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Die Nitropfeife mit dem echten Hanfstengel


Heroin, Opiate

Martin schrieb
> Nun sagte doch meine Freundin tatsächlich, sie war ziemlich sauer,
> wenn ich mich schon unbedingt dicht machen möchte, dann solle ich das
> doch mit Heroin machen, weil es die Leber weitaus weniger bis fast
> gar nicht (wenn sauber) schädigt.
> War dann erstmal ganz schön baff, nach diesen Worten, aber es scheint
> etwas dran zu sein, denn sie hat die Informationen von mehreren
> Ärzten aus dem Krankenhaus, in dem sie arbeitet.
Hallo Martin,

deine Freundin hat völlig recht, was die relativen Risiken angeht von sauberen Opiaten und Alkohol angeht. Sauberes Heroin (wenn du es bekommen könntest!) schädigt keine Organe. Die Schäden von Junkies kommen von Verunreinigungen, von unhygienischen Injektionsbedingungen und von der Verelendung durch den hohen Geldbedarf (Schwarzmarktpreise).

> Ich verstehe das alles irgendwie nicht, wieso ist ein Stoff verboten,
> der weniger Gesunheitsschädlich ist, als die, die überall zu haben
> sind?
Heroin wurde verboten weil auch Opium verboten wurde. Opium wurde aber nicht verboten weil es schädlicher wäre als Alkohol (ist es nämlich nicht) sondern weil man davon relativ leicht körperlich abhängig werden kann und weil es unter Chinesen populär war. Die Abhängigkeit führte dazu, dass viele ärmere Chinesen die es sich eigentlich nicht leisten konnten, Geld für Opium ausgaben statt für Lebensmittel. Eine Reihe von wohlmeinenden protestantischen amerikanischen Missionaren waren deshalb dafür, die Droge ganz einfach zu verbieten.

Das Thema wurde besonders aktuell als 1898 die Philippinen nach dem spanisch-amerikanischen Krieg zur amerikanischen Kolonie wurden. Viele der Chinesen auf den Philippinen waren Opiumraucher. Die Missionare dachten, wenn man Opium einfach verbiete dann müssten sie alle mit dem Opiumrauchen aufhören. Opium war auch in China schon länger verboten, war aber troztdem sehr weit verbreitet. Der [chinesischen] Regierung war es suspekt weil die Bereitschaft, mittelloser Süchtiger, praktisch alles zu tun um an Geld für die nächste Pfeife Opium zu kommen Zweifel an ihrer Einhaltung konfuzianistischer Moralvorstellungen weckte. Dass der Kaiser Opium nichts aus Menschenliebe verbot versteht sich von selbst wenn man weiss dass er ertappte Konsumenten hinrichten liess!

Aus der Kampagne der protestantisch-fundamentalistischen Missionare auf den Philippinen und in China resultierte schliesslich [im Jahre 1912] die erste Schanghaier Opiumkonferenz. Ihr Organisator war Hamilton Wright, ein Arzt der dafür bekannt geworden war dass er "nachgewiesen" hatte dass Beriberi eine bakterielle Infektion sei. Tatsächlich ist Beriberi aber eine Vitaminmangelerscheinung... Wright hatte keine Skrupel, das Opiumgesetz von 1914 mit nackten Rassismus zu verkaufen: "Eine der unglücklichsten Phasen der Gewohnheit, Opium zu rauchen ist in unserem Lande die grosse Anzahl von Frauen die sich daran beteiligen und in wilder Ehe mit Chinesen zusammen wohnen..." Das allererste Opiumgesetz in den USA, eine Verordnung von 1875 in San Francisco, verbat ausdrücklich nur den Verkauf von Rauchopium durch *Chinesen*. Weisse Rassisten wollten keine Asiaten im Land, besonders nachdem diese die Eisenbahnen quer über den Westen fertiggebaut hatten und man Angst hatte, sie würden nun Weissen die Arbeit wegnehmen. Man konnte den Chinesen nicht verbieten hart zu arbeiten, aber man konnte ihnen das Opiumrauchen verbieten.

Das Schanghaier Abkommen war ein politischer Schachzug gegen England, das mit China in den 1840ern über Opiumimporte Krieg geführt hatte. Ueber das internationale Opiumabkommen wollten sich die USA bei der chinesischen Regierung einschmeicheln um in China Märkte für ihre Waren (und Seelen für ihre Missionare) zu gewinnen.

Hamilton Wright schaffte es, die Resultate des Schanghaier Abkommens in den Harrison Narcotics Act von 1914 umzusetzen, der Opiate nur noch auf Rezept zugänglich machte. Opiate wurden aber noch bis 1923 weiter von amerikanischen Ärzten an Süchtige verschrieben. Erst dann wurde die Ärzteschaft so eingeschüchtert, dass seitdem Opiate für Süchtige nur noch auf dem Schwarzmarkt verfügbar waren.

Weder der Schanghaier Konferenz noch dem Harrison Narcotics Act gingen irgendwelche medizinischen Studien über eventuelle Gesundheitsschäden durch Opium, Morphium oder Heroin voraus. Opium wurde verboten weil es eine *chinesische* Droge war, nicht weil es besonders schädlich war. Die Missionare die gegen Opium agitierten waren auch gegen Alkohol und 6 Jahre nach Opium wurde auch der verboten (amerikanische Alkoholprohibition 1920-33). Dass das neue Betäubungsmittelgesetz missachtet werden könnte und die Süchtigen auf Drogen vom Schwarzmarkt umsteigen würden konnte man sich damals nicht vorstellen. Im Jahre 1914 betrug das Jahresbudget für Erzwingungsmassnahmen für das neue Opiumgesetz gerade soviel wie die USA heute alle 3 Minuten für Drogenverfolgung ausgeben!

Dr Wright wurde übrigens nach der Verabschiedung des Opiat-Gesetzes ausgerechnet wegen ständiger Trunkenheit im Dienst gefeuert. Er meldete sich dann als Kriegsfreiwilliger nach Frankreich wo er als Sanitätsautofahrer nach einem Verkehrunfall verstarb.

Die internationalen Opiumabkommen (an die später auf Betreiben von Ägypten und Südafrika auch Hanf angehängt wurden) wurden von den Amerikanern zum Bestandteil des Versailler Vertrags gemacht so dass jedes Land dass sich an dem Friedensschluss nach dem Ersten Weltkrieg beteiligte, de facto genötigt wurde, die amerikanische Drogenpolitik zu übernehmen. Deutschland erliess aufgrund der Versailler Bedingungen im Jahre 1921 das Opiumgesetz, den Vorläufer des modernen Betäubungsmittelgesetzes, obwohl es damals praktisch kein Opiatproblem im Land gab. Noch im Jahre 1927, dem Höhepunkt der "wildern 20er", zählte man im ganzen Deutschen Reich nur 3.500 Opiatkonsumenten, davon 99 "Heroinisten". In Australien war Heroin noch bis 1953 als Hustensaft im Gebrauch und in Grossbritannien kann es heute noch verschrieben werden.

Was ganz klar ist dass Opiate nicht wegen Drogentoten verboten wurden. Vor dem Verbot waren Drogentote durch Opiate sehr selten, obwohl bis zu 0,3% der US-Bevölkerung um die Jahrhundertwende regelmässige Konsumenten waren. Zuerst wurden Opiate vor allem geraucht (Asien) oder als Tinktur getrunken (Europa, Amerika), später dann als Morphium gespritzt. Heroin hatte die selben Auswirkungen wie Morpium, nur bei dreifach kleineren Dosis und deshalb mit weniger Nebenwirkungen. Seit dem Verbot von Heroin ist nur noch Morphium als legales Schmerzmittel verfügbar und das wird oft viel zu restriktiv verschrieben. Vor dem Verbot war es gängige medizinische Praxis, Alkoholiker auf Morphium oder Heroin umzustellen. Sie waren dann zwar opiatabhängig statt alkoholabhängig, aber die Opiate schadeten ihrem Körper nicht, im Gegensatz zu den Auswirkungen von Alkoholismus (Leber, Nervensystem, usw.).

Heutzutage ist Heroin naturlich nur auf dem Schwarzmarkt zu finden, mit Streckmitteln gemischt und zu überhöhten Preisen, die viele der Probleme der Süchtigen erst verursachen. Hätte man Opium, Morphium und Heroin nie per Gesetz verboten dann hätten wir heute mit Sicherheit viel weniger Probleme mit ihnen als durch die bestehenden Gesetze.

> bye
> 
> Martin
MfG

Nitrophoska


Andre schrieb
> MEINE Erfahrungen sind so, das ich solchen Menschen materiell
> nicht mehr vertrauen kann. Und das tut weh, wenn sie gute
> Freunde wegen der Sucht bestehlen. Daran erkennt man,
> dass sie nicht mehr die "alten" sind.
Die Sucht wäre solange kein ernsthaftes Problem als die Süchtigen an ihre Droge herankämen. Bis zum Opiumverbot 1929 gab es in Deutschland kaum Probleme mit Opiaten. Drogenkonsumenten waren weitgehend unauffällig:

"So waren im Jahre 1927 gerade 3.500 OpiatkonsumenInnen im damaligen Deutschen Reich registriert; davon wurden 99 als HeroinistInnen eingestuft." (Gerlach, Ralf/Engemann, Stefan: Zum Grundverständnis akzeptanzorientierter Drogenarbeit, 3. Aufl., Münster 1995, S.15).

Zum richtigen Problem wird die Sucht erst wenn es keine legalen Quellen mehr gibt. Stellt man diese legalen Quellen wieder her, wie in der Schweizer Heroinverschreibung oder in Grossbritannien wo es Heroin auf Krankenschein gibt dann verschwinden die ganzen negativen Begleiterscheinungen.

Eine gute Einführung zur Drogenprohibition:

http://www.druglib.org/schaffer/Library/studies/cu/cumenu.htm

> Ich bin auch der Meinung, das man jeden tun lassen sollte,
> was er für richtig hält, solange er andere damit nicht schädigt
> oder belästigt. Und das sehe ich beim Heroin auf Dauer ganz
> und gar nicht. Auch nicht in reiner und gut dosierbarer Form.
> Bin ich auf dem Holzweg? Wenn ja, warum?
Unabhängig davon, wie hoch du das Risko der Abhängigkeit bei Heroin in Vergleich zu Alkohol einschätzst, ist Alkohol die wesentlich problematischere Droge was physische und psychische Probleme angeht. Wenn du an reines Heroin in bekannter Qualität herankommen könntest dann wäre das Risiko der Selbstschädigung eher geringer als bei Alkohol der ein starkes Zellgift ist.

Anders als Alkohol und andere Lösungsmittel (deren auch Alkohol eines ist) wirkt Heroin über spezifische Rezeptoren im Gehirn an die es andockt. Es wirkt über den selben Mechanismus wie vom Körper selbst produzierte Opiate, die Endorphine. Heroin muss nicht schaden um wirksam sein zu können, genausowenig wie die vom Gehirn selbst produzierten Opiate.

Erst wenn die Dosierung stark übersteigert ist kommt es zu akuten Problemen weil Teile des Nervensystems ausfallen (Atmung!). Bei Alkohol dagegen gibt es bereits Schädigungen (Leberschäden, erhöhtes Krebsrisiko) bei chronischen Dosierungen die keineswegs akut lebensgefährlich sind.

>> Das gilt für Heroin ganz genauso. Diese Droge macht auch
>> nicht schneller abhängig als Alkohol.
>
> Ich habe es schon oft gehört. Aber ich glaube es dennoch nicht.
> Wie ist das erklärbar? ich bin mir sehr sehr sicher, das wenn ich
> so oft auf Heroin gewesen wäre wie auf Alkohol, dann wäre ich
> schon ein ziemlicher alter Junkey!

Bei der Schwere der körperlichen Abhängigkeit gibt's Unterschiede. Bei einem Alkoholiker können die Entzugserscheinungen lebensbedrohliche Ausmasse annehmen, bei Heroin nicht. Wusstest du das?

Du darfst nicht das Suchtrisko einer Substanz mit ihrer Schädlichkeit verwechseln. Wir sind alle abhängig von Luft und Nahrung, aber das heisst nicht dass sie für uns *schädlich* wären. Andererseits hat Rattengift Null Suchtpotential, ist aber enorm schädlich. Heroin ist eine Substanz mit einem relativ hohen Abhängigkeitspotential die aber an und für sich nicht sonderlich schädlich wäre wenn sie weiterhin von Bayer hergestellt und in Apotheken vertrieben würde.

> Klingt wieder extrem verharmlosend. Ein Apfel zum reinen
> Heroin und alles ist gut!

Der grösste Teil des während des amerikanischen Bürgerkriegs verwendeten Morphiums wurde nicht zur Schmerzstillung nach Verwundungen eingesetzt sondern gegen *Durchfall*. Warum wohl? Weil das Opiat die Nerven in der Darmmuskulatur beruhigt.

> Wie sind die seelischen Veränderungen? Gibt es dagegen
> auch bestimmtes Obst?
Heroin verändert die Menschen nicht mehr als das legale Substitutionsmittel Methadon, das im Uebrigen noch stärker süchtig macht als Heroin. Ein Alkoholrausch verursacht eine weit drastischere Änderung am Verhalten als Heroingebrauch. Alkohol ist trotzdem legal und Heroin nicht. Warum?

Ich verurteile Heroinsüchtige nicht mehr als ich Diabetiker verurteilen würde. Heroinsucht ist keine Frage von Moral. Manche Menschen haben von Hause aus mehr Bedarf nach Geborgenheit, Wärme, Schutz vor Schmerz. Das mag am Elternhaus liegen oder an den Genen. Diese Menschen finden in Heroin etwas was sie besonders vermisst haben und sie sind besonders abhängigkeitsgefährdet. Aber selbst wenn sie sich mit Heroin selbstbehandelten und dabei süchtig wurden wäre das noch kein Problem sofern ihre Arznei legal erwerbbar wäre wie in Australien bis 1952 oder teilweise in England und der Schweiz heute.

Wenn Heroin regelmässig, legal und bezahlbar verfügbar ist können Heroinabhängige genauso ein normales, unauffälliges Leben führen wie mit Methadon Substituierte oder Diabetiker die ihre Spritzen auch auf Krankenschein bekommen. Das Verhalten auf Entzug auf das du wahrscheinlich anspielst würde da gar nicht auftreten.

Anfangs des 20. Jahrhunderts waren Opiate überall in Europa und den USA legal (und relativ billig) erweblich. Man schätzt den Anteil der Opiatabhängigen damals auf etwa 0,3% der US-Bevölkerung. Es waren zum grössten Teil Hausfrauen mittleren Alters die völlig unauffällig vor sich hin lebten, aber eben regelmässig ihr Fläschchen von irgendeinem "Wundermittel" brauchten.

> Ändert es etwas am Suchtpotential? Nein! Wissentlich
> ungestrecktes Heroin würde das Elend, welches die
> Leute erfahren vielleicht reduzieren, aber keineswegs
> aufheben.
Dann wäre das doch immerhin ein Schritt in die richtige Richtung, oder? Wer um jeden Preis die perfekte Welt schaffen will schafft stattdessen die Hölle.
> Andre
MfG

Nitrophoska


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