Die Sirene


DIETER WELLERSHOFF (1925-….)

Er wurde 1925 in Neuß am Rhein geboren. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Köln. 1943 wurde er, noch als Schüler, erst zum Arbeitsdienst und dann zum Militär einberufen. An der Front in Litauen erhielt er im Winter 1944 einen Beinschuß und kam ins Lazarett. Der krieg war für ihn aus.

1946 holte er seinen Schulabschluß nach und studierte in Bonn Germanistik, Psychologie und Kunstgeschichte. Anders als bei der ein Jahrzehnt älteren Generation, zu der Heinrich Böll gehört, wurden der Krieg und die Verarbeitung der deutschen Schuld nicht zum großen Thema des Schriftstellers Wellershoff, der im Laufe der fünfziger Jahre zu schreiben begann. Hauptthema in seiner Werk ist der einzelne Mensch, der in seinem Verhalten, Selbstverständnis und Umweltbezug dermaßen gestört ist, daß er in eine tiefe Krise hineingeraten kann. Eine Krise, die alles veränderen kann, also auch den Blick für die Wirklichkeit (Neuen Realismus). Auch einem Thema des neuen Realismus ist die ‘Wahrnehmung’. In seiner Werke schreibt er über Irritationen, durch die die harmonisierte Welt in Frage gestellt wird. Er schreibt auch über unerwartete und fremde Sachen, die man neugierig machen und man aus dem geordneten Welt holen.

Seit Mitte der sechziger Jahre erscheinen von ihm jährlich meist mehere literarische Arbeiten: (Kriminal)Romane, Erzählungen, Gedichte, Hörspiele, Drehbücher für Film und Fernsehen, Essays.

Im Zusammenhang einer Erzählung kann eine Irritation der Mittelpunkt sein, von dem aus sich alles entwickelt, wie in ‘Die Sirene’, sein erfolgreichstes Buch.

Bekannte Titel sind:

-Literatur und Veränderung (1969);
-Die Schattengrenze (1969);
-Der Gesang der Sirenen (1973);
-Deutschland – ein Schwebezustand (1979);
-Die Sirene (1980);
-Die Arbeit des Lebens. Autobiographische Texte (1985);
-Der Ernstfall. Innenansichten des Krieges (1995).

Die Sirene (Eine Novelle)

Erste auflage: 1980, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Verlag und Seitenzahl: 1996, Wolters-Noordhoff, Groningen. 120 Seiten

Motto: Die sirenen lebten auf einer Insel vor der italienischen Küste. Wenn sich Schiffe näherten, sangen sie so betörend, daß die Seeleute ihre Heimat vergaßen und willenlos auf der Sirenen-Insel verkamen, die von gebleichten Knochen weiß wurde… Nach spätklassischen Äußerungen mußten die Sirenen sterben, wenn jemand heil an ihrer Insel verbeikam.

Lexikon der antiken Mythologie

Welcher Art war der Gesang der Sirenen? Worin bestand sein Mangel? Warum verlieh dieser Mangelihm solche Macht? Die einen haben von jeher geantwortet: Es war ein nichtmenschlicher Gesang, ein natürliches Geräusch (gibt es denn andere?), aber am Rande des Natürlichen, dem Menschen in jeder Hinsicht fremd, sehr leise, geeignet, ihm jene Lust zu bescheren, die im Fallen besteht und die er im gewöhnlichen Leben nicht befriedigen kann.

Maurice Blanchot, Der Gesang der Sirenen

Motto- und Titelerklärung: Die sexuelle Versuchung Elsheimers ist ein Instrument des dämomischen Zaubers der Sirene. Die Frau setzt dieses Instrument ein, um ihn an sich zu binden, und er läßt sich ‘entrücken’. ‘Die Entrückung’, wie das zweite Kapitel der Novelle heißt, reißt Elsheimer aus seiner Vernunftexistenz. Der verführerische Gesang aus dem Telefon ist eine Verheißung, die ihn mehr und mehr ergreift.

Durch den Titel der Novelle und durch die zwei Zitate, die Wellershoff ihr als Motto voranstellt, macht er deutlich, was er vorhat: eine neue, moderne Erzählung des antiken Mythos der Sirenen und eine Reflektion des Wessens der Literatur, das er im Gleichnis des Sirenengesangs zu fassen sucht.

Perspektive: Das Buch hat drei Kapiteln genannt: 1. Das Rufen, 2. Die Entrückung und 3. Der Kampf. Ein alwissender Erzähler erzählt in dem ganzen Buch die Geschichte.

Zeit und Ort: Die Geschichte kann heute passieren. Die Zeit ist nicht genau bekannt, aber sicher in einer Winterperiode nach dem Krieg. Die Zeit wird chronologisch beschrieben. Es gibt keine Rückblenden oder Vorausbedeutungen. Die Orte der Handlung sind Elsheimers Haus, und Hamburg.

Hauptpersonen:

Elsheimer: er ist Vater von zwei Töchter, Claudia und Tina. Er ist verheiratet mit Brita, die er schon lange Zeit kennt. Er hat eine gute Job (er ist professor und Vizepräsident der Pädagogischen Gesellschaft). Er ist unsicher und weiß nicht wer er ist. Im Lauf der Geschichte tritt seine Ambivalenz immer mehr hervor. Zuerst sieht er ‘die Frau’ wie ein Schif, als Ausbruch aus der Gewöhnung des Ehelebens. Er lebt nun in zwei Welten, aber später fühlt er, daß diese Frau seine Feind ist den er bekämpfen muß. Der innere Zustand Elsheimers wird auch beschrieben durch seine Wahrnehmung der Natur um ihn herum. Immer wieder kommt der Schnee in der Geschichte zurück als Symbol für Elsheimers Ziellosigkeit und die drohende Auslöschung. Im letzten Kapitel verschwindet der Schnee und wiederfindet er seine Vernunft: Die Sirene ist Vergangenheit.

Die Frau: sie symbolisiert die Sirene. Sie lockt Elsheimer, sie ruft ihn immer an, sie sprach fremd, wie das Singen einer Sirene. Sie erhält die ganze Erzählung hindurch keinen Namen. Sie bleibt Telefonstimme und Imagination. Ihre Klage über den Verlust ihres Geliebten, ihr Leiden und ihr wahnhafter Identitätsverlust, in dem sie sich in wochenlangen Anrufen an Elsheimer wendet, löst bei ihn eine eigene Identitätskrise aus, die ihn an die Sirene bindet wie eine Sucht. Sie hat warscheinlich Angst vor Sex, aber ist in ihrer Phantasie Hure. Sie ist eine Neurotikerin und versucht Elsheimer verrückt zu machen. Sie ist eine leere Hülle.

Thema: Die Geschichte handelt über Selbsterkenntnis. Und auch spielt die Polarität zwischen der bedrohlichen Geschlechtlichkeit der verführerischen Sirene und der gesellschaftlich funktionalisierten Weiblichkeit der Ehefrau eine wichtige Rolle.

Eigene Meinung: Ich fand die Geschichte sehr Original. Ich habe noch nie, auch nicht in Holländisch, ein Buch mit diesem Thema gelesen. Die Geschichte war aber auch etwas phantastisch, Elsheimer hat eine fremde, schwache Persönlichkeit.


Terug


Robert Boer.
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Revised: juni 01, 1999.

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