Der Vater eines Mörders


Alfred Andersch (1914-1980)

Er wurde 1914 in München geboren. Nach nicht beendeter Gymnasialausbildung machte er Buchhandelslehre. Schon bald engagierte er sich politisch als Organisationsleiter der kommunistischen Jugend (KJV) in Bayern. Nach dem Reichtagsbrand wurde er verhaftet und ins KZ Dachau gebracht. Im Zweiten Weltkrieg war er Soldat an der italischen Front, bis er 1944 zu den Amerikanern desertierte. In der KPD fühlt Andersch sich nicht länger heimisch, da sie keine persönliche Entscheidungsfreiheit zuläßt. Nach dem Krieg war er Jahre lang als Journalist und Rundfunkredakteur tätig, bis er dann 1958 freier Schriftsteller wurde. Andersch nahm in den sechziger und siebziger Jahren engagiert am politischen Leben der Bundesrepublik Deutschland teil und verarbeitete es in seinen Romanen, Erzählungen, Hörspielen und Essays. Er starb 1980 in Berzona in der Schweiz.

Er war immer ein sehr gesellschaftkritischer Autor. Hauptthemen in seinen Werken sind Flucht und die Sucht des einzelnen nach persönlicher Freiheit. Kurz vor seinem Tod entstand sein letztes Buch: die autobiographische Schulgeschichte ‘Der Vater eines Mörders’.

Bekannte Titel sind:

Kirschen der Freiheit (1952);
Sansibar oder der letzte Grund (1957);
Fahrerflucht (1958, Hörspiel);
Die Rote (1960);
Efraim (1967);
Winterspelt (1974);
Der Vater eines Mörders (1980, Erzählung)

Der Vater Eines Mörders (Eine Schulgeschichte)

Erste Auflage: 1980, Diogenes Verlag, Zürich

Verlag und Seitenzahl: 1982, Diogenes Verlag, Zürich. 140 Seiten

Motto: Dieses Buch hat eine Vorbemerkung und zwei Mottos:

Ein unbegabter Gymnasiast widmet diese Erzählung einem hoch-begabten,
der einer der größten Meister deutscher Sprache und Dichtung wurde:
seinem Altergenossen und lieben Freund
Arno Schmidt
in memoriam

Mottos:

>>Diesen, hör ich, sind wir los geworden Und er wird es nicht mehr weiter treiben Er hat aufgehört, uns zu ermorden. Leider gibt es sonst nichts zu beschreiben. Diesen nämlich sind wir los geworden. Aber viele weiß ich, die uns bleiben.<<

Bertolt Brecht,
Auf den Tod eines Verbrechers

>>Fast niemand scheint zu fühlen, daß die Sünde, die allstündlich an unseren Kindern Begangen wird, zum Wesen der Schule gehört. Aber es wird sich nocheinmal an den Staaten rächen, daß sie ihre Schulen zu Anstalten gemacht haben, in denen die Seele des Kindes systematisch gemordet wird.<<

Fritz Mauthner, Wörterbuch der Philosophie

Motto- und Titelerklärung: ‘Der Vater eines Mörders’ verweist auf die Tatsache, daß der Sohn des Schulrektors, Heinrich Himmler, später in der Nazizeit zum Massenmörder werden sollte. Im ‘Nachwort für Leser’ geht Andersch jetzt mit dieser Geschichte der Frage nach, wie es möglich ist, daß ein solcher Verbrecher wie Heinrich Himmler einem gutbürgerlichen, humanistisch gebildeten Milieu entstammt.

Die Mottos, die der Erzählung vorangestellt sind, verweisen auf beide Aspekte der Geschichte: die Kritik am Schulsystem und die Suche nach den Wurzeln des Faschismus.

Perspektive: Der Verfasser läßt Franz Kien (sein anderes Ich) erzählen, weil das Erzählen in der dritten Person ihm erlaubt, so ehrlich zu sein wie nur möglich. Es verhilft ihm dazu, Hemmungen zu überwinden, von denen er sich kaum befreien kann, wenn er sagt: Ich. All seine andere autobiographische Stücke sind in der ersten Person Einzahl.

Die Geschichte ist nicht völlig autobiographisch, weil zum Beispiel die Konrad-von-Greiff-Episode sich nicht während der in dieser Erzählung geschilderten Griechisch-Stunde abgespielt hat, sondern bei anderer Gelegenheit.

Zeit und Ort: Diese Schulgeschichte spielt an einem humanistischen Gymnasium in München im Mai 1928. Im Grunde wird nur eine einzige Unterrichtsstunde beschrieben und zwar die Griechischstunde des Klassenlehrers Kandlbinder, dessen Unterricht aber während dieser einer Stunde vom Oberstudiendirektor Himmler, dem ‘Rex’, übernommen wird, weil dieser mal kontrollieren will, was die Klasse alles weiß. Die Erzählweise ist vollständig linear. Erzählt wird, was sich von der ersten bis zur letzten Minute einer Schulstunde begeben hat; darüber hinaus begnügt sich der Text mit einer einzigen Rückblende (der Mitteilung, was Kien senior seinem Sohn, Franz, über den Rex berichtet hat) und einer einzigen Vorausblende (dem Familie-Bild am Schluß).

Hauptpersonen:

Franz Kien: ein 14jährige Junge, Schüler der vierten Klasse des Wittelsbacher Gymnasiums in München 1928. Er haßt die Schule und ist schlecht in Griechisch und Mathe. Unter den Klassenkameraden hat er keine wirklichen Freunde, nur mit seinem Nebenmann Hugo Aletter verkehrt er ein bißchen. Sein Vater war Reserve-Offizier im Ersten Weltkrieg und ist stolz auf das Eiserne Kreuz, das er bekommen hat. Er ist Kriegskruppel und bekommt keine Pension, weil er Reserve-Offizier war. Es geht darum der Familie finanziell schlecht. Sein Vater ist aber noch sehr deutschnational gesinnt. Der Verfasser versteckt sich hinter Franz Kien (sein anderes Ich).

Thema: Kritik am Schulsystem im Jahre 1928, weil damals von den Schülern dieselben Eigenschaften verlangt werden wie in der Nazizeit vom ganzen deutschen Volk: Gehorsam und Kadaverdisziplin. Auch die Sucht nach den Wurzeln des Faschismus ist ein Thema.

Eigene Meinung: Viele lange Satzen. Das war schwierig zu lesen. Auch weil in 140 Seiten eine Stunde beschrieben werde. Im ‘Nachwort für Leser’ standen viele wichtige Sachen. Es war sehr gewandt, weil der Verfasser viele Undeutlichkeiten erklärt.


Terug


Robert Boer.
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Revised: juni 01, 1999.

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