gatlif
Ein junger Mann aus Paris kommt nach Rumänien, um die Sängerin eines ganz bestimmten Liedes zu suchen. Und findet nicht sie, dafür die Liebe einer Zigeunerin - und wohl auch sich selbst. «Verrückter Fremder» («gadjo dilo») wird Stéphane von den Roma genannt, und so ist auch der neue Film des 1948 in Algier geborenen und heute in Frankreich lebenden Tony Gatlif betitelt, der 1997 am Festival von Locarno den Silbernen Leoparden erhielt. «Gadjo Dilo» hält manche Soundtrack-Reize bereit und ist eine Geschichte, die uns scheinbar unbekümmert von A über B nach C führt, um sich dann eben doch zur markanten Bogenform zu runden und motivische Binnenbezüge zu offenbaren. Balladenhaft improvisierender Ton, Formbewusstheit und pralle Zigeunerfolklore - die, auch wenn sie unseren Klischees entspricht, doch nicht eigentlich klischiert wirkt - ergeben zusammen einen durchaus farbigen Film.
Es beginnt wie in einem Roadmovie, dessen Protagonist müde ist und am liebsten aus der Rolle steigen würde. Und wenn Stéphane dann schliesslich mitten in der Nacht irgendwo in der Walachei «angekommen» ist, geht die Suche erst richtig los. Wonach genau? Weshalb überhaupt? Bei ausführlichen Begründungen hält sich dieser Film nicht auf, und was wir ihm als poetischen Schwebezustand zugute halten möchten, könnte ihm leicht auch als Unschärfe ausgelegt werden. Immerhin erfahren wir, dass Stéphanes reisefreudigem, bei Nomaden in Syrien gestorbenem Vater die Musik über alles ging, dass er von überallher Bänder und Kassetten heimbrachte und ein Zigeunerlied, welches eine gewisse Nora Luca in Rumänien gesungen haben soll, besonders liebte. Und so mutmassen wir denn, dass Stéphane, der bei seiner Mutter in Frankreich lebt, deshalb so dringend nach dieser Sängerin fahndet, weil sich hier ein Sohn, will er wirklich erwachsen werden, zuerst an seinem toten Vater abarbeiten muss, einer womöglich gerade aus der Ferne strahlkräftigen Figur. Dass Stéphane einmal einen Brief der Mutter mit Geldnoten erhält, hilft auch nicht viel weiter, um das (Vor-)Leben unseres Helden zu erhellen. Aber so, wie ihn Romain Duris spielt, etwas fleissig grinsend zwar, aber doch charismatisch-frisch, braucht uns das alles nicht sonderlich zu interessieren; der «verrückte Fremde» darf auch uns in vielem fremd bleiben.
Stéphane erhofft sich Suchhilfe bei Izidor, dem kuriosen, virtuos geigenden und tanzenden alten Zigeuner (Izidor Sherban gibt ihm anrührend Gestalt), der immer wieder überquillt von Gefühlen, seien es nun solche der Freude oder der Trauer. Izidor, dessen Sohn im Gefängnis ist, bietet sich an als Ersatzvater, führt Stéphane ein in die Sitten und Bräuche der Zigeuner. Die Sängerin Nora Luca freilich gleicht einem Phantom und muss sich, der unterschwelligen psychologischen Botschaft des Filmes gemäss, den Suchbewegungen wohl auch entziehen. Statt ihrer tritt immer deutlicher Sabina in den Vordergrund, die von der Zigeunergemeinschaft geächtete Frau, die einst mit einem Belgier verheiratet war. Rona Hartner spielt sie anfangs kratzbürstig und dann zunehmend weicher, je näher Sabina und Stéphane einander kommen.
Nach der Freilassung von Izidors Sohn brechen plötzlich Hass und Gewalt in die Geschichte ein. Es gibt Tote. Das Zigeunerdorf brennt ab. Stéphane und Sabina reisen weg. Und in einem deutlichen Rekurs auf den Anfang, wo sich der Marschmüde am Strassenrand verpflegt hatte, zerstört und begräbt dort Stéphane jetzt die vielen Kassetten, auf denen er Zigeunermusik aufgenommen hat. Wie hier die Kassettengehäuse an einen Stein gehauen, die Bänder aus den Plasticmägen gezogen werden, als seien es Gedärme, und wie alles im Massengrab landet, zeigt, dass da mehr geschieht als ein launig inszeniertes und schliesslich in Tanzbewegungen mündendes Happening. Hier nimmt einer Abschied von der Vergangenheit und initiiert sein neues Leben. Und nicht zum wenigsten wird mit diesem Ritual überhaupt die Absage an den Trieb, lebendige Kunst zu sammeln und Musik in Konserven zu bannen, in ein eindrücklich drastisches Bild gefasst. (Torbjörn Bergflödt, Neue Zürcher Zeitung 13/2/1998)
Auf der Spur eines Liedes, auf der Suche nach einer Sängerin mit Namen Nora Luca ist ein junger Franzose bis nach Rumänien gereist. Eines Nachts, mitten im Winter, wird er von einem alten Mann (Izidor Serban) aufgelesen, der ihn zuerst zum Trinken einlädt und ihn dann mit zu sich nach Hause nimmt.
Stéphane (Romain Duris) ist angekommen. Er erwacht am nächsten Morgen in einer Roma-Siedlung, und dort wird er die nächsten Monate auch bleiben, die Roma-Sprache lernen, andere Lieder finden und sich verlieben. Gadjo dilo, "Verrückter Fremder", ist nach Die Prinzen (1983) und Latcho drom (1992/93) der Abschluß einer Trilogie von "Zigeuner"-Filmen des französischen Regisseurs Tony Gatlif. Die Suche nach Nora Luca ist für den Film wie für den Helden schnell nur noch ein Vorwand. Es geht auch weniger ums Reisen, um die räumliche Bewegung als vielmehr um die Differenz zwischen deren angenommenem Ziel und dem, was sich schließlich als solches herausstellt.
Stéphane ist nicht als Forscher und Ethnograph gekommen, sondern aus persönlichen Motiven. Er weiß wenig, aber er lernt viel. Die eigentliche Erzählung des Films ist jene von der Begegnung einander fremder Menschen, Sprachen und Kulturen. Gatlif setzt dabei durchaus auf die komischen Momente, die sich daraus ergeben. Stéphanes plötzliches Auftauchen wird von der Roma-Gemeinde anfangs mit Mißtrauen und Unverständnis kommentiert.
Der vermeintliche Hühnerdieb, der zum Glück kein Deutscher zu sein scheint, wird schließlich mit dem Attribut der Verrücktheit belegt, und unter diesem Vorzeichen kann er am Leben der Gemeinde teilhaben, beschützt von seinem "Finder" und Mentor Izidor.
Die Kamera bleibt immer nah an den Darstellern und ihren Gesichter oder mitten im dichten Menschengedränge. Bis auf Romain Duris und die rumänische Schauspielerin Rona Hartner wurde Gadjo dilo ausschließlich mit Laien besetzt. Ihre Zurückhaltung und ihre Intensität (vor allem die des Izidor Serban), die Kargheit der Umgebung schließen aus, daß Gadjo dilo ins Pittoreske, Folkloristische abdriftet. Beim letztjährigen Filmfestival in Locarno wurde Gadjo dilo übrigens mit großem Jubel und gleich drei Preisen bedacht. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 25/8/1998)
Zeit der Zigeuner, Zeit der Utopie. Tony Gatlifs "Gadjo dilo", eine winterliche französische Tragikomödie, die am Mittwoch im Filmcasino als "Presse"-Premiere vorgestellt wurde, vermittelt sinnlich das Leben und die Traditionen der Roma.
Gadjo dilo, das heißt eigentlich "verrückter Fremder" und nicht, wie der offenbar markttauglichere deutsche Film-Untertitel es will, "geliebter Fremder". Um Verrücktheiten und Verrückungen, um das Gefühl des Deplaziert- und Fremdseins (und jene vitalen Strategien, die sich dagegen setzen lassen) geht es in Gadjo dilo nämlich ganz wesentlich.
Die Musik ist das entscheidende Bindeglied zwischen der Kultur, die Regisseur Tony Gatlif einem nahebringt, und seiner Erzählung, die den dokumentarischen Anteilen bisweilen doch so etwas wie einen konventionellen Spannungsbogen verpassen will. Ein junger französischer Vagabund, so die Story, läuft auf dem Weg durch die verschneite Walachei einem Phantom hinterher: Sein Vater hatte ihn einst mit der Stimme einer fremden Sängerin bekanntgemacht. Sie läßt den Sohn (Romain Duris) nicht mehr los: Seine Reise gilt der Suche nach der Musikerin, dem Körper zur Stimme.
Er findet zunächst aber nur einen alten betrunkenen Mann - und über ihn den Weg in eine Roma-Siedlung, in ein geschlossenes Universum, das Fremde nur aus der Ferne kennt. Im Dorf selbst, soweit ist Gadjo dilo ein Thesenfilm, findet eine Umkehrung der sozialen Verhältnisse statt: Der junge Franzose, ein ungeliebter Eindringling, sieht sich als Dieb beschimpft und mit Vorurteilen gequält. Der Junge aber versucht zu verstehen, was die Roma ihm mitteilen, worüber sie lachen, worüber sie sich empören. Da ist Gadjo dilo dann eine Komödie, eine Farce der sprachlichen Mißverständnisse und des Spiels mit kulturellen Differenzen.
Der Vagabund stößt schließlich auf die Wildeste im Dorf, auf ein kratzbürstiges Mädchen (Rona Hartner), eine anarchische Kraft, also ein Sinnbild ihres Volkes. Für die Romanze zwischen seinen Helden findet Gatlif bemerkenswerte Bilder: rauhe, aber auch hysterische Szenen von der Annäherung zweier Einsamer, Bilder, die mit Liebeskitsch ungefähr so viel zu tun haben wie die Roma mit unauffälliger Kleidung.
Gatlif hat seinen Film, abgesehen von Duris und Hartner, mit Laien, mit Selbstdarstellern gedreht, die Derbheiten nicht scheuen und wissen, was sie tun: Auch das gibt Gadjo dilo einen Realismus, der weit über die Stimmigkeit des Milieus hinausgeht. Die Musik kommt dabei zu Hilfe: Die traditionellen Songs der Roma durchziehen den Film, geben ihm eine Leitlinie, bodenständig, lebensklug, sinnlich.
Gatlif, Regisseur, Autor und Komponist des Films, erzählt in Gadjo dilo von Dingen, die er genau kennt, das kann man sehen und hören: Diese Freiheit im Umgang mit einer vertrauten Welt führt dazu, daß sich auch die Erzählung immer wieder die Freiheit nimmt, nicht funktionell zu erzählen, an einem Tanz oder einem Lied einfach hängenzubleiben.
Bei aller Nonchalance, mit der Gatlif seine Geschichte entrollt: Ohne Probleme ist die Erzählung nicht. Der junge Held etwa bleibt blaß, unkonturiert, nur ein sonniges Gesicht, eine Frohnatur, die Gatlif recht naiv als Platzhalter für sein Publikum benützt: Der Fremde, der mit der Welt der fahrenden Musiker konfrontiert wird, versteht (zunächst) gar nichts, bestaunt Land und Leute wie ein Kind, aber läßt sich auf die Menschen, die er trifft, mit utopischer Toleranz ein. So einfach ist das Leben nicht, auch nicht im Kino. Und Gatlifs überzogen dramatisches Finale gibt dann noch einmal dem Inszenierten gegenüber dem Dokumentarischen den Vorzug. Fast wäre es gelungen: Gadjo dilo hätte mit der blanken Wirklichkeit das ganze überspannte Unterhaltungskino schachmatt setzen können. So bleibt der Film eine schöne Utopie, ein großer Versuch, im Kino wahr zu sein. (Stefan Grissemann, DIE PRESSE, 27/8/1998)
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