Antrittsrede des neuen Schulleiters , Regierungsschuldirektor Ulrich Gibitz, 1. August 1996.

Deutsche �bersetzung der Rede auf spanisch Sehr geehrter Herr Botschafter, Herr Honorarkonsul, Herr Pr�sident des Schulvorstands, Frau Rektorin, sehr geehrte Eltern und Kollegen , meine Damen und Herren , liebe Sch�ler, Gestatten Sie mir , da� ich zuerst all meinen Vorrednern f�r ihre freundlichen Begr��ungsworte danke. Ich wei�, da� mit meiner Ankunft viele Hoffnungen aber auch manche �ngste verkn�pft sind. Das Neue oder in meinem Fall der Neue weckt immer Interesse und auch manchmal Mi�trauen. Ich hoffe, da� ich in den Jahren meines Aufenthaltes in der Lage sein werde, ihre Hoffnungen zu erf�llen und ihre Bedenken zu zerstreuen. Ich m�chte meine kleine Rede mit einer Anekdote aus meinem Leben beginnen, die vielleicht manches im Hinblick auf meine Person und das, was ich ihnen sagen m�chte, erhellt: Vor etwa einem Monat , als meine Frau und ich unsere Koffer f�r unsere Reise nach Guayaquil packten, als wir ein letztes Mal unsere M�bel und die Kisten �berpr�ften , die wir mitnehmen wollten oder die in Deutschland bleiben sollten, fand ich inmitten all dieser Papiere und Gep�ckst�cke, inmitten all dieses Krimskrams, welches sich im Laufe der Jahre anh�uft, ein altes Buch , bedeckt vom Staub der Jahre: Hier war dieses Buch aus dem Jahre 1952 mit dem Titel: 'Mittel- und S�damerika. Conny P�nnebergs abenteuerliche Reise'. Ich �ffnete das Buch und begann zu lesen und mich zu erinnern. Als kleiner Junge mit etwa sieben Jahren hatte ich zum ersten Mal dieses Buch in der Hand gehalten. Meine Mutter hatte damals immer statt Butter Margarine der Marke Sanella gekauft, weil das in dieser Zeit nach dem Krieg billiger war , und obwohl ich diese Margarine eigentlich nicht ausstehen konnte, wartete ich begierig auf jede neue Packung. Denn in jeder Packung gab es jene farbigen Bildchen, die ich begeistert sammelte und in dieses Album einklebte: Bilder von fremden L�ndern, Zeichnungen von exotischen Menschen, die mich faszinierten und meine Neugier und mein Interesse weckten. Ich schm�kerte weiter in diesem Buch und hier , auf Seite 60 , las ich pl�tzlich etwas , was ich schon als kleiner siebenj�hriger Junge gelesen hatte, und woran ich mich nun erinnerte: " Guayaquil , die Stadt mit den S�uleng�ngen. Die K�ste Ecuadors ist regenreich; es gibt gro�e Plantagen im Tiefland und Guayaquil ist die Haupthafenstadt. Hier wimmelt es wieder von Negern und Mulatten, Indianern und Mestizen Autobusse sausen durch die Stra�en. Jeder Wagen hat einen eigenen Namen. Dort dr�ben h�lt 'Pizarro'; hier f�hrt eben 'Columbus' vor�ber'. Oh, aber die Sonne brennt hier furchtbar. Und die Moskitos sind auch keine sch�ne Zugabe. Die H�user haben alle �berdeckte Lauben- und S�uleng�nge. Das sieht sehr sch�n und malerisch aus, hat aber auch einen ganz praktischen Zweck. Die Laubeng�nge sollen vor der gl�henden �quatorsonne Schatten bieten und vor den Wasserfluten sch�tzen, wenn die Regenzeit kommt. Wie in allen gr��eren St�dten S�damerikas ist auch hier ein toller Verkehr auf den Stra�en. Aber in Guayaquil wird nur die eine Fahrbahn benutzt. Auf der anderen hockten Neger und trockneten riesige Mengen von Kakaobohnen, mitten auf der Stra�e." Das hatte ich vor mehr als 40 Jahren �ber die Stadt gelesen, die wir jetzt im Jahre 1996 kennenlernen w�rden. Irgendwie , so schien mir, schlo� sich nun ein Kreis oder eine Geschichte , die vor langer Zeit begonnen hatte, wurde fortgesetzt. Und als ich mir nun dieses Buch ansah, wurde mir vieles deutlich : ich erinnerte mich an die Tr�ume meiner Kindheit, an meine Neugier und mein Interesse, die mich nun schon fast ein halbes Jahrhundert begleitet hatten.

Selbstverst�ndlich war es nicht bei diesem Buch geblieben und es hatte andere B�cher �ber Afrika und Asien , �ber Menschen, Sitten und Gebr�uche ferner L�nder gegeben. Ich bin �berzeugt, da� in diesen fr�hen Jahren der Grundstein f�r mein Interesse an den Menschen und der Kultur ferner L�nder und Kontinente gelegt wurde. Ich glaube, da� diese ersten Erlebnisse meiner Kindheit ein erster Schritt auf meinem sp�teren Lebensweg waren. Jetzt, mehr als vierzig Jahre sp�ter, habe ich viele L�nder aus meinen Kindertr�umen kennengelernt . Ich habe in Asien, Afrika und Amerika gelebt und gearbeitet und ich habe viel von dem gesehen, was meine Neugier als Kind geweckt hatte. Liebe Sch�ler, wie ihr an dieser Anekdote seht kann auch viel von dem, was ihr jetzt h�rt oder lernt, und was ihr mit Feuer und Flamme begehrt und mit Sehnsucht ertr�umt, wahr werden, wenn ihr dieses Ziel mit aller Anstrengung und Beharrlichkeit verfolgt. Und - noch etwas : Als Kinder und Jugendliche habt ihr viele Fragen, ihr f�hlt eine tiefe Neugier, ihr wollt wissen und erfahren : meine Rat f�r Euch , verliert nicht diese Gef�hle, h�rt nicht auf zu suchen und zu fragen. Ihr werdet immer Menschen finden, die Euch bei Eurer Suche helfen und Eure Fragen beantworten werden. Ich m�chte nochmals auf dieses Buch meiner Kindheit zur�ckkommen : Das Guayaquil aus meinem Sammelalbum existiert nicht mehr. Guayaquil hat sich ver�ndert, die Welt hat sich ver�ndert. Und so wie sich die Welt ver�ndert , ver�ndert sich nat�rlich auch die Schule und wird und mu� sich auch in Zukunft �ndern und ver�ndern. Lassen Sie mich etwas zu diesen Ver�nderungen und der damit verbundenen Beunruhigung , die auch mich in meiner Arbeit der Lehrerfortbildung und Lehrplan- und Schulentwicklung in den letzten Jahren in Deutschland begleitet hat, sagen. Wir leben jetzt, am Ende des 20. Jahrhunderts, in einer Zeit, in der wieder einmal �berall auf der Welt die Frage nach den Zielen von Schule und Ausbildung gestellt wird und wieder , wie vor 2000 Jahren werden wir uns der Tatsache bewu�t, da� wir nicht f�r die Schule sondern f�r das Leben lernen m�ssen. Non scholae sed vitae.- so wie man es schon vor langer Zeit ausdr�ckte. Ein Leben, das heute durch eine Informationsflut charakterisiert ist, wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Eine allt�gliche Wirklichkeit, die gepr�gt ist von neuen Technologien, eine Wirklichkeit, die uns mit Begeisterung und Hoffnung erf�llt, die uns aber auch vor neue Probleme und globale Bedrohungen stellt. Lassen Sie mich einige nennen: Wie k�nnen wir weiterleben in einer Welt, in der die Rohstoffreserven zur�ckgehen , in der die Umwelt zerst�rt wird, in der das nat�rliche Gleichgewicht verloren geht und in der die Nahrungsmittel f�r eine st�ndig steigende Bev�lkerungszahl knapp werden ? Und noch eine Frage: Wie k�nnen wir all die Information, die t�glich auf uns einst�rzt, empfangen, kanalisieren, verarbeiten und weitergeben? Die Schule kann all diese Fragen nicht beantworten und auch keine einfache L�sung liefern. Aber die Schule kann die Sch�ler darauf vorbereiten, da� sie imstande sind ,sich diesen Problemen zu stellen. Die Schule kann und mu� dem Sch�ler beibringen, wie man lernt. Lernen zu lernen wird immer mehr zum Hauptziel der Schule, weil Lernen nicht mit dem Unterricht in der Schule beendet ist. Wir m�ssen vorbereitet und bereit zu lebenslangem Lernen sein.

Gestatten Sie mir, da� ich zu Beginn meiner Arbeit als Schulleiter dieser Schule einigen W�nschen Ausdruck verleihe. Sehr geehrte Lehrer, liebe Sch�ler, sie lehren und ihr lernt in einer der sch�nsten Schulen, die ich in meinen Reisen in viele L�nder gesehen habe. Ich hoffe, da� der �u�ere Schein und der innere Geist Hand in Hand gehen. Lassen Sie mich eine Metapher ben�tzen. Wir haben hier ein wundersch�nes Haus. Warum wollen wir nicht versuchen, hier eine Familie zu bilden ? Die Humboldtfamilie. Was soll das hei�en ? - In einer Familie hat jeder seine Rechte und Pflichten. Es gef�llt uns nicht, wenn jemand schlecht von unserer Familie redet. Deshalb m�ssen wir uns auch dementsprechend verhalten. - In einer Familie hilft der eine dem anderen. Deshalb mu� die gegenseitige Unterst�tzung ein Grundprinzip unserer Humboldtfamilie sein. Bitte, verstehen Sie das nicht falsch ! Wenn ich von der Humboldtfamilie spreche, meine ich nicht, da� wir hier wie auf einer privilegierten Insel leben, die mit der Welt au�erhalb nichts zu tun hat. So wie eine Familie nicht allein leben kann , mu� unsere Humboldtfamilie auch Kontakte mit der Au�enwelt haben, mit anderen Schulen, mit Firmen, mit Institutionen und Organisationen. Der Gedankenaustausch mit anderen Familien ist notwendig und nur wenn wir die Schule als Lebensraum begreifen, k�nnen wir Erfolg haben. Ein Rat an alle Sch�ler und Lehrer: In einer Familie kennen wir die Defekte, die Schw�chen und St�rken der Familienmitglieder, ihre F�higkeiten und Fertigkeiten. Wir wollen nicht die Fehler der anderen mit der Lupe suchen, sondern ihnen helfen, ihre St�rken zu entwickeln, zum Wohle aller! Wie in einer Familie m�ssen wir versuchen , unsere gemeinsame Aufgabe mit Zuneigung und gegenseitigem Verst�ndnis in Angriff zu nehmen. Ich hoffe, da� wir alle, Eltern, Lehrer und Sch�ler der Humboldtfamilie einige unserer Probleme l�sen k�nnen und da� wir solidarisch zusammenarbeiten auf der Grundlage von Toleranz, gegenseitiger Achtung und Friedensliebe. Wir m�ssen das festigen, was gut ist, und das ver�ndern, was zu ver�ndern ist. Ich meinerseits bin bereit, meinen Teil zu dieser unserer gemeinsamen Arbeit beizutragen und hoffe auf die Mitarbeit der gesamten Humboldtfamilie. Vielen Dank.

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